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Die vegane Revolution

Ein veganes Leben ist besser für den Körper, die Gesellschaft und die Umwelt. Die Massentierhaltung hingegen verursacht mehr tödlichen Feinstaub als der Autorverkehr, für das Soja der Massentierhaltung brennt der Amazonas, die Hälfte des Plastiks in den Meeren besteht aus Fangnetzen. Warum hat sich die vegane Idee noch nicht durchgesetzt? In seinem Buch „Die vegane Revolution“ beleuchtet Christian Vagedes die historischen und kulturellen Hintergründe und fordert einen Perspektivwechsel, denn: Vegan ist der Elefant im Raum!

Ein intergalaktisches Forschungsteam sucht nach Leben im Universum, denn Leben ist kostbar. Vielleicht findet man neue Freunde. Möglicherweise erweitert man sein Wissen und tauscht sich aus. Wer etwas gibt, bekommt etwas zurück. Die Forschenden finden nach langer Zeit tatsächlich, was sie suchen. Ihre Vermutungen stimmen. Auf dem neu entdeckten Planeten wimmelt es vor Leben. Von außen konnte man das nicht gleich erkennen. Ein kleinerer Teil besteht aus Landmasse, deren Farben sind eine Melange aus Beige- und Grüntönen. Rundherum ist der Planet mit beweglichen weißen, gasförmigen Wolken umzogen, die einen Teil der Flächen oft bedecken. Der überwiegende Teil dieses Planeten schimmert in einem wunderschönen tiefen Blau, das man im Universum nur sehr selten antrifft. Es macht den Planeten besonders reich. Der Farbton ergibt sich aus einem der wertvollsten Rohstoffe des Alls: H2O und dem darin wachsenden Plankton. Die Forschenden sind von der neu entdeckten Lebenswelt überwältigt. Ihre Bioscans begeistern das Raumschiffteam, denn sie erfassen fast neun Millionen Arten von Organismen. Sieben Millionen davon leben auf den Landflächen, zwei Millionen in der blauen Wassermasse.

Dann macht das Team erschreckende Beobachtungen. Nachdem zunächst die herrschende Lebensart ermittelt wurde, die sich »Mensch« nennt, folgt auf die Bewunderung für den Planeten die Ernüchterung. In der für den Planeten ermittelten Zeiteinheit »ein Jahr« zeigten die Ereignisscans des Forschungsteams, dass jeweils in einem solchen Zeitraum allein 58 000 000 000 sogenannter Hühner und 3 000 000 000 Enten gezielt umgebracht werden. Die Bioscans zeigen, dass die Lebewesen von den dominanten Menschen nicht fair behandelt werden. Die meisten werden eingesperrt, obwohl es auf dem Planeten genug Platz gibt. Sogar das so schöne und lebensspendende Sonnenlicht wird den meisten einfach verweigert. Lieblos werden die Leben gefüttert und ab bestimmten Körpergrößen und erreichten Lebensabschnitten qualvoll eliminiert. Die toten Leiber werden der dominanten Herrscherlebensklasse zur eigenen Ernährung zugeführt. Zunächst hatten die Forschenden noch Mitleid mit den Menschen. Man ging davon aus, dass sie die toten Leiber bräuchten, um selbst leben zu können. Alle weiteren Untersuchungen deuteten jedoch auf etwas ganz anderes hin: Die Hühnerleben wurden nur aus rein eigennützigen Zwecken gequält und umgebracht. Offenbar geht es dem Dominanzleben um eine Art von Geschmackserlebnis. Ansonsten ist die Zuführung der Leiber nicht nur unnütz, sondern geradezu sinnlos. Tatsächlich stellt sich bei den weiteren Analysen heraus, dass sich das Dominanzleben damit selbst schadet, da der gesamte Planet durch die Unvernunft des Menschen immer stärker in Mitleidenschaft gezogen wird.

