/Kommentare/Warum mache ich das bloß?

Warum mache ich das bloß?

Immer noch bekommen Frauen nur die Hälfte der Rente, immer noch gibt es den Gender Pay Gap und immer noch konkurrieren Mütter darum, wer die besten Dinkelkekse bäckt. Der gelungene und passgenaue Wiedereinstieg in den Beruf gerät für junge Frauen zur größten Herausforderung ihres eh schon dichten Lebens zwischen 35 und 50. Katrin Wilkens hat 1000 Frauen geholfen, den passenden Job zu finden: die erlösende Vision – oder schlicht das Machbare, das funktioniert. In ihrem neuen Buch „Mutter schafft!“ führt sie die Ursachen für die Schwierigkeiten an und erklärt den Kreativitätsansatz, mit dem sie arbeitet, so dass irgendwann der Dinkelkeks-Battle nicht mehr die Altersarmut zur Folge hat. Ein wütender Aufschrei, der jungen Frauen Mut machen soll!

Es ist diese Scheißsache mit dem Genügen. Genau 24 Stunden, bevor ich dieses Buch zu schreiben beginne, sitze ich mit netten Nachbarn beim Grillabend. Sieben Erwachsene, acht Kinder, zwei Hunde. Rama-Idyll. Mir geht der Arsch auf Grundeis. Morgen werde ich für vier Wochen meine Familie verlassen, um mich einzuigeln. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, ich weiß nicht, ob irgendjemanden interessiert, was ich schreibe, ich weiß nicht, ob in der Zwischenzeit meine Tochter vor Mutterheimweh wimmert.

»Was würde euch an einem Buch über beruflichen Wiedereinstieg bei Frauen gar nicht interessieren?«, frage ich, in der falschen Hoffnung, schnell noch die kapitalsten Autorenfehler zu erfragen, zu vermeiden. Zu genügen. Die Frauen der Runde antworten prompt.

Line, Elternsprecherin, freiberuflich, vegetarisch, Typ Netzwerkerin, die man nachts um drei anrufen könnte, um die eigenen Kinder vorbeizubringen, sagt: »Wenn ich lesen würde, dass ich zu wenig arbeite.«

Katharina, sozial, politisch, tolerant und unaufdringlich edel: »Wenn ich mich in den Beispielen nicht wiederfinden würde.«

Die Männer trinken Bier und schnappen sich den politisch korrekten Grillkäse. »Reichst du mir mal den Salat, bitte?«

»Hey, sagt mal, was euch an dem Buch überhaupt nicht interessieren würde?!« Ausrufe-Rhetorik. Die, die man als Mutter tausendmal am Tag einsetzt: »Räum bitte den Tisch mit ab! Einer muss noch mit dem Hund raus! Geh verdammt noch mal ohne Socken ins Bett!« Wenn man diesen Tonfall einmal hat, switcht man bisweilen zu schnell – Riesenfehler am Freitagabend: Die Männer wollen chillen, nicht denken.

»Weißt du, Katrin, was mich an deinem Buch interessiert?«, setzt schließlich Seth, Typ Prenzlauer-Berg-Kreativer, von Beruf Neurosenbändiger und Budgetverwalter. Seth ist ein Amalgam aus Kreativität und Pragmatismus. Wenn einer was zur Machbarkeit von Ideen sagen kann, dann er. Er nimmt noch ein Stück Grillkäse. »Nichts. Mich interessiert an dem Buch nichts.«

Mirko ergänzt: »Mich würde abturnen, wenn du vom Feminismus redest und das Ganze zu streng aufschreibst. Mach es mehr locker, verstehste?«

