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Schwarzer Freitag für den klassischen Einzelhandel

Diese Woche ist mal wieder „Black Friday“, wobei sich die große Rabattschlacht mittlerweile zum „Black November“ auswächst, der vor allem beim Onlineriesen Amazon die Kassen mächtig klingeln lässt. Und davon profitiert vor allem Amazon-Boss Jeff Bezos, denn die heute weltweit rund 650.000 Mitarbeiter werden ganz sicher keinen Extra-Bonus erhalten, obwohl sie am „Black Friday“ 2019 alleine in Deutschland fast 10 Millionen Päckchen packen mussten. Der große Shoping-Event dürfte auch die Marktmacht von Amazon weiter verstärken, die im Onlinehandel auch in Deutschland inzwischen bei einem Marktanteil von rund 50 Prozent liegt –Tendenz rasant steigend.

Derzeit verhandelt Amazon mit der Invest­mentbank Goldman Sachs, um Amazon-Kunden in Zukunft auch Kreditgeschäfte anbieten zu können. Eine gruselige Vorstellung und Finger weg von solchen Krediten, würde ich sagen, denn: Bezos + Goldman Sachs = Relentless. Für Jeff Bezos aber ist die Kooperation mit Goldmann Sachs ein nächster logischer Schritt, denn da man mit Amazon Pay und der Amazon-Kreditkarte schon ins bargeldlose Bezahl- und Bankgeschäft eingestiegen ist, passen auch Kredite und Versicherungen ganz wunderbar ins Amazon-Portfolio. Am Dienstag dieser Woche kündigte Amazon den Start seiner eigenen Online-Apotheke in den USA an. Mit „Amazon Pharmacy“ für verschreibungspflichtige Medikamente dürften jetzt auch in Europa und Deutschland die Sorgenfalten deutlich tiefer werden, weil das lukrative Apotheken- und Pharma-Business die nächste Branche sein wird, die Amazon zerstören und seinem Imperium einverleiben wird.

Überhaupt unsere Gesundheit – dafür interessieren sich eigentlich alle großen Tech-Konzerne. Google hat schon 2019 den US-Konzern Ascension als strategischen Cloud-Kunden an Land gezogen und sich so den Zugriff auf die Gesundheitsdaten von Millionen Amerikanern verschafft. Außerdem hat sich Google für über zwei Milliarden US-Dollar mit Fitbit eines der führenden Unternehmen für Fitness-Tracker geangelt. Also noch mal jede Menge neue, sehr persönliche Daten, die man gewinnbringend für neue Produkte und digitale Dienstleistungen nutzen kann. Im Grunde verfolgt der Screen-New-Deal eine komplett geschlossene Verwertungskette. Daher der Plan, unsere öffentlichen und privaten Lebensräume immer stärker mit smarter Technologie zu durchsetzen, um unser Verhalten immer besser zu verstehen und zu steuern. Immer dichter werden wir so in ein Netz aus neuen digitalen Produkten und individualisierten Angeboten verwebt und Schritt für Schritt in eine komplette Konsumdemenz verabschiedet, um dann von unseren Sprachassistenten durch die schöne neue Sreen-New-Deal Welt navigiert zu werden.

Heute steckt Alexa ja noch eher in den Kinderschuhen. Sie hält die Klappe, antwortet nur, wenn sie gefragt wird, und zeichnet nicht selten ganze Gespräche ihrer Besitzer auf, natürlich nur aus Versehen – falsches Codewort verstanden und so. In naher Zukunft aber sieht das völlig anders aus. Kommt der Screen-New-Deal erst einmal richtig in Schwung, läuft auch Alexa zur Höchstform auf. Dann analysiert Alexa zum Beispiel unsere Google-Suchverläufe und erkennt, dass wir uns vielleicht gerade für ein neues E-Bike interessieren. Alexa scannt nun gleichzeitig den Markt, checkt die besten Angebote, überprüft deinen Konto­stand, nimmt eventuell Kontakt mit der Amazon-Kreditabteilung auf und meldet sich dann mit den Worten: „Hallo, ich habe festgestellt, dass du dich für ein E-Bike interessierst. Ich habe schon mal das beste Angebot in deiner Preiskategorie ermittelt. Weil es auf deinem Konto aber gerade ziemlich mau aussieht, könntest du das Bike trotzdem problemlos über einen Amazon-Flex-Kredit finanzieren. Das habe ich mit der Kreditabteilung schon geklärt. Dann musst du nicht warten und kannst das schöne Wetter gleich ausnutzen.“

Ganz ähnlich funktioniert auch die digitale Telemedizin in ein paar Jahren. Über unsere smarten Uhren, Fitness-Tracker und sonstige Wearables ist Alexa samt Gesichtserkennung und Stimmanalyse schon ganz gut über unsere allgemeine Physis und unsere tagesaktuellen Befindlichkeiten informiert. Alle Daten, die sie in Echtzeit sammelt, hat sie auch schon für unsere Akten bei der Amazon Health Insurance weitergeleitet. Und wenn es Eric Schmidt schafft, in ein paar Jahren auch unsere Toiletten mit smarter Technik auszustatten, wird es für alle Kokser, Kiffer oder Pillenfreunde richtig eng. Der Morgen­urin lügt bekanntlich nicht und Alexa hat unseren aktuellen Pipistatus schon analysiert und einen Plan entwickelt, wenn wir frisch geduscht am Frühstückstisch erscheinen. Als Erstes empfiehlt sie uns ein Detox-Smoothie und kommt dann zur Sache: „Hör mal, um deine Fitnesswerte ist es derzeit nicht gut bestellt. Du solltest deinen Alkoholkonsum dringend reduzieren. Auch dein Body-Maß-Index läuft gerade aus dem Ruder. Wenn du so weitermachst, wirst du bei der nächsten Überprüfung deiner Krankenversicherung in eine höhere und deutlich teurere Risikoklasse eingestuft. Soll ich dir das passende Fitnessprogramm für deinen Hometrainer buchen? Da gibt es gerade eine klasse Schnäppchen.“

Kommt Alexa nach ihrer Erstanamnese zu einem ernsteren Befund, stellt sie eine Verbindung zu unserer digitalen Hausarztpraxis her, in der vielleicht zunächst noch eine kompetente Ärztin oder ein Arzt sitzen, die aber nach den Plänen von Eric Schmidt möglichst schnell auch durch eine KI ersetzt werden. Die eventuell nötige Medizin ordert Alexa dann auch gleich. Wo? Natürlich bei Amazon.

Je tiefer das Internet der Dinge in unser Leben vordringt, desto genauer weiß Alexa über uns Bescheid. Sie meldet sich, wenn die Milch im Kühlschrank ausgeht und bestellt neue. Und wo? Natürlich bei Amazon. Alexa erkennt, dass bemessen am deutschen Durchschnitt für Textilausgaben, in unserm persönlichen Budget für Klamotten noch Luft nach oben ist und weil sie auch mit unserer Waschmaschine kommuniziert, ist sie bereits über die Löcher in unseren T-Shirts oder Socken informiert. Also empfiehlt sie uns einen entsprechenden Neukauf. Wo? Natürlich bei Amazon.

Johannes Bröckers

Johannes BröckersJohannes Bröckers, Jahrgang 1960, studierte Germanistik und Europäische Ethnologie in Marburg und arbeitete als Journalist, Texter und Creative Director in der Werbung. 2000 gründete er pleasant_net, das Büro für strategische Beeinflussung. Er lebt und arbeitet als Marketingberater, Autor und Dozent in Frankfurt am Main.

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