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Wirtschaftswachstum als essentielle Bedrohung

An der „Wachstumsfrage“ scheiden sich die Geister: Bewirkt Wachstum den von der Menschheit eigens herbeigeführten Untergang der Welt oder hält es ganz im Gegenteil die einzige Lösung für die Probleme der Weltgemeinschaft bereit? Darüber diskutieren Katja Gentinetta und Niko Paech in der Streitschrift „Wachstum“, dem ersten Band unserer neuen Reihe „Streifragen“. Während Katja Gentinetta dafür plädiert, dass menschliches Handeln nicht einzig auf ein Überleben ausgerichtet sein darf, sondern sich vielmehr auf die größte Fähigkeit des Menschen rückbesinnen muss, die Welt durch seine Talente immer weiter zu verbessern, übt Niko Paech scharfe Kritik: Gerade das menschliche Streben nach Wachstum ist es, das unsere Welt ihrem Ende immer näher bringt, da die Menschheit durch ihre besinnungslose Ausrichtung an immer mehr Fortschritt und der dadurch ausgelösten Zerstörung kurz vor ihrem Ende steht. In dem heutigen Kommentar antwortet Niko Paech auf den Beitrag von Katja Gentinetta in der vergangenen Woche.

Der folgenreichste Irrtum, in den sich die menschliche Zivilisation jemals verrannt hat, entstammt nicht etwa grauer, von Aberglauben und Unaufgeklärtheit geprägter Vorzeit, sondern ist eine Kopfgeburt der Moderne, also eines Zeitalters der bedingungslosen Fortschrittsgläubigkeit. Demnach sei es möglich, durch Wissensvermehrung, Innovationskraft und technologische Perfektion aus dem materiellen Nichts einen Wohlstand zu erschaffen, der wundersamerweise selbst alles andere als immateriell ist.

Was derlei Allmachtsphantasien, die sich in Narrativen wie dem vom vermeintlichen Produktivitätszuwachs widerspiegeln, lange überdauern ließ, ist ein simples Faktum. Die komplexe Mitwelt verfügt über viele Pufferkapazitäten, zeitigt immense Verzögerungseffekte, physische Umwandlungen sowie räumliche Verlagerungen, hinter denen sich jene Effekte verbergen lassen, die von technisch-industriellen Prozessen ausgelöst werden. Die räumliche Verteilung ökologischer Ursache-Wirkungs-Beziehungen überfordert nicht nur die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit, sondern erschwert eine empirische Erfassung der Nebenwirkungen des modernen Lebensstils. So ließ sich leicht darüber hinwegtäuschen, dass ökonomischer Fortschritt seit Anbruch der ersten industriellen Revolution nichts anderes als Raubbau sein konnte, somit früher oder später in Chaos umschlagen würde, wenn die Substanz, von der er zehrt, unwiederbringlich verbraucht ist.

Infolge einer besinnungslosen Ausrichtung an Wachstum und Technisierung hat die menschliche Zivilisation binnen kürzester Zeit ihre ökologische Überlebensfähigkeit eingebüßt. Von einem Mangel an Korrekturversuchen kann indes keine Rede sein. Allerdings unterwirft sich deren Gros einer strukturkonformen Logik, die zumeist als »ökologische Modernisierung«, »Green Growth« oder »Green (New) Deal« bezeichnet wird. In ihr offenbart sich eine vorgeblich geläuterte, nunmehr »nachhaltige« Steigerungsvariante, die zeitgenössischen Konsumgesellschaften als Alibi dafür dient, überfällige Anspruchsmäßigungen als unnötig zurückzuweisen.