Und so sieht die Bestandsaufnahme aus: Wenn man über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schreibt, dann muss man ein veganes Schwein grillen: Man darf auf keinen Fall feministisch schreiben, das wirkt dann so baschamikaesk, aliceschwarzerhaft, lauriepennymäßig. Es soll witzig sein, obwohl eigentlich in der Tatsache, dass Frauen immer noch nur halb so viel Rente bekommen wie Männer, nicht viel Witz steckt, jedenfalls nicht für uns Frauen. Es soll fundiert sein, mit viel wissenschaftlichem Bezug, sonst sind es nur Behauptungen, aber es darf nicht zu fußnotenlastig sein, sonst ist es Hirnfick. Es muss Zahlen bringen, sonst kann man darüber nicht diskutieren, es darf aber nicht zahlenlastig sein, sonst will niemand darüber diskutieren. Es soll viele Beispiele bringen, sonst ist es zu trocken, aber es dürfen keine Einzelfälle sein, sonst sind das nur Ausnahmen. Es soll eine Debatte anstoßen, aber es darf nicht aggressiv formuliert sein. Es muss journalistisch und wissenschaftlich zugleich sein, obwohl das kaum geht. Facebook-kompatibel und Hardcover, schnell- und langlebig. Unterhaltung und Politik. Ein Anliegen, das niemanden verprellt, aber etwas bewirkt. Es muss direkt in der Ansprache sein, sonst ist es zu verkopft, aber es darf nicht vulgär formuliert sein, denn das verschreckt oder biedert an. Es muss aus der Position einer glücklichen, zufriedenen Autorin geschrieben sein, denn Larmoyanz will keiner kaufen, es muss aber auch biografisch anrührend formuliert sein, denn ohne Ich-bin-eine-von-euch-Empathie wirkt es arrogant, will das niemand lesen. Es muss für Frauen geschrieben sein, bloß nicht verbittert, sondern eher so lustig, wie Barbara Schöneberger es schreiben würde, also humorvolle Selbstgeißelung, und es muss für Männer geschrieben sein, denn schließlich ist das doch kein reines Frauenthema, sondern betrifft die ganze Familie. Es muss also mit den Männern flirten und mit den Frauen solidarisch sein. Es muss wahrhaftig sein und geschmeidig. Es muss auf die Kinder Rücksicht nehmen, denn die sind schließlich das Wichtigste, oder auf die Frauen, auf die Männer, auf Gott und die Welt und den Fisch und die Gräte. Es muss ein hundertprozentig perfektes Buch für weibliches Nichtgenügen werden.

Die Gartentür geht auf, und Familie Wiedemann schaut vorbei, im Gepäck Vollkornpizzaschnecken und ein verwöhntes Kind. Die Mutter tuppert aus, und der Vater setzt sich mit einem tiefen Seufzer neben mich. Ich kenne ihn, er spielt mit seinem Siebenjährigen immer Fußball, übernachtet im selbstgebauten Baumhaus und ist ein Vorzeigepapa. Bekäme er für seine Vaterschaft Fleißkärtchen – er hätte die Sammlung komplett. Dazu ist er noch ein Hobbysammler: Er spielt Cello, Skat und Schultheater, er liest, kocht, malt und singt. Ginge ein obdachloses Hobby an ihm vorbei, er läse es auf und nähme es mit. Ich konnte früher über meinen Vater nur »Patience legen und kegeln« sagen, wenn man mich fragte, was er gern tat. Dass er feste Verabredungen jede Woche gehabt hätte – das war damals nicht üblich.

»Warum schreibst du denn das Buch?«, fragt der Hobby-Hobbyist, wirklich freundlich, ohne Häme und interessiert, zumindest strategisch interessiert. Er weiß, dass seine Frau auf die Nachbarschaftshilfe angewiesen ist, da will er es sich nicht grundlos verscherzen. »Weil ich es ungerecht finde, dass Frauen immer noch weniger Geld verdienen als Männer«, setze ich an. Bei meinem Mann löst das den sofortigen Ich-geh-mal-eine-rauchen-Reflex aus. Er weiß, dass es jetzt länger dauert, und er weiß vor allem, dass es noch länger dauert, wenn man mir widerspricht.

