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Vom glanzlosen Ende deutscher Kanzlerschaften

Auch Angela Merkel verabschiedet sich wenig rühmlich von der Berliner Bühne. Deutschland ist angesichts der blassen, ja taumelnden Politik merkelmüde geworden. Und so ergeht es der Kanzlerin nicht anders als ihren sieben Vorgängern. Konrad Adenauer musste aus dem Amt getragen werden, Ludwig Erhard wurde rausgeschubst, Willy Brandt zum Rücktritt gezwungen, Helmut Kohls Kanzlerschaft endete in Skandalen, und Gerhard Schröder kegelte sich selbst aus dem Spiel. Peter Zudeick erzählt in seinem neuen Buch „Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt“ von einem eigenartigen und ganz besonderen Phänomen: dem immer wieder bitteren Ende deutscher Kanzlerschaften.

Das Bemerkenswerte am Ende deutscher Kanzlerschaften ist, dass es sich nie um triumphale oder zumindest doch zufriedenstellende Abschlüsse politischer Karrieren handelt, sondern fast immer um Abbruchunternehmen. Um Verfallsgeschichten. Die freilich gerne in Vergessenheit geraten, wenn Bilanzen gezogen werden oder die Amtszeit einmal lange genug vorbei ist.

Konrad Adenauer, bis heute einer der beliebtesten deutschen Politiker, wurde am Ende – nach Jahren des unwürdigen Hauens und Stechens – ziemlich rüde von den eigenen Leuten aus dem Amt gedrängt. Vor allem auch, weil er partout nicht gehen wollte und alle möglichen Nachfolger für unfähig hielt. Vor allem Ludwig Erhard, den Adenauer bis zuletzt brutal zu verhindern suchte. Was er damit erreichte: Erhard, als Wirtschaftsminister unbestrittener Publikumsliebling, galt von vornherein als Übergangslösung. Er scheiterte nach drei Jahren – an der eigenen Partei. Ludwig Erhard ist als Bundeskanzler so gut wie vergessen. Er ist sozusagen mit Ansage gescheitert. Er wurde ins Amt gehoben, war knapp zwei Jahre „eingesetzter“ Kanzler, und als er dann richtig gewählt worden war, wurde er nach gut einem Jahr wieder rausbugsiert. Schmählicher kann eine Kanzlerschaft nicht enden.

Kurt Georg Kiesinger hat als Kanzler wenig Ruhm und noch weniger Nachruhm erworben. Er ist der Ex-Kanzler mit dem geringsten Bekanntheitsgrad. Kiesinger kommt wegen seiner rhetorischen Fähigkeiten allenfalls als „König Silberzunge“ zu Ehren. „Kanzler zwischen den Zeiten“ ist der Untertitel einer Kiesinger-Biografie. Das trifft es ganz gut.

Sein Nachfolger Willy Brandt wurde Opfer von Intrigen und Hinterhalten seiner eigenen Leute, denen die Guillaume-Affäre ganz gelegen kam, um Brandt zum Rücktritt zu drängen. Ein schmählicher Abgang. Was seinem Nachruhm kaum schadete. Als Brandt 1992 im Alter von 78 Jahren starb, war er für die meisten Zeitgenossen schon in eine Art überzeitlichen Olymp entrückt, in dem nur noch das milde Abendlicht der „Geschichte“ scheint, das Kritik und Differenz verwischt.

Helmut Schmidt ging es ein bisschen wie Erhard: Beliebt beim Publikum, mehr und mehr umstritten in der eigenen Partei und schließlich aus dem Amt geputscht – vom Koalitionspartner Genscher, Arm in Arm mit Helmut Kohl. Als Kanzler war er zwar berühmt für seine energische, zupackende, unsentimentale Art, Politik zu machen, und genoss international hohes Ansehen. Aber er hat durch seine Rüstungs- und Atompolitik auch die Entstehung der Grünen und damit eine Schwächung seiner eigenen Partei befördert. Und ist als Kanzler schließlich an der wortbrüchigen FDP einerseits, andererseits aber auch an seiner eigenen Partei gescheitert, die in wichtigen Fragen ihrem Kanzler nicht mehr folgen wollte.

