/Kommentare/Sie sind unter uns, überall und immer

Sie sind unter uns, überall und immer

Mit »Illuminatus« schrieb Robert Anton Wilson (mit Robert Shea) 1975 den Klassiker der Verschwörungsliteratur schlechthin. Er verschaffte damit nicht nur einem Professor in Ingolstadt, dem Aufklärer Adam Weishaupt, der 1776 den schon nach wenigen Jahren von der Staatsregierung wieder verbotenen Orden der Illuminaten gegründet hatte, neue Aufmerksamkeit, sondern auch vielen anderen vergessenen Gestalten und Organisationen der Weltgeschichte. Einer Geschichte, die sich in dieser psychedelisch überdrehten Romantrilogie in einer Klarheit und logischen Einfachheit zeigt, wie sie in der komplexen und verwirrenden Realität der wirklichen Welt nie zu finden ist. Nimmt man freilich an, dass im Untergrund mächtige und seit Jahrtausenden geheim agierende Strippenzieher, die »Illuminaten«, am Werke sind, dann machen die absurdesten Zufälle und die verrücktesten Zusammenhänge plötzlich Sinn. Und wenn sie einmal keinen machen, dann waren eben die großen untergründigen Gegenspieler der Illuminaten, die »Diskordianer« am Werk – und schon ist wieder alles klar. Und alles unter Kontrolle.

»Everything is under control« lautete denn auch der Originaltitel dieses »Lexikons«, in dem auch die Organisationen und Zusammenhänge aus »Illuminatus« wieder auftauchen, neben zahlreichen anderen. Nicht mehr eingebettet in eine überbordende Romanhandlung, sondern als spekulative Fakten und belegbare Gerüchte – als Theorien über Verschwörungen. Wie bewegt man sich in diesem kultischen Zwielicht am Besten und welchen Erkenntnisgewinn kann man aus diesem Kaleidoskop von Verschwörungen ziehen?

»Du solltest die Welt als eine Verschwörung sehen, die von einer sehr eng verbundenen Gruppe nahezu allmächtiger Leute betrieben wird, und du solltest daran denken, dass es sich bei diesen Leuten um dich und deine Freunde handelt.«

Mit dieser Betriebsanleitung enthüllt Robert Anton Wilson, was hinter seinen Masken und Spiegeln, die vom Ironiker zum Philosophen und vom Witzbold zum Psychologen reichen, vom Wissenschaftler zum Poeten und vom Dokumentaristen zum Reporter, den Kern aller seiner Bücher ausmacht: die Anregung zum Selbstdenken. In dem Wissen, dass es keine von unserem Wahrnehmungsapparat und unserem Bewusstsein unabhängige Realität geben kann und wir gezwungenermaßen immer nur Teilausschnitte erkennen können. Was zumal für die noch kleineren Teilausschnitte eines Lexikons gelten muss. Absolute Wahrheiten sind hier nicht zu finden. Dafür umso mehr Hinweise darauf, dass nichts so ist, wie es scheint – und Anregungen, sich auf die Suche zu machen. Und selbst zu denken.

Seit den Anschlägen des 11. September 2001 hat der Begriff »Verschwörungstheorie« eine geradezu inflationäre Verbreitung gefunden, als Kampfbegriff in einer Art psychologischer Kriegsführung gegen jede Art von Zweifeln an der ofiziellen Version der Ereignisse. Eine Fortsetzung dieses Lexikons aus der Hand des Meisters wäre deshalb sehr wünschenswert gewesen, doch schon 1999, als wir diese Ausgabe abschlossen, hatte sich bei Robert Anton Wilson die Kinderlähmung aus seiner Frühzeit zurückgemeldet und dieses »Postpolio«-Syndrom machte die Arbeit an einem weiteren Buch unmöglich. Bis zu seinem Tod 2007 meldete er sich aber noch mit Kommentaren zu Wort, so auch nach 9/11:

»So wie der ›Krieg gegen Drogen‹ einen gewissen Sinn machen würde, wenn man ihn wahrheitsgemäß ›Krieg gegen einige Drogen‹ nennen würde, so würde ich George W.’s gegenwärtigen Kampf als ›Kriege gegen einige Terroristen‹ bezeichnen. Ich bleibe dieser grässlichen Ketzerei verbunden bis der das Hauptquartier der CIA in Langley bombardiert.«

Ketzerisches Querdenken, beißende Polemik, schwarzer Humor, auch (und gerade) wenn es um weltbewegende Ereignisse geht, das sind Markenzeichen des Robert Anton Wilson, denen wir auch auf seinem Streifzug durch die Welt der Verschwörungstheorien immer wieder begegnen. Ist das nun alles wahr? Oder nicht? Oder doch? »Maybe Logic« (Vielleicht logisch) heißt eine preisgekrönte Dokumentation über Leben und Werk des »Guerilla-Ontologen« Robert Anton Wilson. Wer dieses Paradox, die Logik des Vielleicht, im Hinterkopf behält, kann aus der Neuauflage dieses Lexikons nicht nur großes Vergnügen, sondern auch reichlich Erkenntnisgewinn ziehen.

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Robert Anton Wilson

Robert Anton WilsonRobert Anton Wilson (1932–2007) studierte unter anderem Mathematik, Elektrotechnik und Psychologie. Er war Vizepräsident des Institute for the Study of Human Future in Berkeley und veröffentlichte über dreißig Bücher, unter anderem die Trilogie »Illuminatus« mit Robert Shea.

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