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Vom Ende des Kaputtalismus und der Zuvielisation

Weder ist der anthropogene CO2-Ausstoß harmlos, wie immer noch einige behaupten, noch ist er der einzige Faktor, der bekämpft werden muss, um den Planeten zu retten. Deshalb ist das fröhliche „Weiter so!“ mit fossiler Energie, das die Skeptiker und Leugner vertreten, genauso falsch wie der panische Blick auf die „Parts per Million“ (ppm) Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre und die Horrorszenarien, die bei einem weiteren Anstieg drohen, schreibt Mathias Bröckers in seinem neuen Buch „Klimalügner“. Richtig und entscheidend ist vielmehr: Auf diesem Planeten findet ein großes Sterben statt – die weltweite Zerstörung von Ökosystemen – und es ist unstrittig, dass Menschen dafür verantwortlich sind. Der Streit über menschengemachten CO2-Zuwachs ist ein Nebenschauplatz, der zum einzigen Schlachtfeld geworden ist, während das große Sterben der Wälder, Meere und Böden und die Vernichtung der Tier- und Pflanzenarten als sekundär gilt. Was vielmehr nottut ist ein grundlegender Systemwechsel, und der kann nicht mit denselben Methoden erreicht werden, die die Zerstörung angerichtet haben.

Es war der republikanische Stratege Frank Luntz, der der US-Regierung von George W. Bush 2001 vorgeschlagen hatte, künftig nicht mehr von „Treibhauseffekt“ und „Erderwärmung“ zu sprechen, sondern das Wort „Klimawandel“ zu benutzen. In einem später geleakten internen Memo stellte er dazu fest: „Die wissenschaftliche Debatte ist dabei, uns jeden Ausweg zu versperren … Wenn die Öffentlichkeit zu der Überzeugung gelangt, dass die wissenschaftlichen Fragen gelöst sind, wird sich auch ihre Einstellung gegenüber der globalen Erderwärmung ändern. Infolgedessen müssen Sie weiterhin das Fehlen wissenschaftlicher Gewissheit zum zentralen Argument machen.“ So zitiert die New York Times (15.3.2003) den scharfsinnigen Strategen, der seine Klienten anfeuerte: „Fahrt damit fort, das Fehlen wissenschaftlicher Sicherheit zum Kernaspekt in der Debatte zu machen […], betont die Wichtigkeit, erst dann zu handeln, wenn alle Fakten bekannt sind … Das wichtigste Prinzip ist euer Bekenntnis zu solider Wissenschaft.“

Das vorgeschlagene Wording und die Strategie, auf solider Wissenschaft („sound sciene“) zu bestehen, war überaus erfolgreich, wenn man bedenkt, dass nahezu alle internationalen Klimaforscher sicher sind, dass ihre Messungen und Prognosen stimmen, und sich der rapide Temperaturanstieg auf dem am meisten kritisierten Wissenschaftsdiagramm aller Zeiten – Michael Manns Hockeyschlager – seit 20 Jahren immer wieder bestätigt hat. Aber 97 Prozent der Klimaforscher sind eben nicht 100 Prozent, und dem Spindoktor Frank Luntz war es (with a little help of Big Oil) mit seiner Kampagne gelungen, aus diesem kleinen Unsicherheitsfaktor eine riesige Debatte zu machen. Es braucht keine Lösungen, nur eine Debatte über das „Fehlen wissenschaftlicher Sicherheit“ sowie die Betonung, dass man natürlich erst dann handeln kann, wenn die Fakten unstrittig sind.

Hilfreich für das fröhliche „Weiter so!“ beim Verheizen war auch, nicht von Kohle und Öl, sondern streng wissenschaftlich stets von CO₂ zu sprechen, das anders als Rauch und Ruß aus Schornsteinen und Auspuffrohren unsichtbar ist und im Übrigen nur 0,04 Prozent der Atmosphäre ausmacht. Also quasi ein „Vogelschiss“, weshalb die hiesigen AfD-Experten auch darauf hinweisen, dass CO₂ ja wie selbiger ebenfalls gut zu Pflanzen ist. Wer da noch von Treibhausgas und Klimagift spricht, der hat sich von der Erderwärmungssekte, dem Weltklimarat (IPCC), einfach Märchen erzählen lassen. Denn Klimawandel gab es schließlich schon immer und, wie Professor Rumpeldipumpel vom XY-Institut gerade wieder gezeigt hat: Dass CO₂ dabei irgendeine Rolle spielt, ist noch gar nicht bewiesen! Das wird man doch wohl noch diskutieren dürfen! Wir brauchen doch solide Wissenschaft – statt der kaputten Thermometer der Klimaforscher, die uns seit 40 Jahren aus aller Welt falsche Daten liefern und Märchen erzählen. Und bevor es wissenschaftlich definitiv feststeht, ist es absolut unverantwortlich, irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen.

Es war nicht allein das geschickte Wording, statt von Treibhaus und Erwärmung nun allgemein von Wandel zu sprechen, das zu der politisch und emotional erhitzten Klimadiskussion führte, die wir heute erleben. Es waren auch sehr viele Milliarden Dollar, die aus der Ölindustrie in Think Tanks und Öffentlichkeitsarbeit flossen, um die wissenschaftlichen Zweifel an einer menschengemachten Erderwärmung publik zu machen. Und ähnlich wie es einst der Tabakindustrie über Jahrzehnte gelang, mithilfe gekaufter Ärzte und Wissenschaftler Zweifel an den Sucht- und Krebsgefahren ihrer Produkte zu säen und damit Werbeverbote und Verkaufsbeschränkungen zu verhindern, so gelingt es dieser Kampagne seit nunmehr zwei Jahrzehnten, einschneidende Maßnahmen gegen fossile Rohstoffe abzuwehren.

Mathias Bröckers

Mathias BröckersMathias Bröckers ist freier Journalist, der unter anderem für die taz und Telepolis schreibt. Neben Artikeln, Radiosendungen und Beiträgen für Anthologien veröffentlichte er zahlreiche Bücher. Seine Werke „Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf“ (1993) und „Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.“ (2002) und zuletzt „Wir sind die Guten – Ansichten eines Putinverstehers“ (2014) wurden internationale Bestseller.

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