/Kommentare/Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist

Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist

Judith Sevinç Basad empört sich – und stemmt sich vehement gegen die sich aufgeklärt wähnende Meinungsmache, gegen Denkverbote und Unschärfen in den Argumenten einer selbsternannten kulturellen Elite. Ist es denn, genau betrachtet, wirklich so, dass die „Privilegierten“ den sozialen Aufstieg von Migrantenkindern verhindern? Kann nur eine Frau wissen, wie man Politik für Frauen macht? Ist es im Kampf gegen Rassismus mit der Entmachtung des „alten weißen Mannes“ getan? Tatsächlich wird es fast schon modisch, dass man Andersdenkenden ein „Schäm dich“ zuruft und ihnen damit den Mund verbietet.

Deutschland im Jahr 2014. Der Sender ZDFneo strahlt die Dokumentation »Der Rassist in uns« aus, in der ein Diversity-Workshop begleitet wird. Die Teilnehmer sollen hier anhand des »Blue-Eyed«-Konzepts lernen, wie Rassismus und Diskriminierung in der Gesellschaft entstehen. Das Vorgehen: Menschen mit blauen Augen bekommen einen Kragen um den Hals und werden von dem Coach systematisch schlechter behandelt. Das Ziel: Menschen mit weißer Hautfarbe sollen »spüren«, wie sich der Alltag für Menschen mit dunklerer Hautfarbe anfühlt, und somit für Rassismus »sensibilisiert« werden.

Die Menschenverachtung, die in diesem Film vorgeführt wird, hält man als Zuschauer nur schwer aus. So werden die »Blauäugigen« wie Kriminelle einzeln abgeführt, für längere Zeit in einen Raum eingesperrt und von einer Videokamera überwacht. Während die Teilnehmer mit braunen Augen in einem anderen Raum mit Getränken und Essen versorgt werden, müssen die »Blauäugigen« hungern. Die isolierte Gruppe weiß nicht, was mit ihr passiert. Stattdessen kommen immer wieder Security-Männer in den Raum und schüchtern einzelne Teilnehmer ein, gehen aggressiv auf sie zu, starren sie an oder werden handgreiflich.

Nach einer Weile werden die »Blauäugigen« auf eng nebeneinander gestellte Stühle in die Mitte eines anderen Raumes gepfercht. Um sie herum, teilweise auf einem höher liegenden Podest, sitzen die »Braunäugigen«, die der Coach, Jürgen Schlicher, nach eigenen Angaben Trainer für »Diversity-Management, Nicht-Diskriminierung und Interkulturalisierung«, zuvor gegen die »Blauäugigen« aufgehetzt und in das Experiment eingeweiht hat: Es sei ihre Pflicht, die »Blauäugigen« mit ihm zusammen fertig zu machen – also das Spiel mitzuspielen –, weil weiße Menschen nur so »eine Lernerfahrung« machen könnten.

Und diese »Lernerfahrung« hat es in sich. So werden die »Blauäugigen« von Schlicher gezwungen, rassistische Sprüche von Plakaten vorzulesen, in denen Menschen mit blauen Augen erniedrigt werden. »Wir können nicht zulassen, dass Blauäugige in Deutschland unsere Sozialsysteme ausnutzen«, »Blauäugige sind total undemokratisch«, »Kennst du einen Blauäugigen, kennst du alle«, steht dort. Zuvor erzählte Schlicher den »Braunäugigen«, dass Menschen mit blauen Augen dümmer seien, weil zu viel Licht in ihr Gehirn eintrete, was die Gehirnzellen schädige.

Permanent geht Schlicher Menschen aggressiv an, lacht sie aus, beleidigt sie oder schnippt ihnen mit der Hand vor dem Gesicht herum. Schnell wird klar: Menschen sollen hier anhand ihrer Augen- und Hautfarbe gebrochen werden. Mit Erfolg. Denn am Ende des Workshops hält die Kamera minutenlang auf die Gesichter einiger »Blauäugiger«, die mit den Tränen kämpfen.

Doch es wird noch schlimmer. »Hast du einen nervösen Tick, der dich irgendwie zwingt, mich so blöd anzugrinsen?«, herrscht Schlicher die junge weiße Teilnehmerin Nele an. »Liegt mir in der Natur«, entgegnet sie frech. »Das ist mir scheißegal. Hör auf, mich so dämlich anzugrinsen, wenn ich dich ansehe. Ich könnte das persönlich nehmen, und das möchtest du nicht. Verstanden?« Einige Zeit später fordert Schlicher die junge Frau auf, sich auf den Boden zu setzen. Doch Nele protestiert. Sie wehrt sich gegen den Coach, der sie dann aus dem Seminar schmeißt.

Als sie geht, wird Nele von Schlichers Kollegin verfolgt und zur Rede gestellt: »Ist dir klar, was das bedeutet, wenn du das Seminar verlässt? Ist dir klar, dass es in unserer Gesellschaft Menschen gibt, die diskriminiert werden? Ist dir klar, dass das Leute sind, die so aussehen wie der Mann, der neben dir steht?«, fragt die Frau und zeigt auf den schwarzen Moderator Amiaz Habtu. »DU kannst deinen Kragen abnehmen. ER kann das nicht. Willst du nicht wissen, wie sich Diskriminierung anfühlt?«, schnauzt sie Nele an.

