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Sind wir die Guten? Journalismus auf dem Prüfstand

Immer mehr Menschen misstrauen den Medien. Was ist der Kern ihres Vorwurfs? Wie ist es um die Qualität des Journalismus wirklich bestellt? Sind Journalisten von oben gesteuert? Diese Fragen treiben auch Michael Steinbrecher und Günther Rager um, und so haben sie zusammen mit vierzehn jungen Journalisten der TU Dortmund ein Buch über das Thema geschrieben. Sie liefern Fakten zum Verhältnis von Pluralität und Rudel-Journalismus, untersuchen die Berichterstattung zum Thema Rechtsradikalismus und zeigen Wege aus der Glaubwürdigkeitskrise. Ein Auszug.

Wir sind die Guten ist nicht nur der Titel eines lesenswerten Buches, das sich mit der westlichen Medienberichterstattung über Russland und den Ukraine-Konflikt beschäftigt. Es ist auch der unausgesprochene Anspruch, der in vielen Äußerungen von Politikern und Journalisten steht. Wofür stehen wir? Dafür, im ethischen Sinn gut zu handeln, für Menschenrechte einzutreten, für Gewaltenteilung, für eine unabhängige Justiz, für Meinungsfreiheit, für Frieden, für Asyl für Verfolgte … Die Liste ließe sich verlängern. Aber wir sollten sehen, dass viele dieser Ansprüche auch bei uns nicht immer gleichmäßig erfüllt sind und nicht von allen akzeptiert werden. Und, dass es sich auch bei uns um relativ junge Errungenschaften handelt.

Zentral bleibt die Frage, wie wir in den Medien mit denen umgehen, die diese Werte nicht in gleichem Maß anstreben, sie gar ablehnen und gegen sie aktiv verstoßen. Nicht nur in Deutschland. Wird in den Medien über die Beschlüsse (oder die Verhinderung von Beschlüssen) des UN-Sicherheitsrats oder über Menschenrechtsverletzungen vergleichbar berichtet, wenn sie Russland, die Ukraine, Israel, Iran, die USA, Syrien oder Saudi-Arabien betreffen? Oder gibt es da je nach politischer Nähe mildernde oder verschärfende Umstände? Die Frage, wie gleichmäßig wir die von uns zu Recht verteidigten Werte einfordern, war sicher ein Anlass, sich kritisch mit einer lange Zeit konsensuellen Berichterstattung zu beschäftigen. Historisch gibt es solche Brüche immer wieder, wenn sich innerhalb einer Gesellschaft die Wertvorstellungen sehr stark auseinanderentwickeln. Das ist bei uns spätestens bei der Berichterstattung über die Ukraine und deutlich verschärft bei Berichten über die Ankunft der vielen Flüchtlinge augenfällig geworden.

Aber auch wenn es berechtigt und dringend notwendig ist, die Frage nach der Unvoreingenommenheit zu stellen, rechtfertigt das weder den Vorwurf der »Lügenpresse« noch den der Steuerung. Wer so argumentiert, der hat nicht verstanden, wie unser Mediensystem funktioniert. Journalistische Lügen sind sicher sehr selten. Aber Journalisten sind nicht frei von Interessen und politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen, sie haben eine Sozialisation in Gesellschaft und Redaktion durchlaufen und sie arbeiten mit den finanziell oft engen Mitteln, über die ihr Redaktionsetat für Recherchen verfügt. Auch sie durchschauen nicht alle Vorgänge. Sie haben begrenzte Möglichkeiten der Erkenntnis und der Darstellung. Sie müssen auswählen aus einer nahezu unübersehbaren Nachrichtenmenge. Diese Auswahl muss zwangsläufig lückenhaft sein und produziert trotz vorhandener Regeln auch Unsicherheiten. Diese werden gern durch den vergleichenden Blick auf andere Medien versucht zu reduzieren.

Auch wir machen uns Sorgen darüber, dass aufgrund des Aktualitätsdrucks immer häufiger darauf verzichtet wird, eine Nachricht auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, dass häufig nicht mehr genau getrennt wird zwischen Nachrichten und Kommentaren, dass in ausgedünnten Redaktionen die Sachkompetenz immer weniger wird, dass Voreingenommenheit mit Haltung verwechselt wird und zu einseitiger Darstellung führt. Auch wir sehen einen Trend zur Skandalisierung und glauben, dass der Journalismus in einigen entscheidenden Situationen – die Kölner Silvesternacht 2015 ist nur ein Beispiel – große Fehler gemacht hat. Die Liste ließe sich fortsetzen. Mindestens genauso lang wäre aber die Liste der großartigen Beispiele für Qualitätsjournalismus. Für fundierte Recherchen, Hintergrundgeschichten, spannende Analysen.

Wir glauben an eine Zukunft des Journalismus, der sich im Dialog mit den Usern, Lesern, Zuschauern und Hörern den Kriterien journalistischer Qualität verschreibt. Der aktuell berichtet, sich aber auch an Dimensionen wie Richtigkeit und Relevanz orientiert. Der sich an professionellen, heute auch dialogischen Vermittlungsansprüchen misst. Und der seine Berichterstattung an ethische Maßstäbe knüpft. Wir sehen für Qualitätsjournalismus eine Chance trotz des Zangengriffs von digitalen Medien und ökonomischer Engführung. Die Frage, wie der Journalismus in Zukunft finanziert werden kann, wäre noch einmal ein weiteres Buch wert. Aber trotz allem sind wir der Meinung, dass Journalismus in Zukunft wichtiger denn je ist. Und wir sind der Überzeugung, dass es vermehrt die jungen Journalistinnen und Journalisten sein müssen, die wir hören sollten. Die Millennials sind in dieser Medienwelt als sogenannte Digital Natives sozialisiert. Für sie geht es im Gegensatz zu den schon lange etablierten Kolleginnen und Kollegen um die nächsten Jahrzehnte ihres Berufslebens. Sie können mithelfen, Lösungen zu finden, um diesem Zangengriff zu entkommen.

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Über die Autoren

Michael SteinbrecherMichael Steinbrecher ist TV-Journalist, Grimme- Preisträger, Moderator der gesellschaftspolitischen Talkshow „Nachtcafé“ im SWR und seit 2009 Professor für Fernseh- und crossmedialen Journalismus an der TU Dortmund. Als Autor wurde er 2015 für seine Publikation „Update – warum die Datenrevolution uns alle betrifft“ auf der Frankfurter Buchmesse mit dem renommierten „GetAbstract International Book Award“ ausgezeichnet.ac
Günther RagerProf. Dr. Günther Rager war Professor am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund. Schwerpunkte seiner Arbeit waren Leserschaftsforschung, Fragen journalistischer Qualität und Redaktionsorganisation.

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