»Aber es ist doch ganz logisch, dass Männer mehr Geld verdienen müssen.« Ehrliche Ratlosigkeit im Gesicht meines Gegenübers: »Männer müssen doch auch die ganze Familie ernähren.« Den letzten Satz hört mein Mann und setzt sich schnell wieder hin. Jetzt wird es gleich krachen, und er ist nicht schuld. Er wartet auf Ein Kessel Buntes und die Replik seiner Frau.

Ich bin noch beim Sortieren. Ist das die Post-Harald-Schmidt-Ironie, das Gegenteil dessen zu behaupten, was politisch korrekt ist und dabei subversiv lachen? Sprenge ich die Freitagabendstimmung, wenn ich jetzt inhaltlich werde? Fliegen wir aus dem netten Grillzirkel, werden meine Kinder nicht mehr zum Übernachten eingeladen, wird mein Mann still bemitleidet, nur weil ich relevant werde? 100 Prozent perfekte Fragen für weibliches Nichtgenügen.

»Findest du es gerecht, dass wir Frauen nur die Hälfte der Rente bekommen, die ihr Männer bekommt?« Die Antwort kommt prompt und jovial-gönnerhaft. »Du kennst dich ja nicht so mit Statistik aus wie ich, Frauen werden ja auch viel älter als Männer, da ist es doch logisch, dass sie von der Altersarmut mehr betroffen sind.«1

Neun Erwachsene hören dieses Argument – neun Abiturienten, Akademiker, zum Teil Promovierte. Und schlagartig weiß ich, warum ich dieses Buch schreiben muss. Es liegt nicht an der kruden Anno-dunnemals-Argumentation des Cellisten. Es gibt auch Leute, die die Vernunftehe befürworten, und mitunter sind es ganz und gar reizende Zeitgenossen.

Es geht um die neun Erwachsenen, vier Männer, fünf Frauen, davon vier Mütter. Alle hatten mit dem beruflichen Wiedereinstieg nach der Babypause zu kämpfen. Alle wollten es besser machen als damals ihre Mütter, zumindest anders – obwohl ich gestehen muss, dass meine Mutter schon eine ziemlich geniale Mischung aus Beruf und Mutterschaft hingelegt hat: Sie war Architektin und hatte ihr »Studio« einfach in unser Haus integriert.

Die Elternsprecherin, die ihre Mutter aus lauter Selbstständigkeit kaum zu Gesicht bekam und heute für ihre Kinder auch einfach nur mal zwei Stunden Mutter sein will.

Die Politischgeprägte, die ihren Mann entlastet, soweit es geht, damit er auch eine Beziehung zu seinen Kindern aufbauen kann.

Die Tuppermutter mit ihrem Einzelkind, die es anders als ihre strenge Mutter machen will und deshalb ihr Kind lobt und unterstützt und »sieht« – und dabei gar nicht mehr bemerkt, dass sie sich selbst immer mehr auflöst, bis sie irgendwann nur noch Kindeswunsch ist.

Und ich, die ich meiner Tochter und meinen zwei Söhnen auch ein immaterielles Erbe mitgeben will: dass Arbeit Identität bedeutet, Sinn, Antidepressivum, Struktur, Spaß, Gemeinschaft, Geld, ja, auch Geld, Lernen, Abwechslung, Leidenschaft und Vernunft.

Wir alle wollen Familie und Beruf bestmöglich vereinen, denn darin sind wir uns einig: Der Sinn unserer Tage besteht nicht im Thermomixen, auch nicht im Detoxen oder im Twittern. Denn Frauen sind emanzipiert, wir Mütter sind es leider (noch) nicht immer.

»Findest du nicht, dass die wirklichen Verlierer die Kinder sind?«, unterbricht mich der Vorzeigepapa mit den hundert Hobbys, wahrscheinlich tritt er nächste Woche in einen Debattierklub ein.

