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Wachstum heißt Entwicklung

An der „Wachstumsfrage“ scheiden sich die Geister: Bewirkt Wachstum den von der Menschheit eigens herbeigeführten Untergang der Welt oder hält es ganz im Gegenteil die einzige Lösung für die Probleme der Weltgemeinschaft bereit? Darüber diskutieren Katja Gentinetta und Niko Paech in der Streitschrift „Wachstum“, dem ersten Band unserer neuen Reihe „Streifragen“. Während Katja Gentinetta dafür plädiert, dass menschliches Handeln nicht einzig auf ein Überleben ausgerichtet sein darf, sondern sich vielmehr auf die größte Fähigkeit des Menschen rückbesinnen muss, die Welt durch seine Talente immer weiter zu verbessern, übt Niko Paech scharfe Kritik: Gerade das menschliche Streben nach Wachstum ist es, das unsere Welt ihrem Ende immer näher bringt, da die Menschheit durch ihre besinnungslose Ausrichtung an immer mehr Fortschritt und der dadurch ausgelösten Zerstörung kurz vor ihrem Ende steht. In dem heutigen Kommentar kommt Katja Gentinetta zu Wort, kommende Woche folgt die Antwort von Niko Paech.

Wozu sind wir auf dieser Welt? Was macht uns glücklich? Und wie können wir unser Leben verbessern? Seit jeher will der Mensch mehr als nur überleben. Er will ein gutes und wenn immer möglich besseres Leben führen.

Die antike eudämonistische Ethik lehrt uns, dass das letzte Ziel des menschlichen Lebens, ja das gute Leben schlechthin, darin besteht, ein tugendhaftes Leben zu führen. Nach Aristoteles bedeutet dies, die uns Menschen einzigartigen Fähigkeiten bestmöglich zu nutzen. Menschliches Handeln ist Streben (orexis), und dieses Streben richtet sich nach dem höchsten Gut: der Glückseligkeit. Diese reicht weit über subjektive Glücksmomente hinaus. Nur wenn der Mensch seine spezifischen und seiner Natur entsprechenden Fähigkeiten – die Sprache, den Geist – einsetzt, um sich und sein Leben zu verbessern, vermag er die Glückseligkeit zu erlangen. Erst mit dem Gebrauch seines Verstandes gelingt dem Menschen seine Vollendung.

Ein gelingendes Leben – das lehrt uns nicht nur die Ethik, sondern auch unsere eigene Erfahrung – besteht im Wesentlichen darin, dass wir uns entsprechend unseren Möglichkeiten entfalten können, unseren Geist einsetzen und unsere Talente nutzen können, um für uns und für andere ein besseres Leben zu schaffen.

Die orexis, das Strebevermögen, attestiert Aristoteles allen Lebewesen. Aber nur beim Menschen geht es diese einzigartig fruchtbare Verbindung mit dem Verstand ein, woraus einerseits die Klugheit (phronesis) und andererseits die Kunstfertigkeit (techne) erwächst. Vernunft und Innovation sind es demnach, die unsere geistigen Fähigkeiten auszeichnen. Ihnen ist jener Fortschritt zu verdanken, der die Entwicklung und Erweiterung der Medizin, die Überwindung von Armut und Hunger, die Entdeckung der Welt, die Kommunikation über den ganzen Globus und vieles mehr umfasst. Die stete Steigerung des Lebensstandards gibt uns außerdem mehr Raum und Zeit, unsere geistigen Möglichkeiten auszuschöpfen und unserem Leben einen Sinn zu verleihen. Diese Entwicklung ist ohne wirtschaftliches Wachstum nicht denkbar. Unser Streben nach einem besseren Leben treibt das Wachstum an, denn Wachstum bedeutet Entwicklung. Das wirtschaftliche Wachstum, das erst mit der Industrialisierung begann, setzte eine beispiellose technologische und gesellschaftliche Entwicklung in Gang, die zu einer bis dato ungekannten Verbesserung des Lebensstandards breiter Bevölkerungsschichten führte. Elektrizität, fließendes Wasser, Schutz vor Wind und Wetter, aber auch Arbeitsteilung, Bildung und Ausbildung, Rechtsgleichheit – das alles und noch viel mehr zeugen von dieser Entwicklung. Sie belegen unmissverständlich, dass das Wirtschaftswachstum auf das Leben der Menschen eine ungeahnte, hinsichtlich ihrer Dimension und Qualität nicht bestreitbare positive Auswirkung hatte und auch weiterhin haben wird.

