/Kommentare/Warten macht glücklich!

Warten macht glücklich!

Timo Reuter, Journalist und Philosoph, nimmt in „Warten. Eine verlernte Kunst“ einen ungeliebten Zustand in den Blick. In seinem Buch voller unterhaltsamer Geschichten und erstaunlicher Erkenntnisse untersucht er den politischen Gehalt des Wartens, dessen subversives Potenzial sowie die beglückende Kraft des Nichtstuns, der Muße und des Verweilens.  „Wer die Kunst des Wartens nicht beherrscht, dem geht auch die Gelassenheit verloren – und die Vorfreude“, sagt Timo Reuter.  Er hält ein Plädoyer für eine neue Kultur des Wartens, die sich dem Rausch der Beschleunigung widersetzt – und er zeigt, wie wir uns die „Zeit dazwischen“ zurückerobern können! Lesen Sie zum Erscheinen des Buches seinen aktuellen Kommentar.

Auf den nächsten Bus oder die große Liebe, auf unsere Verabredung oder auf einen Neuanfang – ständig müssen wir warten. Obwohl dieser Zustand zum Leben dazugehört, denken wir kaum darüber nach. Das Warten ist ein Nischenphänomen, das weder im Alltag noch in den Elfenbeintürmen der Philosophen oder in den Laboren der Wissenschaftlerinnen bisher allzu viel Aufmerksamkeit bekommen hat. Doch das sollte sich ändern.

Denn wie wir warten verrät eine Menge über uns – und über die Welt, in der wir leben. Auf was dürfen wir hoffen? Wo stellen wir uns freiwillig an? Und wo werden wir dazu gezwungen? Unsere Bedürfnisse und Hoffnungen offenbaren sich im Warten ebenso wie gesellschaftliche Machtverhältnisse. Menschen halten andere hin, um ihre Überlegenheit zu demonstrieren. In die endlosen Warteschlangen beim Arbeitsamt oder auf der Ausländerbehörde hingegen müssen sich vor allem jene einreihen, die kaum über Privilegien verfügen. Die Verteilung der Wartezeiten ist also selbst ein Spiegel sozialer Hierarchien – und ein moralischer Gradmesser. Denn zumindest die Warteschlange steht für einen durchaus hohen Wert: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Obwohl alle zuerst bedient werden wollen, soll die Zeit eines jeden dasselbe wert sein. Was in der Warteschlange passiert, verrät also auch einiges darüber, wie wir es mit der Gerechtigkeit halten.

Und schließlich zeigt sich beim Warten, wie wir mit der Zeit umgehen. Kleine Zwangspausen und alltägliche Verzögerungen erzeugen heute ja meist Langeweile und Ungeduld. Ständig schauen wir dabei auf die Uhr – doch paradoxerweise scheint sie dadurch noch langsamer zu ticken. Jedes Mal ist der Stillstand also eine Bewährungsprobe, denn als moderne Menschen haben wir eines natürlich nie: Zeit. Als privilegiert gelten diejenigen, die alles ohne Verzögerung bekommen. Aber liegt nicht vielleicht gerade im Warten das Glück?

Wer auf eine Aufenthaltsgenehmigung oder auf ein Spenderorgan wartet, dem erteilt man besser keine Ratschläge. Und weil Langsamkeit eben ein Privileg ist, helfen gut gemeinte Tipps auch jenen kaum weiter, die auf den rutschenden Abhängen unserer Gesellschaft besonders rasch weggespült werden: den Armen und Marginalisierten. Für alle anderen aber gilt: Warte mal. Das ist manchmal ziemlich anstrengend und doch kann dieser Zustand das Leben auf vielfältige Weise bereichern.

Weil der Zug ohnehin kommt, wann er will, könnten wir die Wartezeit als Sandkorn im Getriebe der pausenlosen Verwertungsmaschinerie begreifen – und diese Pause nutzen, statt uns darüber aufzuregen. Es wäre dann geschenkte und keine verlorene Zeit. Eine Möglichkeit, um ein schönes Buch zu lesen oder besser noch, um innezuhalten und den Strom einmal vorbeiziehen zu lassen. Wer beim Warten also die Welt beobachtet, kann viel Neues entdecken und den kleinen Schönheiten beiwohnen, die sich dem schnellen Zugriff verweigern – wenn wir denn bereit sind, „vorm Kleinsten zu verweilen“, wie der große Philosoph Theodor W. Adorno notierte.

