/Kommentare/Wir wollen zukunftsfähigen Wald, keinen „Forst“

Wir wollen zukunftsfähigen Wald, keinen „Forst“

Der Wald ist in Gefahr! Dabei sind Wald und Forstwirtschaft essentiell, um den fortschreitenden Klimawandel aufzuhalten. Den Wald als Sauerstofflieferanten zu stärken und das Holz der geschlagenen Bäume als langfristigen CO2-Binder zu produzieren, ist der entscheidende Schritt über die vorherrschende nostalgische Sichtweise hinaus, Wälder als Naturschutzgebiete sich selbst zu überlassen. Die Fürsten Castell haben schon früh erkannt, dass Ökologie und Ökonomie in einem nachhaltigen und ganzheitlichen Konzept der Waldbewirtschaftung kein Widerspruch sind. Im Gegenteil: Holz ist ein nachhaltiger Rohstoff, der keine auf schnelle Rendite ausgerichtete Wirtschaftsweise verträgt. Und Holz ist das Baumaterial der Zukunft. Denn nur wenn CO2 im Holz gespeichert wird, entfaltet sich sein ganzes Potential für diesen Planeten. Ihre Philosophie lautet: „Wir denken in Generationen, nicht in Quartalen“. Weil wir den Wald für die Zukunft der nachfolgenden Generationen brauchen!

Mit unseren „Wurzeln“ gehen wir sorgfältig und klug um. Unsere Experten in Wald, Landwirtschaft und Wein sind sehr darauf bedacht, ökologische Zusammenhänge zu erkennen, verstehen zu lernen und zu schützen, vor allem den Boden. Wir helfen heute unserem Boden, wieder lebendig zu werden. Wir freuen uns darauf, dass wir hoffentlich in naher Zukunft in einer Handvoll Erde wieder mehr Lebewesen haben, als Menschen auf dem Planeten leben. Unsere Böden sollen mit ihrer Speicherleistung helfen, Kohlenstoff aus der Atmosphäre in der Erde zu binden. Im Acker- und Weinbau hat der Humusaufbau Priorität. Darüber hinaus verzichten wir im Gesamtbetrieb auf die Verwendung von Glyphosat.

Ein zentraler Auftrag ist für uns, die Wasserverfügbarkeit zu sichern. Wir wollen nicht weiter gießen oder bewässern müssen, sondern mit gezieltem Humusaufbau eine bessere Wasserspeicherfähigkeit und Nährstoffverfügbarkeit erreichen. Das gelingt im Wald zum Beispiel mit Totholz. Wir fahren nicht jeden Ast raus, den man auch als Hackschnitzel verheizen könnte, sondern lassen bewusst nicht wenig davon im Wald. Mikroben, Insekten, Pilze, um nur einige wenige der unzähligen Helfer zu nennen, zersetzen die organische Substanz. Das Totholz wird durch die vielen kleinen Löcher schwammig und kann so erheblich mehr Wasser speichern, das in Trockenperioden wertvoll ist.

Um unser wirtschaftliches Risiko weiter zu minimieren, setzen wir auf eine Erweiterung unseres Angebots an verkaufsfähigem Holz. Damit versprechen wir uns Antworten auf noch nicht absehbare Entwicklungen, egal ob wirtschaftlicher, klimatischer oder auch modischer Art. Wir nennen das „Risikostreuung“. Beim Wald setzen wir dabei im Kern auf die seit Jahrtausenden hier ansässigen Arten Eiche, Buche, Ulme, Linde, Tanne, Elsbeere, Speierling, Kirsche und viele andere. Besonders wichtig ist uns dabei die Mischung der Arten. Wir wollen keine „Forst“ genannte Monokultur. Wir bauen an einem gut gemischten, artenreichen, zukunftsfähigen und wertvollen Wald. Warum gemischt und artenreich? Jeder Baum hat seine individuellen Schädlinge. Die Eiche den Grünen Eichenwickler, den Gemeinen Frostspanner, den Eichenprozessionsspinner, den Schwammspinner und den Eichenprachtkäfer. Borkenkäfer, wie Buchdrucker und Kupferstecher, greifen besonders Fichten an. Die Rußrindenkrankheit befällt vor allem den Ahorn. Das falsche weiße Stengelbecherchen schädigt die Eschentriebe immens. Unsere Waldkiefer kommt zwar mit Trockenheit gut zurecht, aber nicht mit der immensen Hitze, die 2018 und 2019 hier herrschte, in Folge des Trockenstresses wurde sie von Prachtkäfer, Waldgärtner und weiteren Insekten befallen, die Kronen wurden braun und litten unter dem Diplodia-Triebsterben, einem Pilz, der zum Absterben der Nadeln und Triebe führt.

