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Vom Wachhund zum Kampfhund? Mainstreammedien in der Krise

Lügt die Presse? Lügen die Medien? Oder machen viele Journalisten „nur“ einen schlechten Job? Wird bewusst weggelassen oder manipuliert? Und falls ja, woran liegt das? Ulrich Teusch sagt: Vom Journalismus, wie wir ihn mal kannten, müssen wir uns wohl verabschieden.

 

Jeremy Corbyn hat der britischen Labour Party neues Leben eingehaucht. Seit der Parteilinke im September 2015 per Urwahl überraschend klar zum neuen Vorsitzenden gewählt wurde, erfreut sich die Partei eines ungeahnten und überwältigenden Zustroms neuer Mitglieder. Doch Corbyns innerparteiliche Gegner, die Anhänger des früheren Labour-Chefs Tony Blair, wollen sich mit dem Macht- und Richtungswechsel nicht abfinden. Statt den Willen der Parteibasis zu akzeptieren, lassen die „Blairites“ nichts unversucht, Corbyn das Leben schwer zu machen und ihn zu stürzen.

Als wichtigste Hilfstruppe der Corbyn-Widersacher fungieren – wundert es jemanden? – die britischen Mainstreammedien. Das ist kein bloß subjektiver Eindruck, sondern inzwischen wissenschaftlich belegt, also gleichsam amtlich. In einer im Juli 2016 publizierten empirischen Untersuchung hat die renommierte London School of Economics nachgewiesen, dass die führenden Medien des Landes unisono Front gegen Corbyn machen.[1] In 75 Prozent der Zeitungsartikel, so fanden die Forscher heraus, wurden Corbyns Auffassungen entweder verfälscht wiedergegeben oder unterschlagen. Nur 11 Prozent der Artikel haben über seine Ansichten fair berichtet. Was den Tonfall der Beiträge angeht, wurden weniger als 10 Prozent als „positiv“ klassifiziert. Der Vorwurf, eklatant einseitig zu berichten, trifft nicht nur die rechten Blätter oder die Boulevardzeitungen, sondern auch, etwas abgeschwächt, die als seriös und liberal (und im Prinzip Labour-freundlich) geltenden Flaggschiffe des britischen Mediensystems, Guardian und Independent. Zudem musste Corbyn immer wieder regelrechte Kampagnen über sich ergehen lassen. Das diesbezügliche Spektrum reicht von albern bis übel, also: von Corbyns eigenwilliger Art, sich zu kleiden, bis hin zum Vorwurf, die Labour Party habe seit seinem Amtsantritt ein handfestes „Antisemitismus-Problem“.

Eine zweite Untersuchung geht noch schärfer mit den Medien ins Gericht. Sie wurde – ebenfalls im Juli 2016 – von der britischen „Media Reform Coalition“ und Birkbeck/University of London herausgebracht.[2] Sie analysiert nicht nur die Websites der Zeitungen, sondern auch die Berichterstattung der Fernsehanbieter. Das Ergebnis für die BBC, hierzulande gerne als Muster der Unparteilichkeit und Ausgewogenheit gerühmt, fiel noch desaströser aus als das der Printpresse. Die Anti-Corbyn-Tendenz der mit öffentlichen Geldern finanzierten BBC war zudem deutlicher ausgeprägt als die von ITV, ihrer kommerziellen Konkurrenz.

Corbyns Pendant in den USA ist Bernie Sanders. Seine Erfolge in den Vorwahlen kamen für die US-Medien (angeblich doch immer „am Puls der Zeit“) ebenso überraschend wie die Donald Trumps. Immerhin dürfen die Mainstreammedien des Landes für sich in Anspruch nehmen, dass sie an den Wahlsiegen von Sanders keine Schuld trifft. Vielmehr taten sie ihr Bestes, um ihn von vornherein zum Loser abzustempeln, und griffen dabei auch zu mehr als fragwürdigen Mitteln. Einen Tag vor den wichtigen Abstimmungen in Kalifornien, New Jersey, New Mexico, Montana, North und South Dakota kam die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) mit der Meldung heraus, das demokratische Nominierungsrennen sei bereits entschieden, Hillary Clinton verfüge auf dem anstehenden Parteitag über die Mehrheit der Delegiertenstimmen. Im Fußball nennt man so etwas „Blutgrätsche“ und stellt ihren Urheber vom Platz.

