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System change, not climate change

Vielleicht löst das Wort „Abschiedstour“ Verwunderung, Trauer oder gar Panik aus. Das macht nichts. Genau so ist es von Frau Prayon beabsichtigt. Ein Abschied steigert den Marktwert dieses Produkts durch die emotionale Aufladung nochmal um ein Vielfaches. Dabei spielt es keine Rolle, um welchen Abschied es geht: Verabschiedet Christine Prayon sich von der Bühne? Möglich. Eine Frau stellt ab Mitte 40 eine ästhetische Provokation dar und zieht sich, wenn sie ihr Publikum wirklich liebt, besser unaufgefordert aus der Öffentlichkeit zurück. Oder geht es um mehr als das Ende einer einzelnen Karriere? Ist das Kabarett tot? Oder reden wir hier von einem Abschied im ganz großen Stil? Vom Ende des Kapitalismus? Möglich. REINGELEGT!! Natürlich nicht möglich. Der Kapitalismus ist das Hinterletzte, aber er ist alternativlos. Basta. Ende der Diskussion.

„System change not climate change“ höre ich aus den Reihen der Klimabewegten nicht selten. Auf einer anderen Demo vor drei Wochen las ich auf einem Schild: „Being a lesbian is not a phase. Capitalism is.“ Die Forderung nach einem Systemwechsel zieht sich wie ein roter Faden durch alle aktuell relevanten, emanzipatorischen, progressiven Protestbewegungen. Logo. Bei der Frage nach den tieferen Ursachen sämtlicher Krisen und Katastrophen unserer Zeit (Klimakrise, Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Coronakrise) landet man, ob man es will oder nicht, irgendwann beim Kapitalismus. Es spielt hierbei keine Rolle, ob man dazu Artensterben, Massentierhaltung, Regenwaldrodungen, Antibiotikaresistenzen, Waldbrände oder eben auch sich pandemisch ausbreitende Zoonosen betrachtet (von Kriegen ganz zu schweigen) – letztlich ist dies alles der Hybris unserer alles andere als nachhaltigen, nur am Profit orientierten ökonomischen Verhältnisse geschuldet.

Ist zwar ne olle Kamelle, aber ich sag‘s gerne auch noch 10 oder 100 Mal:

Es war und ist der Kapitalismus, der unsere Lebensgrundlagen auf diesem Planeten durch seine ökonomischen Mechanismen zu Grunde gerichtet hat und es weiterhin und ungebremst tut. Das tut er nicht, weil er etwa „böse“ ist, sondern weil er es nicht anders kann: Es ist sozusagen sein Wesen. Auch kein grün angepinselter Kapitalismus, auch kein staatlich noch so streng regulierter Kapitalismus – Kapitalismus „mit menschlichem Antlitz“ etwa – ist also letztendlich die Lösung.

Denn dieses System basiert auf der Verwertung von allem, was uns lieb und teuer ist. Es basiert auf Raub, auf der Schaffung extremster sozialer Ungleichheit, auf einem unbegrenzten Wachstum, was allein schon auf Grund der Begrenztheit der Ressourcen irre und unmöglich erscheinen muss und welches seinem Wesen nach also stets an dem Ast sägen wird, auf welchem die gesamte Menschheit Platz genommen hat. Dass wir dieses ökonomische System hinter uns lassen sollten, ist keine ideologische oder moralische Frage. Angesichts der globalen Probleme, vor denen wir als Menschheit stehen, ist die Überwindung dieser Verhältnisse schlichtweg eine Frage des Überlebens.

Was Sie als Klimabewegte nun neben Ihrem Protest versuchen zu praktizieren: einen respektvollen, basisdemokratischen, kooperativen, solidarischen Umgang untereinander, möglichst hierarchiefrei –  könnte ein Modell sein, wir wir auch insgesamt, als Menschheit künftig miteinander umgehen könnten, wenn wir diesen Krisen- und Katastrophen-Kapitalismus endlich fachgerecht entsorgt haben. Diese vernetzten, weitestgehend hierarchiefreien und ziemlich intelligenten Strukturen lassen sich ebenso als Vorlage für eine neue globale, gerechte und solidarische ökonomische Ordnung denken, in welcher tatsächlich global gedacht und lokal gehandelt werden könnte.

