/Kommentare/Wie der Krieg heraufbeschworen wurde

Wie der Krieg heraufbeschworen wurde

Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen. Knapp 60 Millionen Menschen verloren während des sechs Jahre dauernden Krieges ihr Leben. Fundiert und sachlich beschreibt Basil H. Liddell Hart die großen strategischen Entscheidungen des Zweiten Weltkriegs. Seine illusionslosen Analysen basieren auf Interviews und Gesprächen mit alliierten und deutschen Befehlshabern und stützen sich auf russische Dokumente. Die Neuauflage des klassischen Werks von Liddell Hart erscheint nach 80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, welche  durch  die präzise Beschreibung den Krieg unvergesslich macht. Ein Auszug.

 Am 1. April 1939 berichtete die Weltpresse, das Kabinett Chamberlain habe seine Politik der Beschwichtigung und der Nichteinmischung aufgegeben und, um den Frieden in Europa zu sichern, Polen den Beistand Großbritanniens gegen jeden eventuellen deutschen Angriff zugesagt. Am 1. September jedoch überschritten deutsche Truppen die polnische Grenze. Zwei Tage später erklärten Großbritannien und Frankreich nach einem vergeblichen Ultimatum Deutschland den Krieg. Ein neuer europäischer Konflikt hatte begonnen, und aus ihm wurde ein zweiter Weltkrieg.

Die Westmächte traten aus zwei Gründen in diesen Krieg ein. Zunächst ging es ihnen darum, ihren Verpflichtungen gegenüber Polen nachzukommen und dessen Existenz zu sichern. Letzten Endes aber wollten sie gleichzeitig eine mögliche Bedrohung von sich selbst abwenden und so ihrer eigenen Sicherheit dienen. Beide Ziele haben sie nicht erreicht. Sie konnten nicht verhindern, daß Polen überrannt und zwischen Deutschland und Rußland aufgeteilt wurde, und nach sechs Jahren Krieg, der mit einem augenscheinlichen Sieg endete, stand Polen unter russischer Vorherrschaft. Die westlichen Garantien gegenüber den Polen, die auf ihrer Seite gekämpft hatten, waren hinfällig.

Darüber hinaus hatte der Kampf gegen Hitler-Deutschland Europa so geschwächt, daß es nun einer neuen und größeren Bedrohung ausgesetzt war, und Großbritannien war ebenso wie seine europäischen Nachbarn ein Vasall der Vereinigten Staaten geworden. So sah der Sieg aus, nachdem Rußland und Amerika ihr kolossales Gewicht gegen Deutschland in die Waagschale geworfen hatten. Dies zerstörte die alte landläufige Illusion, »Sieg« bedeute Frieden, und bestätigte die Erfahrung, daß der Sieg wie eine Fata Morgana in der Wüste ist, die ein langer, mit modernen Waffen geführter Krieg hinterläßt.

Man muß sich die Folgen des Krieges vor Augen halten, ehe man nach seinen Ursachen fragt. Wenn man sich das Ergebnis des Krieges vergegenwärtigt, wird der Weg frei für eine nüchternere Prüfung dessen, was ihm vorausging. Für das Nürnberger Tribunal genügte die Annahme, Ausbruch und Ausweitung des Krieges seien einzig und allein Hitlers Aggression zuzuschreiben. Aber diese Erklärung ist zu einfach.

Ein neuer großer Krieg war das letzte, was Hitler wollte. Sein Volk, und zumal seine Generale, schreckten vor jedem derartigen Risiko zurück; ihnen saß noch der Erste Weltkrieg in den Gliedern. Wenn man dies ausspricht, sollen nicht die Aggressivität Hitlers und vieler Deutscher, die seiner Führung willig folgten, entschuldigt werden. Hitler kannte gewiß keine Skrupel, aber lange Zeit ließ er in der Verfolgung seiner Ziele große Vorsicht walten. Die führenden Militärs waren noch zurückhaltender und vermieden alles, was einen allgemeinen Konflikt auslösen konnte.

Die deutschen Archive, die nach dem Krieg beschlagnahmt und der Forschung zugänglich gemacht wurden, lassen sogar eine ausgesprochene Nervosität in der Wehrmachtsführung und erhebliche Zweifel an Deutschlands Fähigkeit erkennen, einen großen Krieg zu führen.

