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Vom Privileg, einen kranken Vater zu haben

Oskar ist elf, als sein Vater an Alzheimer erkrankt. Jetzt, mit fünfzehn Jahren, erzählt er in einem berührender Text über den kranken Vater und wie dieser seine angestammte Rolle immer weniger ausfüllen kann. Wie gehen Oskar, seine Geschwister und seine Mutter mit dieser schwierigen Situation um? Oskars Buch ist ein Bericht über die Liebe eines Sohnes zu seinem Vater und darüber, wie ein Schicksalsschlag den familiären Zusammenhalt erschüttert — aber nicht zu zerstören vermag. Ein Auszug.

Hallo, mein Name ist Oskar. Ich bin 15 Jahre alt. Als ich elf war, hat mein Vater Alzheimer bekommen.

Früher waren wir eine ganz normale Familie: zwei Eltern mit drei Kindern. Eine Familie ohne große Besonderheiten. Meine Eltern waren beide berufstätig, wir lebten in einem schönen großen Haus, hatten oft Besuch, waren gesund, glücklich und hatten alles oder fast alles, was dazugehört. Wir machten tolle Urlaube und hatten viel Spaß miteinander. Wir waren zum Beispiel einmal in der Karibik, und damals habe ich mich oft gewundert, wie einfach das Leben so ist. Die größte Hürde für mich war damals mein Silber-Schwimmabzeichen gewesen. Auch mein Bruder und meine Schwester kannten nur kleine Hürden: Sie waren so wie ich gut in der Schule, beliebt, hatten tolle Hobbys und waren immer gut drauf. Eines Tages aber passierte etwas, was unser Leben extrem erschweren und unsere erste richtige Prüfung im Leben sein sollte. Mein Vater wurde dement …

Dabei war er erst 54 Jahre alt.

Ich werde über die danach folgenden Veränderungen in meinem Leben schreiben, über die veränderte Beziehung zu meinem Vater, darüber, was positiv beziehungsweise negativ für mein jetziges oder späteres Leben ist oder sein könnte. Ich werde auch über den Prozess der Erkrankung schreiben, erzählen, was meine Ängste und Gefühle waren, und auch darüber, was einen guten Vater ausmacht.

Der Prozess der Erkrankung, also die Zunahme der Vergesslichkeit meines Vaters, dauerte ziemlich lange. Es war auch nicht so, dass durch Zufall herauskam, dass mein Vater dement ist. Schon vor der Diagnose war mein Vater zerstreuter als früher. Und ungefähr ein Jahr vor der Diagnose war es zum ersten Mal so, dass ich meinen Vater irgendwie seltsam fand. Er stellte mehrmals innerhalb einer halben Stunde dieselbe Frage. Ich weiß allerdings nicht mehr, worum es ging oder ob es circa ein Jahr oder nur ein Monat vor der Diagnose war.

Ich weiß aber noch, dass mein Bruder und ich uns damals über ihn lustig machten. Wir sagten hinter seinem Rücken als Scherz so Sachen wie, dass wir uns auch so ein gutes Gedächtnis wie das von unserem Vater wünschen. Dabei lachten wir, ohne zu wissen, dass das der Anfang der vielleicht schlimmsten Sache war, die jemals in unserer Familie und in unserem Leben passiert ist.

Meine Mutter und mein Vater hatten schon eine ganze Zeit vor der Diagnose bemerkt, dass er immer vergesslicher wurde, weshalb ja mit meinem Vater so ein Test auf Alzheimer gemacht wurde …

Ich kann mich heute nicht mehr an den Tag erinnern, als bei meinem Papa Alzheimer diagnostiziert wurde. Ich glaube auch, dass meine Eltern es mir und meinen Geschwistern am ersten Tag auch nicht sagten, weil sie vielleicht erst einmal überlegen mussten, wie es jetzt weitergehen würde, und erst einmal damit klarkommen, dass mein Vater bald weder arbeiten noch Auto fahren noch richtig reden und irgendwann auch nicht mehr richtig denken können würde.

Meine Mutter erzählte uns einmal, was mein Vater gesagt hat, als ihm die Testergebnisse zu einer möglichen Alzheimer-Erkrankung mitgeteilt wurden. Er soll gesagt haben: »Wenn das mein Schicksal ist, will ich es tragen!« Wenn das wirklich seine allererste Reaktion gewesen ist, habe ich wirklich allen Grund, stolz auf meinen Vater zu sein. Das klingt jetzt vielleicht albern, aber es gibt ja Leute, die nach so schlechten Diagnosen depressiv werden oder sich manchmal sogar umbringen.

