/Kommentare/Was wir den Tieren schuldig sind und warum wir ohne sie nicht leben können

Was wir den Tieren schuldig sind und warum wir ohne sie nicht leben können

Es gibt eine sehr praktische Legende, die wir uns zurechtgelegt haben, um zu erklären, wie wir zu unserem ersten Nutz- und späteren Haustier gekommen sind. Wie der Mensch auf den Hund kam heißt ein berühmtes Buch des Verhaltensforschers Konrad Lorenz. Darin beschreibt er, wie Schakale in einer afrikanischen Steppe den jagenden Menschen folgen und ihnen irgendwann auch einmal den Weg zu einem angeschossenen Wild zeigen. Dafür werden sie mit einem Anteil der Beute belohnt, und so entwickelt sich langsam ein innigeres Verhältnis der tierischen und menschlichen Jäger. Wir wissen heute aufgrund genetischer Untersuchungen, dass alle unsere Hunde ausschließlich vom Wolf abstammen. Und zwar vom großen grauen Wolf Eurasiens. Also muss nun eine andere Erzählung her, um die sich die Nachfolger Konrad Lorenz‘ auch bemüht haben. Es ist viel gerätselt worden, warum sich der Wolf, das damals erfolgreichste Raubtier, dem Menschen angeschlossen haben soll. Warum soll er die soziale Bindung des Rudels verlassen haben, um sich einem herrischen Großen Menschenaffen anzuschließen, der weder stärker noch der bessere Jäger war? Die meisten Erklärungsversuche solch unerklärlichen Verhaltens scheitern daran, dass sie noch immer die alte Perspektive einnehmen, sagt Florian Schwinn in seinem neuen Buch „Tödliche Freundschaft“.

Was aber, wenn alles ganz anders war – und nicht die Wölfe den Menschen gefolgt sind, sondern die Menschen den Wöl­fen? Ja, richtig gelesen: Die Menschen folgten den Wölfen! Und sie lernten dabei von ihnen. Es spricht vieles dafür, dass das Lorenz’sche Szenario nur unserem Wunschdenken entspricht, weil wir uns gerne als die Krone der Schöpfung sehen und als solche na­türlich alles aus uns selbst heraus entwickelt haben müssen. Ein solches Selbstbild lässt natürlich nur zu, dass der Wolf dem überlegenen Menschen folgte und damit in die Domestikationsfalle tappte. Es bricht uns aber kein Stein aus der Schöpfungskrone, wenn wir mal annehmen, dass schon unsere Vorfahren und deren Verwandte lernfähig waren. Und also auch lernten, was andere besser konn­ten – nämlich die Wölfe das koordinierte Jagen und Zusammenleben in großen Gruppen. Versuchen wir mal dieses Szenario.

Von der Anhöhe aus sehen die Rentiere in der weiten Senke nicht wie eine zusammengehörende Herde aus. Sie stehen und liegen in Gruppen von zehn, zwanzig Tieren beisammen. Manche haben die Köpfe in die blühenden Kräuter gesenkt, manche liegen im Wind­schatten der niedrigen Büsche, gemächlich wiederkäuend. Nur we­nige der Hirsche haben die Köpfe erhoben und die Nüstern im Wind. Riechen werden sie aber weder die kleine Gruppe Menschen, die sich auf der Anhöhe hinter das Gestrüpp kauert, noch das Rudel Wölfe, das gerade um den Hügel herumläuft. Beide haben sich auf der dem Wind abgewandten Seite der Senke genähert.

Weit auseinandergezogen schnüren die Wölfe jetzt in gemächli­chem Trab auf die Rentiere zu. Als der erste Wolf ins Blickfeld der Hirsche kommt, hält er kurz inne und schaut – nicht zu der Ren-herde, sondern den Hügel hinauf zu den Menschen. Die Jäger wis­sen voneinander. Dann setzt der Wolf seinen Weg fort, nach links, am Rand der Senke entlang in einem weiten Bogen um die Rentiere herum. Einer der Hirsche hat beim Erscheinen des Wolfes ge­schnaubt, viele haben daraufhin die Köpfe gehoben. Jetzt verfolgen viele Hirschaugen den Weg des Wolfes. Die Rentiere, die ihm am nächsten sind, setzen sich langsam in Bewegung – in Richtung des Zentrums der Senke und der noch immer weit ver­streuten Herde. Kurz nach dem ersten Wolf erscheint hinter dem Hügel ein zweiter und in regelmäßigem Abstand ein dritter und vierter. Alle bleiben sie auf der Spur des ersten. Die Rentiere sind nicht beunruhigt.