Nicht nur im linken, auch im rechten politischen Spektrum erzielen Parteien und Personen in Europa und den USA zum Teil spektakuläre Erfolge. Die Medien zeigen sich überrascht und irritiert – und sie halten dagegen. Volksabstimmungen wie in Griechenland, den Niederlanden oder zuletzt Großbritannien bringen Ergebnisse, die den politischen Eliten nicht in den Kram passen. Und den Medien auch nicht. Wer auch immer die vom Establishment präferierte Ordnung durcheinanderzubringen droht, darf mit einer klaren Positionierung des Großteils der etablierten Medien rechnen.

Weil der Mainstream sich in vielen essentiellen Fragen als relativ geschlossene, interessengeleitete Formation präsentiert, laufen ihm große Teile seiner Kunden davon. Aber statt auf die neue Lage zu reagieren, macht er einfach so weiter wie bisher; er ändert nichts an seiner Grundorientierung. Im Gegenteil, er verschärft die Gangart. Also werden ihm noch mehr Kunden davonlaufen. Die Lage ist geradezu paradox.

Wir leben in einer Zeit, in der sich die sozialen und politischen Fliehkräfte verstärken und in Teilbereichen bedrohliche Ausmaße annehmen. Doch die Medien sind immer weniger willens und in der Lage, Konsens herzustellen. Sie mutieren zur Konfliktpartei. Die einstigen Mainstreammedien gerieren sich immer öfter als Establishment-Medien. Oder, wie es in der Studie der London School of Economics heißt: Aus Wachhunden werden Kampfhunde.

Soweit sich die politisch Verantwortlichen zum Thema einlassen, neigen sie dazu, Ursache und Wirkung zu verwechseln. So äußerte sich Kanzlerin Merkel unlängst besorgt über den Glaubwürdigkeitsverlust der Medien. 60 Prozent der Bürger hätten laut Umfragen wenig oder gar kein Vertrauen. „Das muss uns alle unruhig stimmen“, sagte sie. Immerhin gehe es um den Zusammenhalt der Gesellschaft.

In der Tat, darum geht es. Aber man muss Merkels Aussage vom Kopf auf die Füße stellen. Denn wer gefährdet den Zusammenhalt? Die Bürger, die sich abwenden? Oder die Medien, die ihrer vielleicht vornehmsten Aufgabe – einen fundamentalen Beitrag zur gesellschaftlichen Integration zu leisten – nicht mehr nachkommen?

Wenn öffentliche und veröffentlichte Meinung immer weiter auseinanderdriften, ist das nicht nur ein Problem der Medien und ihrer (ehemaligen) Rezipienten. Es ist letztlich ein Problem der Demokratie. Die beiden erwähnten Studien über Jeremy Corbyn in den britischen Medien kommen zu dem Schluss, die einseitige Berichterstattung und Kommentierung sei derart  gravierend, dass sie eine ernste Bedrohung demokratischer Prozesse darstelle.

[1] http://www.lse.ac.uk/media@lse/research/pdf/JeremyCorbyn/Cobyn-Report-FINAL.pdf
[2] http://www.mediareform.org.uk/wp-content/uploads/2016/07/Corbynresearch.pdf

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Ulrich Teusch

Ulrich TeuschUlrich Teusch, Prof. Dr., lebt als freier Publizist in Edermünde bei Kassel. Er schreibt Sachbücher und ist Hörfunkautor. Für sein SWR-Feature „Nicht schwindelfrei – Über Lügen in der Politik“ erhielt er 2013 den Roman- Herzog-Medienpreis. Im Dezember 2015 lief dann sein viel beachtetes Feature im SWR mit dem Titel „Vertrauen ist gut … Die Medien und ihre Kritiker“. Bücher zuletzt: „Die Katastrophengesellschaft: Warum wir aus Schaden nicht klug werden“ und „Jenny Marx – die rote Baronesse“.

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