Das Erste, wenn ich mich an die Zeit nach der Diagnose erinnere, ist, dass mein Vater nicht mehr zur Arbeit ging und an einem Abend mit meiner Mutter darüber redete, dass er sich unwichtig fühlte. Meine Geschwister und ich nahmen die Krankheit trotzdem nicht so wahr. Zumindest realisierten wir nicht so ganz, wie schlimm sie war. Es gab auf jeden Fall fortan immer mehr Momente, in denen sich mein Vater völlig anders verhielt als früher. […]

Was sich zudem in den letzten Jahren bei meinem Vater änderte, war die Art des Vergessens. Am Anfang konnte er noch normal reden und die meisten Dinge tun. Es war nicht so, dass er direkt nach der Diagnose nichts mehr konnte. Das kam so nach und nach mit der Zeit. Am Anfang vergaß er also nicht, wie man Dinge machte, sondern es unterliefen ihm logische Denkfehler. So wie in der Geschichte mit meinen beiden Halbbrüdern. Er konnte noch Auto fahren und fand auch die Adresse von unserem Ferienhaus heraus, aber vergaß, dass er Besuch hatte und gar nicht wegfahren sollte.

In einer anderen Phase nach seiner Erkrankung fielen uns weniger die logischen Denkfehler auf als dies, dass er immer leiser wurde und sich mehr und mehr zurückzog. In der Zeit fing er auch an, Stockkunst zu machen, das heißt, intensiv an Stöckern herumzuschnitzen. Die Fotos, die in diesem Buch zu sehen sind, sind Fotos seiner von ihm bearbeiteten Stöcker. In der Phase fing er dann auch an, so zu vergessen, wie man sich Vergessen vorstellt. Er verlegte Dinge, fragte mehrmals nach und vergaß einfach generell, wie er manches machen sollte, was er immer schon gemacht hatte. Es gab in solchen Phasen nur wenig, was ihn aufheiterte. In dieser Zeit gab mein Vater auch seinen Führerschein freiwillig ab, weil wir in der Familie dachten, es wäre sehr viel sicherer, wenn er nicht mehr fahren würde.

Mittlerweile ist es so bei ihm, dass er sich wegen sehr vieler Sachen aufregt. Zum Teil seufzt er einfach, wenn einer im Raum etwas sagt. Dafür muss er ja nicht verstehen, was gerade das Thema ist. Aber wenn jemand was sagt, guckt er genervt. Ich glaube, er bewältigt damit seine Situation. Er ist lieber der Genervte als der Vergessliche. Er lacht aber auch deshalb so viel weniger, weil er weniger Grund hat zu lachen. Er versteht mittlerweile die wenigsten Witze, da er, während sie erzählt werden, vergisst zuzuhören. Oder er vergisst, wie der Witz angefangen hat. Ein weiteres Merkmal des Zustands, in dem er sich momentan befindet, ist die Art, wie er spricht. Er bringt nur noch halbe Sätze heraus, die zu einem großen Teil überhaupt keinen Sinn ergeben.

Bald wird es aber noch schlimmer bei ihm sein. Bald wird er nicht mehr lachen können, dann wird er irgendwann überhaupt nicht mehr sprechen können, noch später wird er nicht mehr laufen oder essen können. Er wird all das irgendwann nicht mehr können. Und dann, noch viel später, wird er wahrscheinlich auch nicht mehr denken können …

Oskar Seyfert

Oskar SeyfertOskar Seyfert ist 2006 in Hamburg geboren. Er liebt Fußball sehr, seine Geschwister manchmal und weich gekochte Pilze nie. Später will er einmal Anwalt werden. Oder Verhandlungsführer. Oder Philosoph. Das am liebsten. Er will eine neue Philosophie gründen. Er weiß nur noch nicht, welche. Zusammen mit seinem alzheimerkranken Vater hat er vor vier Jahren begonnen, Erinnerungen zu sammeln. Schriftlich, mündlich und per pedes: stundenlang ist er mit seinem Vater durch den Wald gestreift und hat Stöcke gesammelt. Die Stöcke wurden zu einem gemeinsamen Symbol im Kampf gegen das Vergessen.

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