/Kommentare/Warum wir im Umgang mit dschihadistischem Terror radikal umdenken müssen

Warum wir im Umgang mit dschihadistischem Terror radikal umdenken müssen

Warum radikalisieren sich Jugendliche, die in Österreich, Deutschland oder Frankreich aufwachsen? Was muss passieren, um weitere dschihadistische Anschläge zu verhindern? Fabian Reicher und Anja Melzer geben in ihrem Buch „Die Wütenden“ authentische Einblicke in die Wirkungsweise der Propaganda des sogenannten Islamischen Staates und ihre Anziehungskraft auf europäische Jugendliche. Anhand von fünf Biografien radikalisierter Jugendlicher beschreiben sie, wie es gelingt, mit Kenntnis der Vorgehensweisen und den richtigen Methoden beim Ausstieg aus der vermeintlich attraktiven Jugendsubkultur zu helfen.

Montag, der 02.11.2020, mitten in Wien. Die letzten Monate waren schwer genug, doch das Schlimmste in diesem wahnsinnigen Corona-Jahr 2020 sollte den Bewohner:innen dieser Stadt erst noch bevorstehen. Dieser Montagabend war insofern auch besonders, da nur noch wenige Stunden der Freiheit übrig waren, bevor ab Mitternacht wieder Ausgangsbeschränkungen im ganzen Land gelten und alle Geschäfte, Lokale und Restaurants schließen sollten.

Es war ein ungewöhnlich lauer Abend, auch darum waren die Außenbereiche sämtlicher Kneipen (in Wien nennen wir sie »Beisln«) bis auf den letzten Platz gefüllt. Laute Stimmen, gelöstes Lachen, das gefährliche Virus schien für einen Moment fast vergessen. Weltuntergangsstimmung auf Wienerisch, irgendwo zwischen Hektik und Ausgelassenheit, Zynismus und Grant – noch ahnte niemand, was in dieser Nacht über Wien hereinbrechen sollte.

Ich war der Letzte im Büro. Direkt unter meinem Fenster fließt der Donaukanal und teilt die Stadt. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich der Schwedenplatz und das sogenannte Bermudadreieck mit den vielen kleinen Bars und Nachtlokalen. Dahinter baut sich der erste Bezirk auf, das Zentrum von Macht, Reichtum und Erfolg. Auch wenn die Wiener Innenstadt keine Skyline hat – wer es »geschafft hat«, lebt und arbeitet hier. Doch auch wenn mein Büro in Sichtweite dieses Glanzes liegt – meine Arbeit führte mich in den vergangenen Jahren immer hinaus an die Ränder der Stadt, in die sogenannten »Brennpunktbezirke«. Und wenn ich ehrlich bin: Dort fühle ich mich auch wohler.

Es wurde gerade dunkel, nur meine Schreibtischlampe leuchtete noch hell. Kurz nach 20 Uhr ertönte plötzlich eine Polizeisirene, dann noch eine, und dann ganz viele auf einmal. Eine Lautsprecherdurchsage folgte, aber ich konnte das Gesagte nicht verstehen. Wenige Augenblicke später war mein gesamtes Büro in Blaulicht getaucht.

Ich blickte aus dem Fenster. Dort drüben am anderen Ufer standen überall Polizeiautos. Das hier ist etwas Großes, dachte ich mir sofort. Hastig nahm ich mein Handy, öffnete im Browser »oe24.at« – Österreich, die wohl schlimmste aller österreichischen Boulevardzeitungen. Im Vergleich dazu könnte die deutsche BILD beinahe als Qualitätsmedium durchgehen. Doch genau deshalb hat die Zeitung meist auch die allerschnellsten Schlagzeilen. Und da war sie auch schon: »Schüsse am Schwedenplatz«. Und direkt darunter: »Terroranschlag«.

Ein Terroranschlag? Hier in Wien, direkt gegenüber? Das wird alles verändern, schoss es mir durch den Kopf. Das, womit ich mich die letzten zehn Jahre meines Berufslebens intensiv beschäftigt hatte, spielte sich gerade vor meinem Fenster ab. Der erste dschihadistische Anschlag in Wien.

Meine Gedanken überschlugen sich. Panik kroch in mir hoch. »Hoffentlich war es keiner von meinen Jungs«, dachte ich und zuckte fast in der gleichen Sekunde innerlich zusammen. Durfte ich so etwas überhaupt denken, meinen Schützlingen derart misstrauen? Ich musste. Im Kopf ging ich alle meine Fälle durch … hatte ich eventuell irgendwas übersehen? Nein, das war doch unmöglich … Oder?

Ich bin Jugendsozialarbeiter im Bereich der Extremismusprävention, der Ausstiegs- und Distanzierungsarbeit. Ich arbeite mit Jugendlichen, die extremistische Positionen und Vorstellungen in ihr Weltbild übernommen haben. »Die auf den ersten Blick einfachste Betrachtungsweise der Deradikalisierung ist die als Umkehrung des Prozesses, durch den eine Person zum Extremisten wurde.«1 So beschreibt der deutsche Politikwissenschaftler und Terrorismusforscher Peter Neumann den Prozess der Deradikalisierung.