Nun kommt die Leitwölfin des Rudels um den Hügel herum, stoppt kurz, überblickt die Szenerie – und wendet sich nach rechts. Sie trabt unter der Anhöhe entlang, nicht ohne einen Blick zu der Menschengruppe hinaufzuwerfen: Ich weiß, dass ihr da seid. Einen Augenblick später folgt ein nächster Wolf, dann ein dritter und vier­ter. Sie umgehen die Rentiere ebenfalls in weitem Bogen. Die Hir­sche bewegen sich von den Rändern in die Mitte der Senke und werden nun als kompaktere Herde kenntlich.

Dann endlich ziehen die Wölfe ihren Ring um die Herde enger, und plötzlich drehen sie sich zu den Rentieren hin und kommen auf sie zu. Die äußeren Rentiere laufen um die Herde herum, die be­ginnt zu kreisen, dann setzt sich das Ganze in Bewegung – auf den Hügel zu, hinter dem jetzt der Rest des Wolfsrudels auftaucht. Die Jagd ist eröffnet.

Die Rentiere werden schneller. Eine Staubwolke steht über der Tundra. Eine trächtige Hirschkuh, die auf einem Hinterlauf lahmt, kann das Tempo nicht halten. Sie bricht aus der Herde aus und stellt sich dem sie direkt verfolgenden Wolf, dreht sich um die eigene Achse und senkt das Geweih. Der Wolf nimmt den Kampf nicht an, weicht dem Geweih aus, springt vorü­ber. Die Hirschkuh hat dennoch einen tödlichen Fehler gemacht: Sie hat die Menschen mit den langen Speeren übersehen, die hinter ihrem Rücken den Hügel herunterspringen und schon in Wurfweite sind. Das Rentier sieht zum ersten Mal in seinem Leben einen Speer durch die Luft sirren. Dieser seltsame Stock ist das letzte, was es hört und sieht.

Auch die Wölfe sind erfolgreich an diesem Tag. Einen Kilometer weiter bricht ein weiteres Tier aus der Herde aus. Ein alter Hirsch kommt nicht mehr mit und empfängt die Wölfe mit dem Geweih. Dieses Mal weichen sie nicht aus. Drei Wölfe knurren den Hirsch von vorne an und versuchen, den heftigen Stößen seines Geweihs aus dem Weg zu gehen, zwei weitere kommen von der Seite und reißen ihn schließlich zu Boden.

Auch so könnte es gewesen sein. Nicht die Wölfe folgten den Menschen, um etwas von ihnen abzubekommen, sondern die Menschen folgten den Wölfen und profitierten von deren Art zu jagen. Und das alles nicht in Vorderasien oder Afrika, sondern in der Tundra Eurasiens – viele Jahrtausende vor der bislang vermuteten Zeit der »Domestikation« des Hundes.

