/Kommentare/Was braucht die Weltwirtschaft? Pragmatische Lösungen statt Dogmen

Was braucht die Weltwirtschaft? Pragmatische Lösungen statt Dogmen

Wieso schaffen es in Asien Schwellenländer zu Wohlstand zu kommen, nicht aber in Lateinamerika? Weshalb ist Afrika mit Ausnahme der Staaten, die ihre Rohstoffvorkommen ausbeuten, kaum in der Lage, stabile und nachhaltige Wirtschaftsstrukturen aufzubauen? Ist Freihandel einer nachhaltigen Entwicklung zu- oder abträglich? Heiner Flassbeck, Friederike Spiecker und Constantin Heidegger zeigen in dem neuen „Atlas der Weltwirtschaft 2022/23“, wie sehr sich die Probleme, mit denen die Länder dieser Welt ringen, gegenseitig bedingen.

Der Corona-Schock im Jahr 2020 hat die Weltwirtschaft wie der sprichwörtliche Blitz aus heiterem Himmel getroffen. In fast allen Ländern der Welt wurden drastische Maßnahmen verhängt, um das Ausbreitungstempo des Virus zu verlangsamen. Die Folge war trotz großangelegter staatlicher Gegenmaßnahmen ein Einbruch in der wirtschaftlichen Entwicklung, der mit den größten Rezessionen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergleichbar ist. Die nominale Wirtschaftsleistung gemessen in einheitlicher Währung sank 2020 gegenüber 2019 um rund 2,3 Billionen US-Dollar. Preisbereinigt entsprach das einem Rückgang um 3,3%. Hinter dem nominalen Aufholen im Jahr 2021 von ungefähr 11 Billionen US-Dollar steht ein realer durchschnittlicher Zuwachs von 5,7%. In den meisten Ländern stieg die Arbeitslosigkeit deutlich an, weil die Unternehmen nicht einschätzen konnten, wie schnell und mit welcher Kraft sich die Wirtschaft nach dem zu erwartenden Ende der Maßnahmen erholen würde.

Zwischenzeitlich wuchs die Wirtschaft in den meisten Ländern wieder. Doch nun kommen die neuen angebotsseitigen Verwerfungen hinzu, die sich nach dem Beginn des Ukraine-Krieges ergeben haben und die Nachfrage in den Konsumentenländern schwer beeinträchtigen. Blockierte Lieferketten haben zu Engpässen geführt und die Preise in die Höhe getrieben. Spekulation kam hinzu und hat einige Rohstoffpreise auf eine wahre Achterbahnfahrt geschickt. Zudem haben die verschiedenen Schocks in vielen Bereichen zu Engpässen bei der Besetzung von Arbeitsplätzen geführt. Vielfach konnten entlassene Arbeitskräfte in den von beiden Schocks am stärksten betroffenen Branchen wie im Hotel- und Gaststättengewerbe nicht schnell genug wieder zurückgeholt werden. Und auch der Verkehrssektor sieht sich einem erheblichen Personalmangel gegenüber, seit die Nachfrage wieder angezogen hat.

In vielen Entwicklungsländern war es schon zu Beginn der Krise kaum möglich, die Art von staatlichen Hilfen in Gang zu bringen, die im globalen Norden als nahezu selbstverständlich angesehen werden. Folglich verlief die Erholung schleppend und flachte das Wachstumstempo ab. Vergleicht man pauschal die Kontinente, waren die durchschnittlichen Einkommensverluste durch die Corona-Rezession im Jahr 2020 in Mittel- und Südamerika am höchsten. Wegen des von vornherein wesentlich niedrigeren Wohlstandsniveaus erweisen sich dieprozentual etwas geringeren Einbußen in Südasien und Subsahara-Afrika für die große Masse der Bevölkerung dort als mindestens ebenso katastrophal. In Indien, aber auch in Nigeria verschärft das Bevölkerungswachstum die Lage obendrein, wie die noch stärker rückläufigen Pro-Kopf-Werte erkennen lassen.