Aber was heißt das eigentlich? Und wie soll das gehen, kann man Jugendliche überhaupt deradikalisieren?

Es gibt zahlreiche Antworten auf diese Fragen, aber auch viele Missverständnisse. Die meisten »Terrorexpert:innen« und »Islamkritiker:innen«, die die Diskussion in den letzten Jahren dominierten, haben immer wieder denselben, entscheidenden Fehler gemacht: Sie reden über die Betroffenen – aber nicht mit ihnen. Ihre Erfahrungen, ihre Selbstbilder, ihre Vorstellungen – diese Themen werden im Diskurs über »Islam und Terror« vernachlässigt. Aber genau dort finden wir die wichtigsten Antworten auf die Frage, was zum Beispiel einen jungen Mann in Paris dazu bringt, einen Lehrer zu ermorden, der seinen Schüler:innen im Rahmen einer Unterrichtsstunde über Meinungsfreiheit Mohammed-Karikaturen zeigte. Dieses Attentat lag an diesem Abend erst wenige Wochen zurück.

Eines ist klar: Es gibt keine einfachen Antworten. Die Welt ist nicht schwarz-weiß, sie ist unglaublich komplex, so auch bei diesem Thema: Es gibt viele Wege in den Dschihad. Alle Jugendlichen, mit denen ich während der letzten Jahre gearbeitet habe, hatten ihre individuellen Wege, die zum Einstieg und später auch zum Ausstieg aus der extremistischen Szene führten. Was aber alle Geschichten miteinander verbindet, sind die immer gleichen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Wiener Innenstadt oder »Brennpunktbezirk«, davon hängt viel ab. Für diese Jugendlichen, mit denen ich arbeite, steht die Frage »Wer will ich sein?« meist hinter »Wer kann ich überhaupt sein?« Und das macht einen großen Unterschied.

Es gibt noch eine weitere Gemeinsamkeit, nämlich (marginalisierte) Männlichkeitskonstruktionen, also Bilder davon, was es heißt, »ein echter Mann« zu sein.2 Die Welt ist geprägt von patriarchalen und vergeschlechtlichten Strukturen, was zu Benachteiligung von Frauen, Lesben, Nichtbinären und Transpersonen auf fast allen Ebenen führt – keine Frage.

Aber auch junge Männer leiden unter diesen Strukturen, unter jenen männlichkeitsbezogenen Bildern, denen sie glauben entsprechen zu müssen. Es sind zum allergrößten Teil Jungen und Männer, die sich extremistischen Gruppierungen anschließen. Und da ich persönlich nur mit Jungs zu diesem Thema wirklich intensiv gearbeitet habe, kann ich auch nur über ihre Welt authentisch berichten. Manches davon funktioniert möglicherweise auch in der Arbeit mit jungen Frauen oder Erwachsenen.

Die Geschichte, die ich hier erzählen will, ist nicht nur meine Geschichte. Es ist die Geschichte von Menschen, deren Stimmen viel zu wenig gehört werden. Begonnen hat alles mit der Durchsicht meiner Mitschriften, Protokolle und den Kommunikationsverläufen diverser Messenger. Die daraus entnommenen wörtlichen Zitate und Aussagen sind kursiv gekennzeichnet und bilden den Kern dieses Buches. Es ist die Geschichte von Dzamal, Outis, Adam, Sebastian, Aslan und anderen, die ich über die letzten Jahre als Sozialarbeiter begleiten durfte. Um sie nicht zu gefährden, haben sie sich für diese Geschichte selbst Pseudonyme gegeben. Jeder von ihnen hat sein eigenes Kapitel, das er kennt und bei dem er hinter dem Gesagten steht.

Es ist eine Geschichte über eine Welt, die von Boulevardmedien gerne als »Parallelgesellschaft« bezeichnet wird. Meine Perspektive ist eine andere: Als Jugendsozialarbeiter muss ich immer auf der Seite der Jugendlichen stehen, anders ist diese Arbeit nicht möglich. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich all ihre Ansichten und Positionen unterstütze – ganz im Gegenteil, viele davon stehen den meinen diametral gegenüber, zumindest zu Beginn unserer Arbeit.

In den letzten zehn Jahren habe ich versucht, in ihre Welt einzutauchen, sie zu verstehen und gemeinsam mit ihnen Antworten auf Fragen rund um den Diskurs »Islam und Terror« zu finden. Dafür war es manchmal notwendig, den eigenen Rahmen, mit all den Bildern und Vorstellungen, den bekannten pädagogischen Konzepte und gängigen sozialarbeiterischen Methoden, zu verlassen und Neues auszuprobieren – in die schwierigen Grauzonen zu gehen. Manches davon hat funktioniert, manches nicht, über beides möchten wir schreiben. Fest steht: Ich habe viel von den Jungs gelernt. Es ist daher vor allem unsere gemeinsame Geschichte.