Als sich Hitler 1936 anschickte, die entmilitarisierte Zone des Rheinlandes zu besetzen, warnten seine Generale vor den Reaktionen, die dieser Entschluß bei den Franzosen auslösen könnte. Auf diesen Protest hin überschritten zunächst nur einige wenige Einheiten symbolisch den Rhein, um die Windrichtung zu prüfen. Als Hitler Truppen zur Unterstützung Francos in den Spanischen Bürgerkrieg entsenden wollte, warnten die Generale wieder vor den damit verbundenen Risiken, und die Militärhilfe blieb daraufhin begrenzt. Erst bei der Besetzung Österreichs im März 1938 setzte er sich über ihre Befürchtungen hinweg.

Als Hitler kurz darauf die Absicht kundgab, die Tschechoslowakei zur Abtretung des Sudetenlandes zu zwingen, verfaßte der Generalstabschef des Heeres, Ludwig Beck, eine Denkschrift, in der er darauf hinwies, daß Hitlers aggressive Expansionspolitik eine weltweite Katastrophe und den Zusammenbruch Deutschlands herbeiführen müsse. Beck verlas dieses Dokument vor den Befehlshabern aller Heeresgruppen. Doch die kollektive Rücktrittsdrohung der Generalität, die Beck anstrebte, kam nicht zustande. Als Hitler keine Anstalten machte, seine Politik zu ändern, reichte der Generalstabschef seinen Rücktritt ein. Hitler aber versicherte den Generalen, Frankreich und Großbritannien würden nicht für die Tschechoslowakei in den Krieg ziehen. Sie waren davon so wenig überzeugt, daß sie erwogen, Hitler und andere führende Nationalsozialisten zu verhaften und so die Kriegsgefahr abzuwenden.

Diesem Militärputsch wurde der Boden entzogen, als Chamberlain Hitlers Forderung nach einer Amputation der Tschechoslowakei guthieß und, ebenso wie Frankreich, duldete, daß dieses Land seine Grenzgebiete und wichtigsten Verteidigungsanlagen einbüßte.

Für Chamberlain bedeutete das Münchner Abkommen »Frieden in unserer Zeit«. Für Hitler war es ein neuer und noch größerer Triumph nicht nur über seine äußeren Gegner, sondern auch über seine Generale.

Nachdem ihre Warnungen nun mehrmals durch die unangefochtenen und unblutigen Erfolge Hitlers widerlegt worden waren, verloren sie Selbstvertrauen und Einfluß. Selbstverständlich wuchs gleichzeitig Hitlers Zuversicht, daß sich die Serie müheloser Erfolge fortsetzen ließe. Selbst als ihm klarwurde, daß weitere Abenteuer zum Krieg führen konnten, dachte er nur an einen kurzen und begrenzten Konflikt. Wenn er je Zweifel hatte, dann wurden sie jedenfalls von der kumulativen Wirkung berauschender Erfolge erstickt.

Wenn Hitler tatsächlich mit einem allgemeinen Krieg unter Beteiligung Großbritanniens gerechnet hätte, dann hätte er alle nur erdenklichen Anstrengungen unternommen, um eine Kriegsmarine aufzubauen, die derjenigen Großbritanniens gewachsen gewesen wäre. Doch er brachte seine Marine nicht einmal auf den Stand, der im deutsch-britischen Flottenabkommen von 1935 vorgesehen war. Er versicherte seinen Admiralen immer wieder, sie hätten nicht mit einem Krieg gegen Großbritannien zu rechnen. Nach der Münchner Konferenz erklärte er ihnen, sie hätten mindestens für die nächsten sechs Jahre keinen Konflikt mit Großbritannien zu erwarten. Noch im Sommer 1939, zuletzt am 22. August, wiederholte er solche Versicherungen, wenn auch mit schwindender Überzeugung.

Wie kam es, daß er trotzdem in den großen Krieg verwickelt wurde, den er so sorgfältig vermieden hatte? Die Antwort ist nicht oder nicht hauptsächlich in Hitlers Eroberungstrieb zu finden, sondern in der Ermutigung, die er lange Zeit durch die nachgiebige Haltung der Westmächte erhielt, und durch ihre plötzliche Kehrtwendung im Frühjahr 1939. Dieser Umschwung kam so abrupt und unerwartet, daß er den Krieg unvermeidbar machte.

Wenn man es zuläßt, daß jemand einen Dampfkessel so lange aufheizt, bis der Druck den kritischen Punkt überschreitet, dann ist man für die sich ergebende Explosion selbst verantwortlich. Diese Wahrheit aus dem Bereich der Physik gilt auch in der Politik und insbesondere auf dem Feld der Außenpolitik.