Tatsächlich haben sich die Mütter und Väter unserer heutigen Haushunde viel früher von den Wölfen getrennt als lange angenom­men. Und womöglich noch viel früher, als von den meisten Wissen­schaftlern inzwischen akzeptiert wird. Eine genetische Berechnung aus der Sequenzierung der DNA verschiedener heutiger Hunde aus den verschiedensten Weltgegenden – veröffentlicht im Jahr 1997 – ergab einen atemberaubenden Zeitraum: Danach haben sich die Haushunde vor rund 135000 Jah­ren genetisch von den Wölfen getrennt. In einer etwas späteren Studie verglichen Genetiker die DNA von Hunden, Wölfen und Schakalen und kamen zu einem ähnlichen Ergebnis. Auch da­nach müsste die Trennung der Vorfahren unserer Haushunde von den Wölfen vor über 100000 Jahren stattgefunden haben. Nach diesen Berechnungen können die Hunde aber auch nicht im Zusammenleben mit dem modernen Menschen entstanden sein, denn den modernen Menschen, Homo sapiens, gab es damals noch nicht in Eurasien. Dann wären die Menschen, die jene Jagdge­meinschaft mit den Wölfen gebildet hatten und die dabei mitwirk­ten, dass sich die Vorfahren unserer heutigen Haushunde vom Wolf trennten, nicht unsere Vorfahren gewesen. Denn in den Tundren Eurasiens lebten damals viele Jahrtausende lang nur Menschen ei­ner Art, die es heute nicht mehr gibt: die Neandertaler, Homo neanderthalensis.

Die Neandertaler aber galten bis vor kurzem noch als eher plumpe und tumbe Vertreter der Gattung Homo, der fast niemand zutrauen wollte, die große Leistung der »Domestikation« des Wolfes voll­bracht zu haben. Schon deshalb konnte der Hund nicht so alt sein, wenn er denn tatsächlich aus Eurasien stammt, was ja recht zwei­felsfrei nachgewiesen ist. Der zum Wissenschaftler gewordene Homo sapiens tut sich schon immer schwer, andere Lebewesen für annä­hernd so intelligent zu halten, wie er es selbst ist. Und es muss ja schließlich einen Grund dafür geben, dass wir als einzige Menschen­art übriggeblieben sind und der Neandertaler ausgestorben ist. An fehlender Gehirnmasse kann es jedenfalls nicht gelegen haben, denn die war beim Homo neanderthalensis sogar etwas größer als beim Homo sapiens.

Eine der gängigsten Annahmen für das Verschwinden des Nean­dertalers ist die Verdrängungstheorie. Der von Süden nach Europa und Asien einwandernde Homo sapiens soll als erfolgreichere, an­passungsfähigere und intelligentere Art den Neandertaler ver­drängt haben. Zuerst kam Homo sapiens aus Afrika allerdings in die Levante am östlichen Mittelmeer. Dort lebte er bis zu 60000 Jahre neben den Neandertalern, ohne Anzeichen für Verdrängung. Unge­fähr 10000 Jahre nach dem Auftauchen des modernen Menschen in Europa starb der Neandertaler dann aus. Und das offenbar fried­lich. Kämpfe zwischen den Menschenarten sind nicht bekannt, aber sehr wohl Kontakte, wie einige Neandertaler-Gene zeigen, die viele Menschen bis heute in sich tragen. Die Kinder der Neandertaler sind beim Homo sapiens geblieben, sonst hätten die Neandertaler-Gene nicht bis heute überlebt. Dann könnten auch die Hunde der Neandertaler bei unseren Vorfahren weitergelebt haben. Was aber, wie gesagt, nicht in das Bild des modernen Menschen passt, der seine Errungenschaften allein aus sich heraus entwickelt. Also muss die Entwicklungsgeschichte des Hundes jünger sein, und die Be­rechnungen der Genetiker werden verworfen, weil sie rein mathe­matischer Natur seien. Diese Abwehrschlachten der nicht wissen wollenden Wissenschaftler funktionieren so lange, bis ein älteres Hundefossil gefunden ist, als das bisher älteste aus dem Altai-Gebirge, ein Schädel von vor 33000 Jahren.

