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So schmeckt die Natur – warum biologisch-dynamischer Weinbau die Zukunft ist

Fasziniert von der biodynamischen Wirtschaftsweise und von leidenschaftlichen Winzern machte sich Romana Echensperger, Sommelière und Master of Wine, auf den Weg zu zwölf Spitzenweingütern. Über einen Zeitraum von zwölf Monaten begleitete Echensperger sie bei ihrer Arbeit und entlockte ihnen die Geheimnisse ihres Handwerks. Die besuchten Weinkünstler erzählen darin von ihrer Passion, in Freiheit einen Wein zu kreieren, unabhängig von Hilfsmitteln der Agrarindustrie, von Spritzmittel-Apps und Empfehlungen aus dem Labor – einen individuellen, unverwechselbaren Geschmack, der mehr und mehr Liebhaber findet. Was Biodynamie überhaupt bedeutet und warum sie die Weinwelt erobert, zeigt Romana Echensperger anschaulich anhand der Geschichte der Landwirtschaft und des Weinbaus. Nicht nur die Forschungsergebnisse der Wissenschaftler an der Universität Geisenheim bestätigen: Die Bedeutung und Möglichkeiten dieser wiederentdeckten Wirtschaftsweise für Mensch und Umwelt sind immens!

In den 1950er Jahren nahm die Industrialisierung der Landwirtschaft und des Weinbaus enorm an Fahrt auf. Einmal gab es eine Spezialisierung der Betriebe, wie das nicht nur Bettina Bürklin-von Guradze vom Weingut Dr. Bürklin-Wolf beschreibt. In ihrer Kindheit ist sie noch über die Stoppelfelder zwischen Wachenheim und Forst geritten. Das Weingut war ein klassischer Mischbetrieb mit Acker-, Obst- und Weinbau sowie Nutztierhaltung. Doch nach dem Krieg wurden die Wissensanforderungen an die einzelnen Betriebsbereiche so groß, dass eine Vielzahl von Betriebszweigen schwer zu managen war. Mit dem Beitritt zur EU und später der Ausdehnung der Rebflächen mit dem 1971er Weingesetz war die Konzentration auf Weinbau effektiver und lukrativer. So entwickelte sich in den Weinbaugebieten diese enorme Monokultur, wie wir sie heute sehen. Allgemein in der Landwirtschaft manifestiert sich in dieser Zeit die Trennung von Ackerbau und Viehzucht: Massentierhaltung auf der einen Seite und mit Kunstdünger bearbeitete Monokulturen auf der anderen. Das Trennen der engen Verzahnung von Ackerbau und Viehzucht endet in Ressourcenverschwendung und manifesten Umweltproblemen. Als zwei Beispiele seien Nitratbelastungen im Grundwasser sowie Humusverlust genannt.

Ebenso ließen sich die Betriebsleiter das Heft des Handelns durch externe Beratung aus der Hand nehmen, wie auch Winzer Clemens Busch beschreibt. An der Mosel entschied der Agrarhandel Raiffeisen, was in den Weinbergen gespritzt wurde. Clemens Busch kann sich als Kind an ein Häuschen in Pünderich erinnern. Dort wurde für alle Winzer eine Brühe angerührt, die von allen ohne Nachfragen in die Weinberge gespritzt wurde. Heute werden kognitive Abhängigkeiten mit Spritzmittel-Apps und Pflanzenschutzempfehlungen, die ins Haus flattern, geschaffen. Landwirte und Winzer sind in ein externes Beratersystem eingebunden. Aus der Angst heraus, Fehler zu machen, die sich ökonomisch auswirken, wird eher diesem Netzwerk vertraut als auf die eigenen Sinne und Erfahrungen. Ein Kritikpunkt vieler Winzer in dem Buch gilt auch den Weinbauschulen. Ihr Vorwurf: Dort wurde zu viel Angst vermittelt und die agrarindustrielle Sichtweise auf die Herausforderungen im Weinbau zu einseitig vertreten.