»Nein, es ist längst wissenschaftlich erwiesen, dass sich Kinder, um die sich ausschließlich die Mutter gekümmert hat, nicht anders entwickeln als diejenigen, um die sich andere Personen gekümmert haben.2 Es ist längst erwiesen, dass sich heute berufstätige Mütter mit ihren Kindern so lange beschäftigen wie nichtberufstätige Mütter in den siebziger Jahren. Es ist längst erwiesen, dass sich zwei berufstätige Elternteile sogar vorteilhaft auf die Entwicklung von Mädchen auswirken.«3

»Noch Grillkäse?«

Ja, ich weiß, die Stimmung kippt. Aber mich ärgert diese Argumentation ungemein, die keine ist, aber von allen so hingenommen wird. Warum sagt niemand, dass sich Väter am glücklichsten fühlen, wenn sie 50 Stunden pro Woche arbeiten? Warum sagt niemand, dass es sie nachweislich unzufrieden macht, wenn sie sich um die Kinder kümmern?4 Warum lobt man Väter, wenn sie mit ihren Kindern angeln gehen, aber nicht die Mütter, wenn sie Pfannkuchenrezepte ausprobieren? Warum darf man auf diese Missstände nicht hinweisen, ohne dass es mit einem Sympathieverlust einhergehen muss? Das finde ich in #MeToo-Zeiten den viel stärker zu geißelnden Sexismus und nicht die Frage, ob in Hollywood, weitab von unserer Lebensrealität, die Frauen solidarisch schwarze Kleidung zur Oscarverleihung tragen.

Der Mann sieht mich lange an. Ich habe, wenn ich mich anstrenge, Mitleid. Er begibt sich in ein Feld, das er nicht beackern kann – vielleicht aus Gründen der sportiven Kräfterangelei oder aus der kulturellen Verpflichtung heraus, für Unterhaltung sorgen zu müssen. Ich habe aber auch Mitleid mit mir: weil meine Argumente nicht zählen, weil ich überhaupt, um diese Diskussion gewinnen zu können, lässig, ironisch, selbstmarternd smalltalken müsste, was ich nicht kann.

»Sag mal, mag dein Mann dich überhaupt noch so?«

Am nächsten Tag bringt mich meine Tochter zur Bahn. »Mama, warum musst du das Buch schreiben?«, fragt sie. »Weil Grillkäse eigentlich eklig ist«, antworte ich, »weil ich etwas sagen will, von dem ich glaube, dass es wichtig ist. Weil du genügst, so wie du bist. Und weil Papa mich immer noch mag.«

 

 

1 Im Rhetorikstudium haben wir diese Argumentation Rabulistik genannt. Schon in der Antike haben Philosophen die falsche Schlussfolgerung eindrucksvoll mit einem Beispiel beschrieben: »Eine Katze hat immer einen Schwanz mehr als keine Katze. Keine Katze hat zwei Schwänze. Deshalb hat eine Katze immer drei Schwänze.«

2 Ich zitiere hier aus den Forschungsergebnissen, die Sheryl Sandberg in ihrem Buch Lean In zusammengetragen hat.

3 Siehe Sheryl Sandberg, Lean In, S. 190 ff.

4 Siehe »Was ist bloß mit den Vätern los?«, Zeit, 26/2018, S. 60.

Katrin Wilkens

Katrin WilkensKatrin Wilkens ist freie Journalistin und schreibt seit 2000 unter anderem für die Zeit, den Spiegel, die Süddeutsche, taz, Nido, FA und Titanic. Wilkens wurde 1971 geboren, studierte Rhetorik und arbeitete als Trainerin in der Weiterbildung. Inzwischen ist sie erfolgreich bei i.do tätig, wo sie Müttern nach der Babypause hilft, einen maßgeschneiderten Job zu finden. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Hamburg.

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