Je unterschiedlicher die Baumarten sind, desto geringer ist die Gefahr einer massenhaften Vermehrung der Schädlinge. Das heißt aber auch, wenn eine Baumart im Mischwald zerstört wird, entsteht eine Lücke, die von anderen Arten begrenzt wird. Angenommen, ein oder zwei Baumarten von vielleicht fünfzehn Gattungen verschwinden komplett durch Klimaveränderung, Schädlinge, Krankheiten, aus welchen Gründen auch immer, dann bleibt immer noch ein artenreicher Wald zurück. Er löst sich nicht auf ganzer Fläche auf, sondern bleibt locker erhalten und das Waldklima wird nicht gestört.

Der Wald hat uns gelehrt, dass man hohe Ertragserwartungen immer gegen das in ihnen liegende Risiko abwägen muss. Ein Vergleich: Pflanzen wir im Wald ausschließlich Fichte, weil sie theoretisch am schnellsten wächst, und haben wir, beziehungsweise unsere Nachkommen, dazu das sehr große Glück, dass die Fichte ihre 120 Jahre bis zur Erntereife überlebt, dann werden unsere Enkel sehr viel Geld verdienen. Es gibt aber ein sehr, sehr großes Risiko, dass etwas dazwischenkommt wie zum Beispiel Schneebruch, Windwurf oder Borkenkäfer. In unseren Aufzeichnungen von 1960 bis heute, insbesondere seit Anfang der 2000er Jahre, ist ein kontinuierlicher Anstieg der Kalamitäten dokumentiert.

Erweitern wir an diesem Beispiel die Risikostreuung noch einmal. Wir möchten nämlich unsere fünfzehn Baumarten auch noch in sämtlichen Altersklassen vorrätig haben. Unser Ziel ist also, dass alle Entwicklungsstadien aller Baumarten zugleich bei uns stehen, wachsen und sich wohl fühlen. Das verspricht größte Stabilität, einen stattlichen gemischten Bestand und damit eine geringere Abhängigkeit vom Holzmarkt. Wir wollen in Zukunft nur ernten und verkaufen, wenn wir den besten Preis im Verkauf erzielen.

In den 2000er Jahren haben wir einige Millionen Pflanzen eingebracht, um Schadflächen zu bestocken, die durch Sturm, Trockenheit und Käfer entstanden sind. Der Schwerpunkt hat sich inzwischen verlagert. Unser Bestreben heute ist nicht mehr, viel zu pflanzen, sondern den Wald sich selbst durch Samen der Mutterbäume verjüngen zu lassen. Deren Saatgut fühlt sich am heimatlichen Standort von Anfang an wohler als die von Menschenhand gepflanzten Bäume. Die Natur entscheidet dabei selbst, welche Baumart sich an welcher Stelle für die Zukunft durchsetzt. Eichelhäher und Eichhörnchen helfen fleißig mit bei der Samenverbreitung. Das tut der natürlichen Verjüngung gut und führt zu einem abwechslungsreichen Mischwald. Uns ist bis heute eine sehenswerte, artenreiche und dichte Naturverjüngung gelungen. Bei voller Belaubung im Sommer ist kein Durchkommen.

Wir können auf Wälder zurückgreifen, die seit Jahrzehnten naturnah bewirtschaftet werden. Das Zusammenstehen von Nadel- und Laubbäumen im gemischten Wald hat uns vor dem Schlimmsten bewahrt. Dabei werden wir in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren vereinzelt noch fehlende oder zu gering vorhandene Bäumchen gruppenweise in einigen Waldabteilungen ergänzen. Aber großflächige Pflanzungen, hauptsächlich von Laubbäumen, finden nur noch auf Kahlflächen statt, die der „Käfer“ hinterlassen hat.

Ein Wald, der ökologisch diversifiziert ist, ist ein anderer Mikrokosmos, als wir ihn bisher kannten. Ökonomie und Ökologie gehen dabei Hand in Hand: Ein gesunder Mischwald bringt einen gesunden Ertrag. Ob man sich die nötigen Investitionen leisten kann und will, ist eine persönliche Entscheidung. Wir haben uns dafür entschieden, denn wenn es uns gelingt, diese Millionen kleiner gepflanzter Bäume und die vielen, die darüber hinaus von ganz allein wachsen, zu pflegen und zu fördern, ist das die Grundlage für die wirtschaftliche und ökologische Existenz unserer Enkel und deren Nachkommen.

Otto Castell-Rüdenhausen

Otto Castell-RüdenhausenFürst Otto zu Castell-Rüdenhausen Die Geschichte der Familie Castell lässt sich bis ins Jahr 1057 zurückverfolgen und ist seit jeher von umsichtigem wie weitblickendem Handeln geprägt. Neben der Bewirtschaftung des jahrhundertealten Forstbetriebs, wurden in Castell schon 1659 die ersten Silvanerreben gepflanzt. Die in Folge einer Hungersnot 1774 gegründete Fürstlich Castell'sche Bank ist heute die älteste Bank Bayerns. Fürst Ferdinand zu Castell-Castell, geboren 1965, und Fürst Otto zu Castell-Rüdenhausen, geboren 1985 arbeiten zielstrebig daran, den Wald der Zukunft zu entwickeln.

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