Das bedeutet jedoch nicht, dass das Wirtschaftswachstum nicht auch problematische Nebenwirkungen zeitigt, die behoben werden müssen. Hingegen sind weiteres wirtschaftliches Wachstum und technologische Entwicklung – beide Ausflüsse des menschlichen Geistes – überhaupt erst die Voraussetzung dafür, die entstandenen Schäden zu beheben und weitere zu vermeiden. Wachstum bedeutet Fortschritt und Entwicklung; es baut auf den Leistungen der Vergangenheit und setzt auf die Potenziale der Zukunft.

Wer das Wirtschaftswachstum kritisiert oder ablehnt, miss- oder verachtet diese Entwicklung. Die gängige Wachstumskritik verweist einzig auf dessen schädliche Nebenwirkungen, womit sie, durchaus beabsichtigt, das Wirtschaftswachstum als Ganzes diskreditiert. Ob Umweltschäden oder Klimawandel, Ungleichheit oder Stress, Kriege und Waffen oder Terror und Flucht: Diese und zahlreiche weitere Phänomene und Ereignisse werden als Beweise dafür angeführt, dass das Wirtschaftswachstum der Natur und dem Menschen schadet und folglich gestoppt, ja rückgängig gemacht werden muss.

Indem Wachstumskritiker bisherige Errungenschaften, oft sogar deren bloßes Vorhandensein, unerwähnt lassen, ignorieren sie letztlich jene Grundlage, von der aus ihre Kritik überhaupt erst formulierbar ist. Um es in Anlehnung an Ernst-Wolfgang Böckenförde zu sagen: Die Wachstumskritik lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren kann. Wer Verzicht predigt, kann dies nur aus der Warte der Saturiertheit tun, die ihrerseits ein Resultat des Wachstums ist. Und wer Wachstumskritik als Forderung nach ausschließlich »grünem« oder »nachhaltigem« Wachstum artikuliert, unterschlägt, dass dies ebenfalls Wachstum bedeutet und mehr noch: wirtschaftliches Wachstum bedingt. Gerade der Kapitalismus hat sich diesbezüglich als lernfähig und auch lernwillig erwiesen.

Wer das Wirtschaftswachstum anhalten oder gar verbieten will, beraubt all jene Menschen, die noch nicht über einen dem unseren vergleichbaren Lebensstandard verfügen, sämtlicher weiteren Entwicklungsschritte. Er entzieht ihnen damit nicht nur existenzielle Sicherheiten und alltägliche Annehmlichkeiten, sondern auch elementare Lebenschancen: die Möglichkeit, ein im aristotelischen Sinne gutes Leben zu führen und die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Entfaltung zu bringen. Wachstumskritik ist im globalen Kontext gesehen – und jeder andere Kontext muss heute als unvollständig gelten – ein Wohlstandsphänomen. Nullwachstum ist etwas für jene, die schon alles haben.

Wirtschaftliches Wachstum schlägt sich in erster Linie in einer für den Menschen positiven Entwicklung nieder: einer Entwicklung, die seinen geistigen Fähigkeiten und Möglichkeiten gerecht wird. Dies lässt sich anhand zahlreicher Fakten dokumentieren. Es bedeutet jedoch nicht, dass die problematische Seite des Wachstums – Ressourcenverbrauch, Umweltschäden, Überkonsum und Klimawandel – ignoriert oder gar geleugnet werden. Allerdings können diese Probleme nur durch die Fortführung des Wirtschaftswachstums – und gerade nicht durch dessen Unterbindung – gelöst werden.

Katja Gentinetta

Katja GentinettaDr. phil. Katja Gentinetta, geboren 1968, ist politische Philosophin. Seit über 10 Jahren arbeitet sie als selbständige Publizistin und Universitätsdozentin. Sie ist Wirtschaftskolumnistin der NZZ am Sonntag und publiziert und referiert im In- und Ausland regelmäßig zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Themen. Während je vier Jahren moderierte sie die Sternstunde Philosophie und die NZZ Standpunkte im Schweizer Fernsehen. Katja Gentinetta gehört zu den wichtigsten Stimmen der Schweiz.

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