Es ist mehr als deutlich: Weil Schwarze im Alltag Rassismus erfahren, soll Nele diesen Schmerz jetzt auch erfahren. Und Nele soll sich dafür schämen, dass sie zu den Weißen gehört, die in Deutschland Schwarzen das Leben schwer machen. Nele wird also nicht nur wegen ihrer Hautfarbe ein schlechtes Gewissen eingeredet, ihr wird auch vorgeworfen, dass ihr das Leid von Schwarzen egal sei und dass sie zur ignoranten, rassistischen Masse der Weißen gehöre. Nele muss also leiden, weil sie nur durch diesen Schmerz ein besserer Mensch werden kann.

Kein Zweifel: In Deutschland werden dunkelhäutige Menschen, Muslime und LGBTQs diskriminiert und ausgegrenzt. Natürlich ist das ein Missstand, über den man aufklären und mit dem sich die Gesellschaft beschäftigen muss. Aber rechtfertigt das Vorhandensein von Rassismus, dass man Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe und dann auch noch vor Kameras derart fertigmacht?

In der Doku wird auch das schon genannte »Blue Eyed«-Konzept vorgestellt, das die US-amerikanische Lehrerin Jane Elliott in den 70er-Jahren an ihrer Grundschule entwickelt hat. Es werden Viertklässler gezeigt, denen man einen Kragen umbindet. Dann wird die Lehrerin eingeblendet, die ein Bild eines traurigen Schülers in der Hand hält: »Die Fotos zeigen, was aus einem glücklichen Kind wird, wenn man ihm einen Kragen um den Hals bindet und ihm sagt, dass es minderwertig ist – und es damit in ein ängstliches, verletzliches, eingeschüchtertes Kind verwandelt«, erzählt die Antirassismus-Aktivistin.

Diesen Satz muss man auf sich wirken lassen: Um Rassismus in der Gesellschaft zu bekämpfen, sollen Grundschulkinder herabgesetzt, verängstigt und verletzt werden. Die Doku selbst wirbt damit, dass man mit diesen Methoden eine »diskriminierungsfreie Atmosphäre« schaffen könne. Oder anders gesprochen: Psychischer Schmerz, Rassismus und Psychoterror scheinen hier ein notwendiges Übel zu sein, um den Weg in eine bessere Gesellschaft zu ebnen.

Nun könnte man Jane Elliott und ihre Fans vom ZDF auch als Spinner bezeichnen, als nicht ernst zu nehmende Einzelfälle, die es in jeder politischen Bewegung gibt. Wäre es doch so. Denn Jürgen Schlicher wurde nicht nur von Elliott ausgebildet. Er leitet auch eine Diversity-Initiative, mit der er große Konzerne wie Ikea, Vodafone und L’Oréal, aber auch Bund und Länder in Sachen Diskriminierung berät. Zudem gründete er die Organisation »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage«, die den Blue-Eyed-Workshop auch an deutschen Schulen durchführt.

All diese Fakten sind im Netz frei zugänglich und werden in der Doku dargelegt. Dennoch feiern auch die deutschen Feuilletons den Film. Spiegel Online lobt die Sendung etwa, in der es »tatsächlich aufrüttelnde Momente« gebe, die Süddeutsche spricht von einem »erhellenden Psychoterror« und einer »beeindruckenden Folter«, der man sich besser unterziehen solle, um Rassismus »mit allen Konsequenzen« zu begreifen. Der Tagesspiegel findet das Format gut und empfiehlt, es weiter auszubauen. »Ein Fall für das Hauptprogramm«, schreibt der Stern. Im Jahr 2016 wurde ein solcher Workshop zudem vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Modellprojektes »Demokratie leben!« finanziert.

Wie kann es sein, dass fast 70 Jahre nachdem Martin Luther King von einer Zukunft träumte, in der Menschen nicht mehr nach ihrer Hautfarbe bewertet werden, genau das Gleiche wieder geschieht? Wie kann es sein, dass die autoritären Erziehungsmethoden der Generation unserer Großeltern nicht nur wieder salonfähig, sondern auch als »progressiv« gefeiert werden? Und wie kann es sein, dass sich kein politischer oder medialer Widerstand regt?

Judith Sevinç Basad

Judith Sevinç BasadJudith Sevinç Basad studierte Germanistik und Philosophie und schloss ihren Master mit einer Arbeit über totalitäre Tendenzen in der queerfeministischen Bewegung ab. Sie arbeitete für die Berliner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, die einen geschlechtergerechten und liberalen Islam praktiziert und publizierte u.a. für WELT, FAZ, NZZ und den Autoren-Blog "Salonkolumnisten". Im Jahr 2019 absolvierte Basad ein Zeitungsvolontariat im Feuilleton der NZZ. Seit 2020 erscheint ihre Online-Kolumne "Triggerwarnung" im Cicero. Sie lebt als freie Autorin in Berlin.

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