Doch die Realität sieht oft anders aus. Es ist schon absurd: Auf dem Weg zum Meditationskurs machen wir einen schnellen Abstecher in den Supermarkt – und ärgern uns, weil wir dann an der Kasse stehen müssen. Dabei hat die Meditation schon längst begonnen – wir müssten beim Warten bloß mal dort bleiben, wo wir gerade sind. Ist es die Angst, etwas zu verpassen, die uns davon abhält? Oder vielleicht doch die Furcht vor der Langeweile? Schließlich spüren wir dann, wenn nichts vorangeht, wie die Zeit vergeht – und das heißt eben auch: wie wir vergehen.

Doch in der Langeweile, die im Zeitalter der Smartphones ja selten geworden ist, liegt auch eine Chance: Denn wer den Leerlauf aushält, dem öffnet sich das Tor zur Muße und zur Kreativität. Langsamkeit, Langeweile und Kontemplation, aber ebenso das Verweilen und schließlich auch das Warten sind nämlich der Humus, auf dem Kreativität und Produktivkräfte wachsen. René Descartes philosophierte am liebsten im Bett und der griechische Mathematiker Archimedes soll eine seiner bahnbrechenden Entdeckungen gemacht haben, als er in der Badewanne lag. Als sich Martin Luther beinahe ein Jahr auf der Wartburg verstecken musste und ihn die Langeweile quälte, übersetzte er die Bibel ins Deutsche.

Indem wir uns beim Warten also auf das Hier und Jetzt einlassen, indem wir verweilen, die Langeweile aushalten oder nichts tun, holen wir kleine und große Freuden in unser Leben und geben der Muße Raum. Aber auch die Vorfreude kann sich erst entfalten, wenn wir warten. Der Biss in die leckere Schokotorte oder der lang ersehnte Kuss, das ist Freude. Sie liegt im Moment der Erfüllung. Die Vorfreude hingegen ist das Glück der Wartenden: Sie nimmt diese Erfüllung vorweg. Und sie lässt sich ausdehnen, indem wir eben etwas länger warten.

Schließlich gehören zum Glück der Wartenden aber auch die Begegnungen mit anderen Menschen. Wer sich selbst überwindet, kann die Vereinzelung überwinden – wer also den Mut aufbringt, Fremde an der Bushaltestelle oder im Wartesaal anzusprechen, kann am Bahnhof im Regen stehen und dem zaubert ein nettes Gespräch dennoch ein Lächeln auf die Lippen. So wird das Warten zu einem Möglichkeitsraum des Austauschs. Gerade dessen Flüchtigkeit wäre doch ein guter Ansporn, um miteinander in Kontakt zu kommen – vermutlich sehen wir die andere Person ohnehin nie wieder.

Menschen können sich also beim Warten begegnen – und sie können sich durch das Warten näherkommen. Das vielleicht schönste Geschenk, das man anderen machen kann, ist die eigene Zeit. Sie verbindet uns. Aktives Zuhören braucht das Warten, zwischenmenschliche Güte und Zärtlichkeit sind stets geduldig. Sie gründen auf Nachsicht und Sanftmut. Nur so kann man sich einander wirklich nähern – wenn man miteinander aufeinander wartet. Es ist ein Warten, bei dem es nicht um Angebot und Nachfrage oder die Verrechnung von (Warte-)Zeit mit Geld geht – sondern um Freundschaft und Liebe, um Intimität, Nähe und Vertrauen. All das entsteht in der Zeit des gemeinsamen Wartens.

 

Zum Erscheinen von „Warten. Eine verlernte Kunst“ verlosen wir drei Exemplare des Buches! Schicken Sie uns einfach bis zum 17.11. die schönste, spannendste, bescheuertste Wartegeschichte an warten@westendverlag.de.

Timo Reuter

Timo ReuterTimo Reuter, Jahrgang 1984, hat Philosophie, Mathematik und Pädagogik studiert. Nach Stationen bei Radio und Fernsehen kommentiert er seit 2011 für verschiedene Tages- und Wochenzeitungen das politische Zeitgeschehen, er schreibt über soziale Bewegungen und gesellschaftlichen Stillstand. 2016 ist sein Buch über das bedingungslose Grundeinkommen erschienen. Er lebt in Frankfurt am Main - und besonders auf Reisen wartet er gern.

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