Helmut Kohl hätte es fast geschafft, einen sozusagen unbefleckten Eintrag ins Buch der Geschichte zu ergattern. Zwar hatte er in seiner langen Kanzlerschaft einiges verstolpert, war auch schon involviert in die Flick-Parteispendenaffäre, aber sein entschlossenes Agieren, als die deutsche Einheit möglich wurde, war eine politische Leistung, die für einen tadellosen Nachruhm hätte sorgen können. Aber Kohl wollte nicht loslassen. Auch er hatte sich – wie Adenauer – hartnäckig geweigert, einen Nachfolger „aufzubauen“, hatte Wolfgang Schäuble zwar versprochen, als Kanzlerkandidat in die 98er Bundestagswahl zu ziehen, dieses Versprechen aber gebrochen. Seit dem Frühjahr 1997 rumorte es heftig in der Führungsspitze und an der Basis der Unionsparteien, man überlegte, wie man den Widerspenstigen zu einem ordentlichen Abgang aus der Politik drängen könnte – ein unwürdiges Schauspiel, ganz nach dem Muster früherer Kanzler.

Ähnlich zwiespältig ist das bei Gerhard Schröder: Er ist einerseits der Kanzler, der Deutschland zum ersten Mal nach 1945 in eine Kriegsbeteiligung führte, andererseits der Kanzler, der die Teilnahme am US-Krieg gegen den Irak verweigerte. Einerseits der Mann, der mit der Agenda 2010 Deutschland auf einen Kurs der wirtschaftlichen Gesundung führte, was vor allem von seinen ehemaligen politischen Gegnern so gesehen wird, und andererseits für die Prekarisierung großer Teile der Bevölkerung sorgte. Und für den Abwärtstrend der SPD, der bis heute anhält. Sein Kanzler-Ende hat das Zeug zu einer Farce: Weil er glaubte, nicht mehr genug Rückhalt in den eigenen Reihen zu haben, stellte er eine „unechte“ Vertrauensfrage, verlor sie verabredungsgemäß und verlor auch die daraufhin angesetzte Neuwahl.

Wie bei Helmut Schmidt und Gerhard Schröder ist auch bei Angela Merkel die Entstehung einer neuen Partei (AfD) und die damit verbundene Schwächung der eigenen Partei ein Ergebnis ihrer Kanzlerschaft. Das widerspricht natürlich fundamental dem Bild, das Angela Merkel gerne von sich vermitteln lässt, dem der Krisenkanzlerin. Retterin aus der Finanzkrise, der Eurokrise, entscheidungsstark in der Atomkrise, der Flüchtlingskrise. Wir kommen aus der Krise stärker heraus, als wir hineingegangen sind, das ist das Bild, das Angela Merkel stets bedient hat und hat bedienen lassen. Ob dieses Bild besonders viel mit der Wirklichkeit zu tun hat, spielt dabei eine weniger wichtige Rolle. Was sie von anderen Kanzlern vor allem unterscheidet, ist ihre Unaufgeregtheit, ihre Uneitelkeit, das Element der Ruhe.

Freilich galt das nur bis 2015: Nach der Flüchtlingskrise wurde die Kritik an Merkel immer heftiger, immer grundsätzlicher, und das Ende ihrer Amtszeit drohte ein ebenso quälendes Siechtum zu werden wie bei einigen ihrer Vorgänger. Dem versuchte sie 2018 mit dem Verzicht auf Parteivorsitz und nochmalige Kanzlerkandidatur zu entgehen. Gleichwohl war das ein Signal des Scheiterns. Und in der Corona-Pandemie geriet ihr für die Geschichtsbücher gezeichnetes Bild endgültig ins Wanken: Sie konnte sich in entscheidenden Situationen nicht mehr durchsetzen. Aber vielleicht wird auch hier, wenn einmal genug Zeit vergangen ist, die milde Abendsonne der Geschichte ein freundlicheres Bild möglich machen.

Peter Zudeick

Peter ZudeickDr. Peter Zudeick arbeitet als freier Journalist und Korrespondent für fast alle ARD-Rundfunkanstalten. Seine scharfen politischen Analysen, aber auch seine satirischen Rückblicke haben ihn einem größeren Publikum bekannt gemacht. Zudeick studierte Germanistik, Pädagogik, Philosophie und Theaterwissenschaften und promovierte in Philosophie. 2009 erschien im Westend Verlag "Tschüss, ihr da oben", 2013 der von ihm herausgegebene Band "Das alles und noch viel mehr würden wir machen, wenn wir Kanzler von Deutschland wär'n".

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