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Tatort Beziehung

Im kommenden Frühjahr erscheint bei Westend ein Buch zu einem totgeschwiegenen Problem. In „Und er wird es wieder tun. Gewalt in der Partnerschaft“ zeichnet Simone Schmollack auf Basis umfangreicher Studien und zahlreicher Fallbeispiele ein erschreckendes Bild vom Tatort Beziehung.

 

Warum häusliche Gewalt ein gesellschaftliches und kein privates Problem ist

Die Frau steht unter der Dusche, als ihr Mann ins Bad kommt. Er hält einen Topf mit heißem Öl in den Händen und kippt ihn plötzlich über seiner Frau aus. Kurz vorher wollte er noch Sex haben mit ihr. Aber das hat nicht geklappt, der Mann hat eine Erektionsstörung. Im April 2016, ein Jahr nach der Tat, steht der Mann wegen gefährlicher Körperverletzung in Hamburg vor Gericht.

In Verden liegt eine Frau wochenlang mit einer gebrochenen Hüfte auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer. Es ist Frühjahr 2015, der Wind fegt um die Häuserecken, die Sonne ist schwach. Die Frau kann sich nicht rühren, jede Bewegung schmerzt, sie braucht für alles Hilfe. Die bekommt sie aber nicht. Ihr Mann kümmert sich nicht um sie, er lässt sie auf der Couch liegen und allmählich verhungern und verdursten.

Inge ist 20, als sie von ihrem Ex-Freund Leroy im Frühjahr 2013 erstochen wird. Das Paar hat eine On-Off-Beziehung, aber irgendwann will Inge nicht mehr. Sie führt ein eigenständiges Leben, mit einem erfüllenden Job und vielen Freunden. Ihr engster Vertrauter ist ihr Zwillingsbruder. Leroy beneidet Inge um ihren Erfolg. An einem gewöhnlichen Vormittag in einer gewöhnlichen Woche steht Leroy vor der Wohnungstür seiner Ex-Freundin, er will ihr nahe sein, mit ihr reden, etwas mit ihr erleben. Die beiden fahren in einen Wald und schlafen miteinander. Dann greift Leroy zu einem Messer und sticht zu, mitten in die Lunge der jungen Frau. Inge erstickt qualvoll innerhalb weniger Minuten.

In einer Aprilnacht 2016 wirft in Ludwigshafen der betrunkene und mit Drogen vollgepumpte Ehemann einer 26-Jährigen während eines Streits mit seiner Frau Möbel und Geschirr vom Balkon. Technobeats wummern schon stundenlang durch die Wohnung des Paares, Nachbarn rufen die Polizei. Als die Beamten kommen, beschießt der Mann sie mit einer Signalpistole. Ein paar Polizisten seilen sich über das Dach auf den Balkon des Paares ab, andere brechen die Wohnungstür auf. Die Polizei schätzt den Schaden auf 25.000 Euro.

Als „Fall Rebecca“ geht der Mord an einer 24-Jährigen in Aschaffenburg in die Polizeigeschichte ein. Rebecca will gegen den Willen ihres Geliebten dessen Kind bekommen, im Mai 2015 wird sie mit Kabelbindern erdrosselt. Ihr Mörder ist jener Mann, mit dem sie seit einiger Zeit ein Verhältnis hat, der Vater ihres Kindes. Der 32-Jährige ist verheiratet und hat gar nicht die Absicht, sich von seiner Ehefrau zu trennen. Also muss die Geliebte „weggeschafft“ werden.

Eine 91-jährige ehemalige Amerika-Korrespondentin des deutschen Wirtschaftsmagazins Handelsblatt wird 2011 im Badezimmer ihres Hauses in Georgetown, einem noblen Stadtviertel in Washington, tot aufgefunden. An ihrem Hals finden sich rote Striemen, die Frau ist erwürgt worden – von ihrem Ehemann. Der 45 Jahre jüngere Kölner streitet das ab. Er sagt, seine Frau sei im Bad hingefallen. Die Obduktion wird später feststellen, dass der gesamte Körper der Frau übersät ist mit Blutergüssen, Prellungen, Druckstellen – frischen wie älteren Verletzungen. Der Mann hatte seine Frau jahrelang schwer misshandelt.