Was mir an jenem Novembertag 2020 auch sofort bewusst wurde: Die nächste Zeit würde richtig anstrengend für mich werden. Ein bisschen schämte ich mich zwar für diesen Gedanken, nur wenige Meter entfernt von meinem sicheren Büro waren gerade Menschen erschossen worden. Die Anschläge von Dresden, Nizza und Paris lagen nur wenige Wochen zurück. Vor allem die Ermordung des Lehrers Samuel Paty hatte etwas in mir ausgelöst. Ich begann an meiner Arbeit zu zweifeln. Ein Lehrer, der in den Banlieues unterrichtet hatte, an den Rändern der Stadt, auf offener Straße enthauptet, mitten am Tag. Auch wenn ich es damals ungern zugeben wollte, nahm ich es irgendwie persönlich. Der Terrorist hatte mir und meiner Lebensweise den Krieg erklärt. Hatten diverse »Islamkritiker:innen« mit ihren Thesen um einen angeblichen »Kampf der Kulturen« doch recht?

Denn auch die Jugendlichen reagierten anders auf diesen Fall, einige von ihnen rechtfertigten den Mord: »Samuel Paty hatte die Ehre des Propheten beleidigt, das können wir uns nicht gefallen lassen!« Die Gespräche waren so schwierig wie selten zuvor. Es fühlte sich ähnlich an wie damals – wie nach dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo. Und jetzt der erste dschihadistische Terroranschlag in Wien. Das würde alles verändern.

Es war genau 20:22 Uhr. Mein Handy vibrierte. Eine Nachricht von Aslan. Er schrieb: »Wallah, diese dreckigen Dawla-Hundesöhne![1] Die Konsequenzen müssen wir dann wieder tragen. Das wird furchtbar werden.«[2] Er war zu diesem Zeitpunkt gerade unmittelbar in der Nähe des Schwedenplatzes, ein Lokalbesitzer hatte ihn und einen Freund reingeholt, als die ersten Schüsse fielen. »Jetzt ist erst mal wichtig, dass ihr sicher nach Hause kommt, dann überlegen wir uns was!«, antwortete ich ihm. Es dauerte nur ganz kurz, bis eine weitere Nachricht von ihm kam. »Wir müssen uns was richtig Gutes überlegen«, schrieb Aslan. Ich hielt mein Handy in der Hand, langsam begann ich zu tippen: »Ich fürchte, du hast recht.«

Ich konnte die Schlagzeilen auf OE24 und Konsorten schon vor mir sehen: »Jetzt aber Schluss mit der falschen Toleranz!« Oder: »Mit voller Härte des Gesetzes«, und so weiter. Und das in Österreich, dem Land mit den wohl härtesten Antiterrorgesetzen Europas. Zwanzig Jahre sogenannter Krieg gegen den Terror, zehn davon arbeite ich in diesem Bereich, in der Gewalt- und Extremismusprävention. Es ist nichts besser geworden, ganz im Gegenteil. Die Strategie des sogenannten Islamischen Staates geht auf. Vielleicht wäre es endlich Zeit umzudenken?

In diesem Moment und jener Nacht beschloss ich, die Kriegserklärung der Terroristen nicht anzunehmen – und wir begannen dieses Buch zu schreiben.

[1] »Dawla(h)« ist die Kurzform der Selbstbezeichung des sogenannten Islamischen Staates (IS). Der Begriff allein bedeutet so viel wie »Dynastie«. Allgemein sollte an dieser Stelle angemerkt werden, dass der IS in diesem Buch stets als »sogenannter Islamischer Staat« bezeichnet wird, denn ihm fehlt bis heute die Legitimierung sowohl staatsrechtlich als auch innerhalb der muslimischen Welt (mehr dazu im vierten Kapitel dieses Buches). In der arabischsprachigen Welt hat sich unter anderem deshalb auch der Begriff »Daesh« für den IS durchgesetzt, was zwar einerseits als Akronym der arabischen Schreibweise gesehen werden kann, andererseits auch einen Seitenhieb auf das brutale Wesen des IS, denn übersetzt bedeutet der Begriff so viel wie »einer, der die Dinge zertritt«.

[2] Generelle Anmerkung zur Zitierweise in diesem Buch: Bei allen Zitaten, die kursiv gesetzt sind, handelt es sich um Wortlaute aus den Gesprächen mit den Jungen, die den Gedächtnisprotokollen entnommen sind.

Fabian Reicher

Fabian ReicherFabian Reicher, geb. 1987, war sechs Jahre als Streetworker in Wien tätig und arbeitet derzeit als Sozialarbeiter bei der Beratungsstelle Extremismus im Bereich der Ausstiegs- und Distanzierungsarbeit. Er ist Mitgründer mehrerer Online-Streetwork Initiativen. Reicher lehrt an den verschiedensten Hochschulen Österreichs.

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