/Kommentare/Wie Geheimdienste, Banken und Konzerne mit schmutzigem Geld die Welt erobern

Wie Geheimdienste, Banken und Konzerne mit schmutzigem Geld die Welt erobern

Vom Kreml bis Peking, von Harare bis Riad und von Paris bis zum Weißen Haus – in Kleptopia folgt der preisgekrönte Enthüllungsjournalist Tom Burgis dem schmutzigen Geld, das die Weltwirtschaft überflutet, Diktatoren ermutigt und Demokratien schwächt. Burgis folgt in seinem Buch vier Spuren, die ein globales Netz der Korruption aufdecken: den Unruhestifter aus England, der über die Geheimnisse einer Schweizer Bank stolpert, den ehemaligen sowjetischen Milliardär, der ein privates Imperium aufbaut, den rechtschaffenen kanadischen Anwalt mit einem mysteriösen Klienten und den von der CIA geschützten Gauner aus Brooklyn. Ein packender Reality-Thriller, der zeigt, wie kriminelle Korruption die Politik und Rechtssysteme auch in etablierten Demokratien unterwandert. Ein Auszug.

Seva konnte alles über die Grenze schmuggeln: Kunst, Rohöl, Kleidung, schwarzgebrannten Wodka, die Habe emigrierender sowjetischer Juden, Diamanten, Mädchen, Benzin, Waffen, Heroin, spaltbares Material, Auftragsmörder und natürlich auch sich selbst. Aber am besten von allem verstand er sich auf den Schmuggel von Geld. Er begriff sehr rasch die Veränderungen, die der Triumph des liberalen Kapitalismus bewirkt hatte. Man konnte sich Geld durch Gewalt aneignen und es wie ganz normales Geld aussehen lassen. Von seiner Vergangenheit gesäubert verwandelte es sich in dasselbe wie jede andere Art von Geld: »ein formales Symbol für den verzögerten gegenseitigen Altruismus«, wie ein anderer kluger Kopf, Richard Dawkins, es ausgedrückt hatte: ein Zeichen, das besagte, dass man der Gesellschaft einen Dienst erwiesen hatte und jetzt von ihr einen Gegenwert beanspruchen konnte. Mit diesem Zeichen konnte man sich alles kaufen. Noch besser war, dass es jetzt elektronisches Geld gab. Es konnte sich nun mit der Geschwindigkeit einer Idee bewegen – oder vielleicht sogar noch schneller, weil es den Empfänger nicht erst von sich überzeugen musste. Seva verwandelte sich in einen kriminellen Banker – den kriminellen Banker. Mit dem Ende der UdSSR begann die Globalisierung, die ins Stocken geraten war, seit die beiden Weltkriege die Macht des Kolonialismus gebrochen hatten, erneut mit wahnwitzigem Tempo. Die westlichen Wirtschaften kümmerten sich so wenig um die Eigenschaften des Geldes, welchen Geldes auch immer, dass es geradezu lächerlich leicht war, es dort einzuschleusen – sogar noch leichter als junge Prostituierte und schwarzgebrannten ­Alkohol. Schon ein bisschen Tarnung genügte und das ganze Geld war so gut wie unsichtbar. Noch besser war, dass die Westler selbst die Tarnung dazu zur Verfügung stellten.

Die Insel Alderney, ein drei Quadratmeilen großes Hoheitsgebiet der britischen Krone im Ärmelkanal, wurde zum Knotenpunkt des Netzwerks, das Brainy Don alias Seva aufbaute. Nicht dass er dort jemals selbst etwas getan hätte, denn das war gar nicht notwendig. Es gab zwei Leben: das offizielle Leben auf dem Papier und das geheime, echte Leben. In seinem Leben auf Papier war Seva nicht Seva, sondern Arigon, eine Körperschaft mit der Adresse Postfach 77, St. Anne’s House, Alderney. Arigon besaß Bankkonten in Stockholm, London, New York und Genf. Die Gesellschaft kaufte legitime Firmen wie das 1993 privatisierte staatliche Rüstungsunternehmen Ungarns. In London wurde Arigon durch eine Anwaltsfirma namens Blakes in der Nähe der Chancery Lane vertreten. Die britische Polizei untersuchte Blakes und fand heraus, dass dieser innerhalb von drei Jahren fünfzig Millionen Dollar über Konten bei der Royal Bank of Scotland bewegt hatte. Die Beamten waren der Meinung, dass die Firma dies im Auftrag des Brainy Don getan hatte und dass das Geld aus Erpressung, Prostitution, Waffenhandel und Drogenschmuggel stammte – illegalen Geschäften, die von Sevas immer internationaler agierendem Unternehmen betrieben wurden, das er über seine Stützpunkte im ehemaligen Ostblock kontrollierte.

Einer der Anwälte, Adrian Churchward, war mit einer aus der Sowjetunion stammenden Frau namens Galina verheiratet und zog mit ihr ihren Sohn Yuli groß. Galinas Ex-Mann, der Vater des Jungen, war Seva. Die Beamten leiteten eine Ermittlung ein, die sie »Operation Schwert« tauften. Sie überwachten Blakes ein Jahr lang. Sie traten in Kontakt mit ihren Kollegen in Moskau, von denen sie von einem Betrugsgeschäft erfuhren, das erst kürzlich stattgefunden hatte. Dabei hatte die russische Regierung im Voraus für Nahrungsmittel bezahlt, die dann nie geliefert wurden. Stattdessen war das Geld in der Scheinfirma gelandet, die Blakes offenbar für Seva betrieb. Hierbei schien jemand die Spuren mit Gewalt zu verwischen: Mindestens einer der beteiligten Russen war inzwischen tot. Am 16. Mai 1995 trafen sich drei Teams des Verbrechensdezernats der Südostregion bei Sonnenaufgang. Sie nahmen Durchsuchungen bei Blakes und in den Wohnungen der Verdächtigen vor und verhafteten Churchward, seinen Kanzleikollegen und Sevas Exfrau Galina. Im Büro der Firma fanden sie Hunderte von Akten, in denen die weltweiten Transaktionen aufgeführt waren, mittels derer Brainy Don schmutziges Geld verschob.

Tom Burgis

Tom BurgisTom Burgis ist investigativer Journalist bei der Financial Times. Er hat aus mehr als vierzig Ländern berichtet, hat wichtige Journalistenpreise in den USA und Asien gewonnen und war für acht weitere in der engeren Auswahl, darunter zweimal bei den British Press Awards. Sein von der Kritik hochgelobtes Buch "Der Fluch des Reichtums" (Westend Verlag 2016) über die moderne Ausplünderung Afrikas wurde mit einem Preis des Overseas Press Club of America ausgezeichnet. Tom Burgis lebt in London.

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