Im November 2016 schleift ein Mann seine Frau an seinem Auto hinter sich her. Die Frau hängt mit einem Strick um den Hals an der Anhängerkupplung, der Mann fährt mit 80 Kilometer pro Stunde durch die Straßen von Hameln in Niedersachsen. Vorher hat er mehrmach mit einem Messer auf sie eingestochen. Im Auto sitzt der zweijährige Sohn der beiden und hört die Schreie seiner Mutter.

Das sind zufällig ausgewählte – zugegeben äußerst extreme – Fälle häuslicher Gewalt, die in jüngerer Vergangenheit in Deutschland öffentliche Aufmerksamkeit erregten. Unter anderem, weil sie besonders brutal und heftig sind, weil sie vielfach mit einem Mord endeten. Die meisten Opfer von Partnerschaftsgewalt sind weiblich, viele Übergriffe bleiben unbekannt. Dabei können sie nebenan in der Nachbarwohnung passieren, bei Gartenfreunden, im Kollegenkreis, den Sportkumpels. Jeden Tag werden weltweit Millionen von Frauen geschlagen, gekniffen, geboxt, angebrüllt, eingesperrt, psychisch unter Druck gesetzt, bedroht, verfolgt, umgebracht. Meist von ihren Ehemännern, Lebensgefährten, Geliebten, Ex-Männern und Ex-Partnern.

127.457 Menschen, die 2015 in Deutschland Opfer von Mord, Totschlag, Körperverletzung, Vergewaltigung, Stalking und Bedrohung geworden sind, wurden von ihren aktuellen oder früheren Partnerinnen und Partnern angegriffen, hat das Bundeskriminalamt (BKA) herausgefunden. 82 Prozent der Opfer waren Frauen. Die Dunkelziffer schätzt BKA-Präsident Holger Münch um ein vielfaches höher. Er sagt: „Die Zahlen spiegeln das Hellfeld wieder, also die Taten, die angezeigt worden sind. Es gibt aber viele Opfer, die sich nicht bei der Polizei melden.“

Jede vierte Frau in Deutschland im Alter zwischen 16 und 85 Jahren erfährt auf verschiedene Weise Gewalt durch aktuelle oder durch frühere Beziehungspartnerinnen und -partner.  Das hat eine aufwändige Prävalenzstudie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums ergeben, für die 2003 über 10.000 Frauen in Deutschland umfassend zu ihren Gewalterfahrungen befragt worden sind. Die repräsentativen Ergebnisse wurden ein Jahr später veröffentlicht und dienen bis heute – neben den Zahlen der Kriminalstatistik – als wichtiger Beleg für Gewalt gegen Frauen und Männer in der Bundesrepublik.

Danach haben 37 Prozent der Befragten mindestens einmal seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche Gewalt erfahren. Das reicht von Wegschubsen, Ohrfeigen und dem Androhen von Gewalt über Schläge mit den Fäusten oder der flachen Hand bis hin zum Bedrohen mit einem Messer oder einer Pistole. Nahezu jede siebte Frau in der Befragung gab an, sexuelle Gewalt erlebt zu haben, von  Petting bis hin zu einer Vergewaltigung. Sexuell belästigt wurden 58 Prozent der Frauen, sie wurden an intimen Körperstellen berührt oder zum Schauen von Pornos gezwungen.

40 Prozent der Opfer haben körperliche oder sexuelle Übergriffe oder sogar beides erfahren. Von verschiedenen Formen erlebter psychischer Gewalt – aggressivem Anschreien, Verleumden, Demütigungen, Drohungen, Psychoterror – sprechen 42 Prozent der Frauen. In 99 Prozent aller Fälle waren Männer die Täter.

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Simone Schmollack

Simone SchmollackSimone Schmollack ist taz-Journalistin. Sie studierte von 1984 bis 1989 Germanistik und Slawistik in Leipzig und Smolensk (Russland) sowie Journalistik an der Freien Universität in Berlin. Sie ist Autorin mehrerer Bücher.

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