Selbst für die EU, die sich mit großem staatlichen Mitteleinsatz gegen die Rezession stemmte, dürfte sich der Einkommensverlust des Jahres 2020 nominal auf fast 900 Milliarden US-Dollar oder etwa 7,5% des realen BIP belaufen haben. Zu dieser Größenordnung gelangt man, wenn man die tatsächlich im Jahr 2020 erreichten Werte mit den Prognosewerten vergleicht, die der IWF im Oktober 2019 für das Jahr 2020 veröffentlicht hatte. Damals waren die Fachleute von einem realen Wachstum von gut 1,5 % für die EU27 ausgegangen.

Auffällig ist, dass der ostasiatische und pazifische Raum insgesamt im Jahr 2020 mit Abstand den geringsten Verlust an Wachstumsdynamik zu verzeichnen hatte, was vor allem auf die Entwicklung in China zurückzuführen ist. Das Land, in dem die Pandemie ihren Anfang nahm, verzeichnete im Jahresdurchschnitt lediglich eine Verminderung des Wachstumstempos, aber keinen absoluten Rückgang.

In Europa und den USA war schnell klar, dass eine Schock-Abfederung durch die Fiskalpolitik nur mit Unterstützung der Geldpolitik gelingen würde. Der Großteil der öffentlichen Mittel muss im Krisenfall direkt oder indirekt von den Zentralbanken kommen, also aus dem Nichts geschaffen werden. Den Zentralbanken kommt dabei die Aufgabe zu, den Spekulanten an den Anleihemärkten das Handwerk zu legen. Das war für die reichen westlichen Nationen offensichtlich und so wurde es auch weitgehend gehandhabt. Im übrigen wurde gegen die Spekulation an den Rohstoff- und Devisenmärkten nie systematisch vorgegangen.

Für die Entwicklungsländer gab und gibt es diese einfache Lösung nicht. Sie haben zwar eigene Währungen, aber deren Wechselkurse hängen stark von den Finanzmärkten ab. Große, weitgehend von den Zentralbanken finanzierte Fiskalprogramme bergen die Gefahr in sich, dass die Währungen unter starken Abwertungsdruck geraten. Die Akteure an den Finanzmärkten vermuten dann nämlich, dass die ärmeren Länder den Schock schlechter verkraften als die reichen. Wenn sich diese Erwartung bei vielen verfestigt und sogar darauf spekuliert wird, lässt sich der Wechselkurs nicht halten, selbst wenn die Währung zu Krisenbeginn eher unterbewertet war. Die Zentralbanken der ärmeren Staaten haben in der Regel viel zu geringe Devisenreserven, also zu wenig Vorrat an Fremdwährung, um einer Abwertungsspirale wirkungsvoll begegnen zu können. Folglich versuchen sie, eine Währungskrise durch Erhöhung der heimischen Zinsen zu verhindern. Das ist aber das Gegenteil dessen, was eine Wirtschaft im Krisenfall braucht. Dieser Faktor lastet derzeit zusätzlich auf den Volkswirtschaften der ärmeren Länder.

Zu diesen Problemen tragen nicht zuletzt die jahrzehntealten Spielregeln des weltweiten Handels bei. Der Ausweg aus dem Dilemma hoher Auslandsverschuldung, die längerfristig handelsbedingt aufgebaut wird, und Kapitalflucht ausländischer Kapitalanleger im Krisenfall bestünde in internationaler Kooperation der Zentralbanken. Aber diese findet nicht statt – zum kurzfristigen Schaden der ärmeren und zum langfristigen Schaden aller Nationen. Die aktuelle Ukraine-Krise und die andauernden Herausforderungen des Klimawandels bieten Gelegenheit, diesen wirtschaftspolitischen Kardinalfehler endlich zu korrigieren. Perspektivisch müssen die internationalen Handelsbedingungen ordnungspolitisch zugunsten der ärmeren Länder verändert werden.

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