Tüchtiger Innovationseifer, so lautet das Credo, werde einen Wirbelwind an technologischen Problemlösungen heraufziehen lassen, der alle Nachhaltigkeitsdefizite vorangegangener Innovationswellen rückstandslos wegoptimiert, ohne den Insassen der Komfortzonen zumuten zu müssen, ihre Handlungen reduktiv zu ändern. Aber lassen sich die Folgen früherer Modernisierungsrisiken durch das Eingehen weiterer Risiken tilgen? Kann Feuer mit Benzin gelöscht werden? Interessanterweise sind es gerade viele der fieberhaft entwickelten Effizienz-, Energiewende- oder Kreislauf-Lösungen, die den materiellen Raubbau sogar intensivieren, indem sie bislang verschont gebliebene Naturgüter und Landschaftsbestandteile einer »grünen«, nichtsdestotrotz industriellen Verwertung zuführen. Dies zeigt beispielsweise der geplante Windkraftausbau im Odenwald, der dessen vollständigen landschaftlichen Zerstörung gleichkäme, genauso eindrucksvoll wie die Tesla-Ansiedlung im brandenburgischen Grünheide, die Lithium-Förderung in Bolivien, die Neodym-Gewinnung in China, die Elektroschrott-Lawine, die sich über den afrikanischen Kontinent ergießt, oder die Wasserkraftprojekte in Brasilien, Island oder der Türkei.

Neben ökologischen Grenzen, die sich unüberwindbarer als je zuvor darstellen, decken die Lehman-Brothers- und die Coronakrise ökonomische Sollbruchstellen einer außer Kontrolle geratenen, zunehmend einsturzgefährdeten Wohlstandsarchitektur auf. Damit wird der Nachhaltigkeitsdiskurs um einen vormals kaum beachteten Aspekt erweitert: Resilienz als Fähigkeit der Gesellschaft, der Ökonomie, eines technischen oder sozialen Systems oder auch eines Individuums, (externe) Störungen zu verarbeiten, ohne die Überlebens- und originäre Funktionsfähigkeit zu verlieren. Eine dritte Fortschrittsblase, die ebenfalls geplatzt ist, betrifft den Zusammenhang zwischen der durchschnittlichen Lebenszufriedenheit und dem Ausmaß an verfügbaren Konsum-, Mobilitäts- und Technikoptionen. Längst ist von einer überforderten oder erschöpften Gesellschaft die Rede.

Allerdings formieren sich inzwischen wachstumsskeptische Positionen unter Bezeichnungen wie »Bio Economy«, »Steady State«, »Degrowth«, »Décroissance«, »Decrescita« oder »Postwachstumsökonomie«. Sie widmen sich genügsamen Versorgungsformen und Lebensstilen, die das Ziel der ökologischen Überlebensfähigkeit mit jenem der Resilienz und einer erstrebenswerten Lebensqualität koppeln. Als kritische Wissenschaftsdisziplin, die sich diverser Theoriezugänge bedient, ist daraus die Postwachstumsökonomik hervorgegangen. Sie stützt sich auf die Gesetze der Thermodynamik und bildet einen Bereich der Pluralen Ökonomik.

Die Postwachstumsökonomik verneint eine systematische Vermehrbarkeit materieller Handlungsspielräume im endlichen System Erde: Jedes Mehr an materiellen Freiheiten wird zwangsläufig mit einem Verlust an nutzbaren Ressourcen und einer Zunahme ökologischer Schäden erkauft. Dies untermauert die Einsicht, dass ein sozial gerechter Zustand nur erreicht werden kann, wenn akzeptiert wird, dass die verfügbare Verteilungsmasse begrenzt ist. Denn wenn alles, was aus industrieller Spezialisierung resultiert, grundsätzlich nicht ohne ökologische Plünderung zu haben ist, bedarf der darauf gründende Wohlstand einer Begrenzung.

 

Niko Paech

Niko PaechProf. Dr. Niko Paech, geboren 1960, ist Volkswirt und habilitierte sich an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, wo er von 2008 bis 2016 den Lehrstuhl für Produktion und Umwelt innehatte. Derzeit forscht und lehrt er an der Universität Siegen im Studiengang "Plurale Ökonomik". Paech hat den Begriff der "Postwachstumsökonomie" in Deutschland eingeführt und gilt als wichtigster Vertreter der Wachstumskritik. 2014 wurde er mit dem ZEIT WISSEN-Preis "Mut zur Nachhaltigkeit" ausgezeichnet.

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