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Warum die Zeit reif ist für eine bessere Zukunft

Die Bilder vom Hochwasser nicht nur in Deutschland und von den Waldbränden allerorts sowie der aktuelle UNO-Weltklimabericht zeigen es ganz klar: Die Öffentlichkeit sieht diese Einzelereignisse jetzt im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Ein solcher Umschwung in der öffentlichen Meinung könnte historische Ausmaße haben. Er macht einen neuen Blick auf die Vergangenheit und in die Zukunft notwendig. Das zeigen Walter Ötsch und Nina Horaczek in ihrem neuen Buch.

Warum ist so lange so wenig geschehen? Warum wurden über gut vier Jahrzehnte die Warnungen der Wissenschaft in den Wind geschlagen? Warum wurden in vielen Konferenzen globale Ziele beschlossen, aber kaum umgesetzt? In den 1980er-Jahren und dann – nach dem Zusammenbruch der staatssozialistischen Länder vor allem 1989 – war weltweit ein Umschwung in der Art zu beobachten, wie Politik betrieben wurde: weg von einer Politik, die sich als mächtig und gestaltend verstand, und hin zu einer Politik „der Globalisierung”, die glaubte, sich „den Märkten” anpassen zu müssen. Die Politik hat sich dabei künstlich hilflos gestellt – wie mächtig sie ist und wie mächtig sie immer war, haben die Maßnahmen in der Covid-19-Pandemie gezeigt.

Viele Jahre wurde „die Globalisierung” wie ein Naturereignis betrachtet, gegen die es „keine Alternative” gibt. Die Politik hat verlernt, ihre gestaltende Phantasie zu gebrauchen, sie ist immer inhaltsleerer und phantasieloser geworden. Wer in der Politik vermittelt heute noch inspirierende Bilder über eine positive Zukunft?

Nach dem neuen Bericht des Weltklimarats kann die Erderwärmung nur dann unter zwei Grad Celsius gehalten werden, wenn zügig das Ziel angepeilt wird, in dreißig oder vierzig Jahren eine Netto-Null zu erreichen: dass nur noch ein kleiner Rest an Treibhausgasen emittiert wird, der aber zugleich auf anderem Wege der Atmosphäre wieder entzogen wird. Eine solche Kraftanstrengung erfordert den kompletten Umbau der Wirtschaft. Dazu muss die Politik wieder lernen, mit Phantasie und Utopie zu agieren.

Die brisante Frage unserer Zeit lautet: Wie können Politik und Gesellschaft die große ökologische Herausforderung, die vor uns liegt, reagieren? Die entscheidende Kraft der Menschen liegt in der Imagination. Diese Kraft gilt es wieder zu entdecken. Und zwar nicht in der Imagination der wirtschaftlichen Eliten, sondern als Imaginationskraft von unten.

Aber genau das macht eine qualifizierte Minderheit in der Gesellschaft, die tausende zukunftsweisenden Projekte vorantreibt. Sie agieren aber meist vereinzelt, nicht als Gesamtheit, und bilden keine vereinte politischen Kraft. Unsere Vision ist, dass diese vielen Projekte politisch zusammenfinden. Dass es ihnen gelingt, einen Minimalkonsens zur Klimafrage zu entwickeln und ein neues politisches Bündnis zu schmieden. Dass eine neue politische Bewegung mit Phantasie entsteht.

Das Fenster der Möglichkeiten öffnet sich genau jetzt in diesem Moment. Die Vorboten einer besseren Welt sind schon da. Es gibt bereits zahlreiche Beispiele dafür, wie eine bessere Welt für alle aussehen kann – und auch, wie wir dort hinkommen können. Viele dieser Beispiele finden sich in unserem Buch „Wir wollen unsere Zukunft zurück“.

Wenn wir die Augen schließen und dreißig oder gar fünfzig Jahre in die Zukunft blicken, was sehen wir da? Wir sehen große Erleichterung. Die Menschheit hat den Turnaround geschafft. Mit vereinten Kräften ist es gelungen, die Klimakatastrophe abzuwenden. Wir bauen Häuser, die nachhaltig sind, und Plätze zum Wohlfühlen. Wir leben in Städten, die ruhig und sauber sind, in denen unsere Enkelkinder (oder auch schon Ur-Enkelkinder) mit dem Fahrrad zur Schule fahren, ohne sich fürchten zu müssen, und sich auf dem Weg noch an urbanen Gartenoasen ihre gesunde Pausenmahlzeit pflücken. Wir leben in kleinen Gemeinden, die mit ihrer Umgebung vernetzt sind und in denen die Ortskerne wieder lebendige Treffpunkte sind und niemand vereinsamt. Wir leben in einer Welt, in der Wohlstand gerecht verteilt ist.

Können wir mit Sicherheit sagen, dass der Menschheit dieses Experiment gelingen wird? Nein. Die Zukunft ist immer ungewiss. Aber wir wissen, dass wir noch eine Chance haben und dass uns nur eine Option bleibt: Die ökologische Krise und die soziale Krise zwingen zum Handeln. Oder, um es am Schluss mit Margaret Thatcher zu sagen: „There is no alternative.“ Diesmal haben wir wirklich keine Alternative.

Walter Ötsch

Walter ÖtschWalter Ötsch ist Professor für Ökonomie und Kulturgeschichte an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung. Er forscht zur Geschichte des ökonomischen Denkens und zur Wirkungsgeschichte des Neoliberalismus. Er ist Kommunikationstrainer und gefragter Experte für Rechtspopulismus. Zusammen mit Nina Horaczek ist er Autor des Buches "Populismus für Anfänger. Anleitung zur Volksverführung ", das 2017 imWestend Verlag erschienen ist und zu einem viel beachteten Bestseller wurde.

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