Wenn sich dann demnächst das Alter des Hundes für alle auf über 100000 Jahre verlängert hat, ergibt sich daraus eine gänzlich an­dere Sichtweise der gemeinsamen Geschichte von Mensch und Hund. Und diese ganz andere Sichtweise, die sich in der jüngeren Forschungsarbeit zu größerer Wahrscheinlichkeit ausgewachsen hat, stützt auch Konrad Lorenz: »Dasjenige unter allen nicht-mensch­lichen Lebewesen, dessen Seelenleben in Hinsicht auf soziales Verhalten, auf Feinheit der Empfindungen und auf die Fähigkeit zu wahrer Freundschaft dem des Menschen am nächsten kommt, ist eine voll­wertige Hündin.«

Lorenz hatte die Beobachtung gemacht, dass uns der Haushund im sozialen Verhalten bis hin zur Fähigkeit, Freundschaften auch mit nicht familiär verwandten Individuen zu schließen, näher ist als irgendein anderes Tier. Das meint, auch näher als unsere nächsten Verwandten, die anderen großen Menschenaffen, allen voran die Schimpansen, mit denen wir uns 98,63 Prozent des Genoms teilen. Lorenz bat seinerzeit Jane Goodall um eine Stellungnahme zu seiner Beobachtung der seltsamen Verhaltensverwandtschaft von Mensch und Hund. Und die britische Primatenforscherin, der wir einen Großteil unse­res Wissens über unsere nächsten Verwandten verdanken, die aber auch das Verhalten des Afrikanischen Wildhundes erforschte, bestätigte ihm, dass Schimpansen, anders als Wölfe und Hunde, keine Freundschaften schließen. Ihr Verhalten ist das von selbstsüchtigen Opportunisten, die sogar ihre nächsten Verwandten noch übervorteilen, wenn sich die Gelegenheit bietet: »Selbst nach Jahrhunderten züchterischer Auswahl würde es wohl schwierig, wenn nicht unmöglich sein, einen Schimpansen zu züchten, der mit Menschen zusam­menleben und auch nur annähernd solch ein gutes Verhältnis haben könnte wie unsere Hunde.«

So weit, so klar. Wie kommt es aber, dass wir Menschen, die nächs­ten Verwandten der Schimpansen, uns – zumindest meistens, wenn wir gerade keine unserer kleinen oder größeren Kriege führen – eher verhalten wie Wölfe oder Hunde? Und selbst, wenn wir in Aus­einandersetzungen stecken, führen wir diese meist nicht nur mit unseren Verwandten als Verbündeten, sondern haben Vertraute und Freunde an der Seite. Wo haben wir das her?

Der österreichische Verhaltensforscher Eberhard Trumler, der Nestor der Kynologie, also der Hundekunde, hat in den 1980er Jahren des vergangenen Jahrhunderts festgestellt: »Der Mensch war nicht als soziales Lebewesen evolutioniert. In größeren Gruppen zu leben war ihm ursprünglich ebenso unbekannt wie heute noch dem Orang-Utan oder dem Gorilla. Wenn wir das Verhalten von irgendwel­chen Affen beobachten, entdecken wir weit weniger Gemeinsamkeiten mit dem Sozialverhalten des Menschen, als wenn wir die Rudelordnung der Wölfe zum Vergleich heranziehen.«

Vor über 135000 Jahren beobachteten also Neandertaler das Rudelleben der Wölfe und stellten dabei fest, dass deren soziale Ordnung der eigenen überlegen war. Das ungeschriebene Gesetz der Wölfe funktioniert wie der Wappenspruch der USA: »e pluribus unum« – aus vielen wird Eines. Das macht das Rudel stärker als jede Gruppe eigennütziger Kämpfer. Die Neandertaler müssen so klug gewesen sein, dass sie das gesehen und für sich übernommen haben. Das ist der Anteil des Wolfes an der Menschwerdung des Affen! Damit begann die Geschichte der Koevolution, der gemeinsamen Entwicklung von Mensch und Hund, in deren Folge wir es geschafft haben, auch viele andere Tiere an uns zu binden, und uns an sie.

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Florian Schwinn

Florian SchwinnFlorian Schwinn (Jahrgang 1954) ist Journalist im Bereich Politik und Wissenschaft. Er hat für Print und Hörfunk gearbeitet, Radiofeature produziert und moderiert beim Hessischen Rundfunk die mehrfach ausgezeichnete Radiosendung »Der Tag«. Seit vielen Jahren bearbeitet er Umweltthemen und kümmert sich um die Ausbeutung und den Schutz der natürlichen Ressourcen und unser zwiespältiges Verhältnis zu den »anderen« Tieren.

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