Seit Hitlers Machtübernahme 1933 hatten die Regierungen Großbritanniens und Frankreichs diesem gefährlichen Autokraten ungleich mehr zugestanden als vorher den demokratischen Regierungen Deutschlands. Bei jedem Schlag waren sie bemüht, Unannehmlichkeiten zu vermeiden, heikle Probleme zu vertagen und sich so, auf Kosten der Zukunft, für die unmittelbare Gegenwart Ruhe zu sichern.

Hitler dagegen durchdachte seine Schritte nur allzu logisch. Die Ideen, die seine Politik leiteten, legte er im November 1937 vor den Oberbefehlshabern der Wehrmachtsteile in einer »testamentarischen Hinterlassenschaft für den Fall meines Ablebens« dar, deren Inhalt in dem sogenannten Hoßbach-Protokoll niedergelegt ist. Hitler sprach von Deutschlands vitalem Bedürfnis nach größerem Lebensraum, der für die Erhaltung und Vermehrung der » Volksmasse« erforderlich sei. Deutschland könne sich vor allem auf dem Gebiet der Ernährung nicht autark machen. Auch durch Lebensmittelimporte könne es seine Bedürfnisse nicht decken; denn das würde Devisenausgaben bedeuten, die es nicht aufbringen könne. Ebensowenig ließen sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten durch Beteiligung am Welthandel überwinden, und zwar wegen der Zollschranken, die andere Staaten errichtet hatten, und wegen Deutschlands eigener Geldknappheit. überdies mache die Versorgung auf dem Weltmarkt Deutschland von anderen Nationen abhängig und gebe es im Kriegsfall dem Hunger preis.

Daraus folgerte Hitler, daß Deutschland mehr »landwirtschaftlich nutzbaren Raum« in den dünn besiedelten Gebieten Osteuropas gewinnen müsse, und für diese Lösung der deutschen Frage könne es nur den Weg der Gewalt geben. »Daß jede Raumerweiterung nur durch Brechen von Widerstand und unter Risiko vor sich gehen könne, habe die Geschichte aller Zeiten – Römisches Weltreich, Englisches Empire – bewiesen … «, heißt es in der Hoßbach-Niederschrift. » Weder früher noch heute habe es herrenlosen Raum gegeben, der Angreifer stoße stets auf den Besitzer.« Die Raumfrage würde bis spätestens 1945 gelöst werden müssen. »Nach dieser Zeit sei nur noch eine Veränderung zu unseren Ungunsten zu erwarten …. Wegen des Fehlens von Reserven könne (dann) jedes Jahr die Ernährungskrise bringen.«

Diese Vorstellungen gingen weit über Hitlers ursprüngliche Absicht hinaus, die nach dem Ersten Weltkrieg verlorenen Gebiete zurückzugewinnen, und die Staatsmänner des Westens waren in dieser Hinsicht nicht so ahnungslos, wie sie später behaupteten. Viele äußerten sich 1937 und 1938 sehr offen, wenn auch nur vertraulich. In britischen Regierungskreisen hörte man damals das Argument, man müsse Deutschlands Drang nach Osten stattgeben, weil dadurch Gefahren für den Westen abgewendet würden. Sie hatten großes Verständnis für Hitlers Wunsch nach Lebensraum – und ließen es ihn wissen. Wie allerdings

die Besitzer dieses Raumes anders als durch Gewalt zum Nachgeben gebracht werden sollten, daran verschwendeten sie keinen Gedanken. Die deutschen Dokumente zeigen, daß sich Hitler besonders nach dem Besuch von Lord Halifax im November 1937 ermutigt fühlte. Halifax war damals als Vorsitzender des Staatsrats zweiter Mann im Kabinett nach dem Premierminister. Wie aus den Gesprächsprotokollen hervorgeht, gab er Hitler zu verstehen, daß Großbritannien ihm in Osteuropa freie Hand lassen würde. Vielleicht ging Halifax nicht ganz so weit, aber er erweckte jedenfalls diesen Eindruck, und das erwies sich als ausschlaggebend.

Basil Henry Liddell Hart

Basil Henry Liddell HartBasil Henry Liddell Hart, (1895 - 1970), war britischer Militärhistoriker, Stratege und Autor zahlreicher Bücher. Er war Militärkorrespondent des Daily Telegraph, der Times und persönlicher Berater von Kriegsminister Leslie Hore-Belisha. 1966 wurde er von Königin Elisabeth II. zum Ritter geschlagen.

Bleiben Sie auf dem Laufenden

Ein- bis zweimal monatlich informieren wir Sie über Neuerscheinungen, aktuelle Kommentare und weitere interessante Aktionen

buchkomplizen ist die neue Platzform für das politische Sachbuch