Etwas später erfolgt der nächste Schock: Die Planetenbeobachtung wird verfeinert und die Scantechnologie misst Ereignisse, die dem Schicksal der Hühner- und Entenleben in nichts nachstehen. Denn selbst eine dem Dominanzorganismus genetisch besonders nahestehende biologische Lebensform, die der Mensch »das Schwein« nennt, wird ähnlich barbarisch gehalten. Es stellt sich heraus, dass in einem Jahr sogar 1,4 Milliarden Schweine gekillt und der Ernährung zugeführt werden. Trotz der großen genetischen Ähnlichkeit. Auch 300 Millionen sogenannter Rinder, die auf manchen Teilen des Planeten als heilige Wesen gelten, geht es nicht anders. 517 Millionen »Schafe« kommen noch dazu. Auch hier stellt sich heraus, dass es bei beiden Lebensformen keinen vernünftigen Grund dafür gibt, diese Leben auszulöschen. Immer mehr kommt jetzt über diesen traurigen Planeten ans Licht, der scheinbar im Begriff ist, vom Menschen ausgelöscht zu werden. Nicht auf einmal, aber in Raten.

Das eigenartig-makabre und bösartige Verhalten dieses Dominanzlebewesens gibt den Forschenden zahlreiche Rätsel auf. Eine derart selbstzerstörerische Spezies wurde bislang auf den Forschungsreisen im All noch nicht entdeckt. Der Rat der Forschungsföderation mahnt daher zu allerhöchster Vorsicht. Man möge sich nicht zu entdecken geben, um nicht die Forschenden ebenfalls in Gefahr zu bringen. Würde man einer solchen Spezies die eigene Raumfahrttechnologie näherbringen – was ansonsten Standard der Begegnungsprogramme der Forschungsflotte ist –, wer weiß, was der Mensch mit anderen Mitbewohnern im All anstellen würde? Würde er sie versklaven, züchten und ebenfalls essen?

Erste Rätsel sind jetzt gelöst. So ergaben genauere Prüfungen, dass nur der Mensch eine eigene Sprache benutzt, die über die schwingende Erzeugung von Lauten in deren Kehlen funktioniert und zu der auch eine Art Lappen im Mund des Menschen gehört. Zwar haben die anderen genannten Lebewesen auch solche – »Zungen« genannten – Lappen, können aber nicht sprechen. Leider ist die Seele des Menschen noch nicht so ausgeprägt, so die bisherige Einschätzung, dass sie die Sprache der Opfer außerhalb der Lautstimmen wahrnehmen könnte.

Dabei gibt es auf dem Planeten, den der Mensch »Erde« nennt, durchaus Geistesgegenwart, schon seit Tausenden Jahren. Der Mensch nennt sie »Religion« und »Philosophie«. Nach einer ersten Einschätzung der Föderationsforschenden verbieten viele dieser Denk- und Seelenschulen eigentlich, andere Lebewesen so zu behandeln, und gebieten eine friedliche Koexistenz. Was hier genau schiefgelaufen ist, wird untersucht werden müssen, aber das wird dauern. Die Mind- und Culturescan-Auswertung ist bekanntlich aufwendiger als die Analyse der Bioscans. Bis dahin zieht man sich sicherheitshalber von der Erde zurück. Manche kritisieren das, da sowohl die Opfer der Menschen als auch sie selbst und ihr Planet anscheinend dringend Hilfe benötigen könnten.

Christian Vagedes

Christian VagedesChristian Vagedes, geboren 1973, ist Designer, Verleger und Publizist und ist seit Jahren gesellschaftspolitisch engagiert. Den veganen Aufbruch in Deutschland hat er maßgeblich angeregt und mitgestaltet. Er gründete 2010 die Vegane Gesellschaft Deutschland, 2011 die Messe veganfach und 2014 das veganmagazin, dessen Chefredakteur und Herausgeber er ist. Er lebt bei Kiel.

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