Solche Überlegungen, solche alternativen Gesellschaftsmodelle sind nicht neu und nicht mal selten – sie werden nur halt nicht dort diskutiert, wo alle hinschauen und hinhören. Anders gesagt: ECHTE Alternativen für Deutschland bringen bei Maischberger, Lanz und Co. nicht dieselbe Einschaltquote wie etwa die SOGENANNTE Alternative für Deutschland.

„Häh? Was redet die Alte? Aufhebung des Kapitalismus?? Wir haben jetzt nicht die Zeit für utopische Spinnereien. Wir müssen was tun! Jetzt!“

Ja. Sehe ich genauso. Es ist richtig, JETZT konkret Druck auszuüben, damit es noch eine reelle Chance für die Beschränkung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius gibt. Und der zivile Ungehorsam ist mit Sicherheit auch eine der wirkungsvollsten friedlichen Formen des Widerstands, um diese Forderungen durchzusetzen, weil er das bestehende System ganz ohne Gewalt mächtig ins Stottern bringt.

Es widerspricht sich aber nicht, all diese konkreten einzelnen Ziele zu verfolgen und dabei ein wichtiges großes Ziel im Hinterkopf zu behalten, denn letztendlich geht es darum, die Grundlage für nichts weniger als eine bessere Welt zu schaffen. Der Gedanke an Apokalypse löst bei mir nur Paralyse aus. Aber was mich tatsächlich dazu bewegen könnte, meinen Fatalismus zu überwinden, also etwas zu TUN, ist die Aussicht darauf, dass Veränderung MÖGLICH ist. Und dass das, was nach der Veränderung kommt, vermutlich besser sein wird als das, was jetzt ist. Dass der dafür so häufig unheilvoll angekündigte, notwendige Verzicht möglicherweise gar nicht mit Schmerzen einhergeht, sondern mit einem Zugewinn an Lebensqualität.

Wer sagt denn, dass die Maßnahmen, die den Klimawandel … nun ja, ähm, stoppen? aufhalten? auf ein noch erträgliches Maß reduzieren sollen, dass diese Maßnahmen zwangsläufig bedeuten, dass ich auf ein gutes Leben verzichten muss? Was ist denn gutes Leben? Eigentumswohnung, Jahresurlaub, Bullshit-Job?

Der Kapitalismus ist kein Naturgesetz. Er ist eine menschliche Entscheidung, eine gesellschaftliche Verabredung. Und die kann man, wenn sie sich als falsch oder dumm oder sogar tödlich herausstellt, auch ändern. Das kann sogar Spaß machen, vor allem, wenn man es mit anderen zusammen macht.

Und ich denke, wir sollten das zusammen machen, weil es kein Anderer für uns machen wird – kein Politiker, keine Politikerin, keine oder keiner von denen, die ein Interesse daran haben, dass die Dinge so bleiben, wie sie sind.

Ich meine, wir können das. Wir haben die Macht dazu, die Dinge zu verändern. Wir sind die 99 Prozent, immer noch. Wir müssen es jetzt nur noch tun. Ich wünsche uns viel Spaß dabei!

Christine Prayon

Christine PrayonChristine Prayon, geboren 1974 in Bonn, ist Schauspielerin und Kabarettistin. Bekanntheit erlangte sie durch Auftritte in der heute-show, in Die Anstalt und Extra3. Sie wurde unter anderem mit dem Goldenen Stuttgarter Besen, dem Deutschen Kleinkunstpreis, dem Prix Pantheon sowie dem Dieter-Hildebrandt-Preis ausgezeichnet

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