Als Resultat traut sich der Nachwuchs oft nicht zu, eigenständige Entscheidungen zu treffen und auf die oft prophylaktisch eingesetzten Hilfsmittel der Industrie zu verzichten. Die Mechanisierung, die den Winzer und Landwirt auch physisch von seinem Boden trennt, spielt sicherlich auch eine Rolle. Wie Franz Weninger beschreibt, gibt es heute vollklimatisierte Traktoren, die vorn und hinten luftgefedert sind. „Da merkst du nicht mehr, ob der Boden schwer oder leicht ist.“ Doch bei aller Angst und Unsicherheit, die die Winzer erst überwinden mussten, als sie sich für den Bioanbau entschieden, haben ihnen die geisteswissenschaftlichen Ansätze der Biodynamie geholfen, ihre Sinne wieder zu schärfen und heute selbstbewusst eigene Entscheidungen zu treffen. Wieder ein Gespür für ihre Scholle Land zu entwickeln.

Die Biodynamie ist auch ein Gegengewicht zur materialistischen Geisteshaltung, die diese krasse Industrialisierung der letzten Jahrzehnte überhaupt ermöglichte. Frank Uekotter nennt auch noch strategisches Vergessen und Verdrängen als deren Ursache: „Alle Beobachtungen und Erkenntnisse, die der Intensivierung im Wege standen, wurden einfach ausgeblendet.“ Ob Bodenverdichtung, Bodenerosion, Verlust von Biodiversität, Insektensterben, Humusverlust, etc. – man redete einfach nicht drüber. Uekotter schreibt weiter: „Die Befähigung zum strategischen Vergessen, zum Ausblenden störrischer Wissenselemente gehörte zu den zentralen Voraussetzungen der intensivlandwirtschaftlichen Revolution. Man musste also einen Wissenskanon entwickeln, der den Praktikern Vorzuge bot, und gleichzeitig einen Konsens darüber herstellen, welche Wissenselemente für die Praxis nicht notwendig waren und marginalisiert werden durften. Landwirtschaftliches Bodenwissen ist dafür das beste Beispiel. Wissenschaftler, Berater und Praktiker näherten sich an. Ein Wissenschaftler, der kein Gehör fand, war nichts wert – er musste sich also ein Stück weit anbiedern. Viele Dinge in der fachlichen Praxis waren nicht durch die Wissenschaft gedeckt. Irgendwann hatte das aber so eine Dynamik, die man nicht mehr aufhalten konnte.“

Die enge Verzahnung von Politik, Agrarindustrie, Bauernlobby und mittlerweile auch Handelsriesen begünstigte diese Entwicklungen. Beispiele dafür sind die Subventionspolitik und politische Rahmenbedingungen in Agrar- und Lebensmittelindustrie. Billige Energie in Form von Erdöl und dadurch die Möglichkeit, beliebig Ressourcen zu verschwenden, sind ein Grund, warum die konventionelle Art, Landwirtschaft und Weinbau zu betreiben, bislang möglich war. Ein anderer war, dass ein ausgewogenes Klima bislang die brutale Bodenbehandlung wettgemacht hat. Beides kommt nun an ein Ende. Vor allem der Klimawandel macht der Landwirtschaft und dem Weinbau zu schaffen. Wo beispielsweise kaum noch Humus im Boden ist und das Bodenleben durch Herbizide und Mineraldünger geschädigt ist, gibt es enorme Probleme mit zunehmenden Wetterextremen. Die Winzer merken das sofort in der Weinqualität. Für viele ist gerade die Zukunftsfähigkeit in Zeiten des Klimawandels der Grund, auf Bioanbau umzustellen. Die Wirksamkeit der biologisch-dynamischen Präparate und die Konzepte dieser Wirtschaftsform sind mittlerweile anerkannt. Vielen Betriebsleitern helfen die geisteswissenschaftlichen Grundlagen zudem, die materialistische Denkweise zu überwinden und damit eine größere Lebensqualität zu erlangen.

Romana Echensperger

Romana EchenspergerRomana Echensperger arbeitete als Chef-Sommeliere in Spitzenrestaurants wie beispielsweise dem Vendôme bei Köln und ist heute unter anderem als Weinjournalistin für deutsche und internationale Magazine unterwegs. Bei den Tageszeitungen des DuMont Verlages hat sie ihre eigene Weinkolumne. Seit 2015 ist sie „Master of Wine“ und hat damit die schwierigste Weinprüfung der Welt bestanden.

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