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Schreckgespenst Inflation?

Es ist schon erstaunlich, über Jahre hinweg wird hierzulande vor Inflation gewarnt, auch ausufernder Inflation, und – nichts davon trat ein und wird wohl auch nicht eintreten. Im Gegenteil, das eigentliche Probleme heißt eher Deflation. Wie konnten sich die Auguren nur so eklatant vertun? Wird dieser grandiose Irrtum aufgearbeitet? Von wem? Hat dies Konsequenzen? Und vor allem, wo bleiben die Artikel dieser Herrschaften darüber, nun doch endlich einmal die aktuelle Politik und die dahinterliegende Theorie, besser Ideologie, zu überdenken?

Nachfolgend ein Panoptikum des Scheiterns hochmögender Journalisten, Politiker und Ökonomen von Heiner Flassbeck und Philipp Müller.

Die Preisentwicklung im Euroraum 2008 bis 2015

Woher kommt eigentlich die Inflation? Die klare Antwort, die fast alle „wichtigen“ deutschen Ökonomen und Kommentatoren geben, lautet: Von zu viel Geld. Wieso aber leben wir dann derzeit in einer Deflation? Schafft nicht die Europäische Zentralbank (EZB) gerade sehr viel Geld, um die Deflation zu verhindern? Und wieso gelingt ihr das nicht? Die Inflationsrate im Euroraum ist zum Abschluss des Fiskaljahres 2015 auf einem Rekordtief von 0,3% zum Vorjahr gelandet (die rote Kurve in Abbildung 1). Das ist der niedrigste Wert seit der Einführung des Euros. Die Inflationsrate ist seit der Wirtschaftskrise 2008 nie wieder auf ihren Wert von vor der Krise zurückgekehrt und hat das Inflationsziel der EZB von knapp zwei Prozent nur einmal kurz erreicht. Zuletzt lag sie sogar bei fast genau Null (Abbildung 2).

Dennoch konnte man seitens diverser Stimmen aus Presse, Politik und Fachwelt immer wieder Warnungen vor drohender Inflation und bisweilen sogar Hyperinflation vernehmen.

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Abb. 1: Jährliche Entwicklung der Inflationsrate von 2008 bis (einschließlich) 2015

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Abb. 2: Monatliche Entwicklung der Inflationsrate von Januar bis (einschließlich) Mai 2016

Panikmache von Wissenschaftlern und Medien

Im Lichte dieser Entwicklung fragt man sich, was aus all den Warnungen bezüglich der „verheerenden“ Konsequenzen einer Niedrigzinspolitik durch die EZB geworden ist. Wie kann es sein, dass so viele anerkannte Wissenschaftler, Politiker und Kommentatoren mit ihren Vorhersagen über drohende inflationäre Entwicklungen so weit daneben lagen? Vertreten all diese Warner die falsche Theorie? Und wenn das stimmt, warum wird dann in Deutschland nicht ganz offen diskutiert, welche Theorie falsch war und durch welche neue Theorie sie zu ersetzen ist?

28.05.2008 – Axel Weber: „Auch 2009 ist keineswegs sicher, dass die Inflation im Jahresschnitt auf das angestrebte Ziel von knapp zwei Prozent zurückgehen wird“. (Die Welt)

20.06.2009 – Rainer Hank (Autor d.A.): „Dass jetzt so viel über Inflation und Währungsverfall geredet wird, entspringt nicht nur irrationalen Ängsten.“ (FAZ)

10.04.2010 – Ursula Weidenfeld (Autorin d.A.): „Irgendwer muss für die Staatsverschuldung der vergangenen Jahre gerade stehen. […] Wer aber eine lasche Position zur Geldentwertung bezieht, nimmt hin, dass die Teile der Bevölkerung enteignet werden, die etwas gespart haben. Der scheinbar automatische Prozess sorgt für gewaltige Ungerechtigkeiten. Lohn- und Rentenbezieher werden benachteiligt, Sparer, Menschen, die in Lebensversicherungen investiert haben, verlieren ihr Guthaben […].“ (Tagesspiegel)

22.04.2010 – Joachim Starbatty: „Aus der Währungsunion wird eine Inflationsunion. […] Ich glaube, dass die Inflationsrate stark steigen wird: über 5 Prozent. Alle Erfahrungen zeigen, dass Länder, die hoch verschuldet sind, zur Inflation neigen.“ (FAZ)

11.05.2010 – Axel Weber: „Der Ankauf von Staatsanleihen birgt erhebliche stabilitätspolitische Risiken, und daher sehe ich diesen Teil des Beschlusses des EZB-Rats auch in dieser außerordentlichen Situation kritisch.“ (Börsenzeitung)

15.05.2010 – Heike Göbel (Autorin d.A.): „Fatal wäre eine Inflationsspirale. Obwohl die Inflationsraten derzeit wegen der Wirtschaftsschwäche niedrig sind, sollte man Inflationsszenarien auf mittlere Sicht nicht die Plausibilität absprechen. Den Versicherungen der Notenbanken, sie seien willens und in der Lage, die Geldflut einzudämmen, bevor die Preise ins Laufen gerieten, darf man mit gesundem Misstrauen begegnen. […] Inflation trifft die am härtesten, die ohnehin wenig haben: Rentner, Sozialhilfeempfänger, Geringverdiener, kleine Sparer.“ (FAZ)

14.01.2011 – Axel Weber: „Allerdings könnten die Risiken für die mittelfristige Inflation durchaus steigen.“ (FAZ)

20.05.2011 – Hans-Olaf Henkel: „Eine steigende Inflation steht vor der Haustür.“ (Wallstreet Online)

30.09.2011 – Gabor Steingart (Autor d.A.): „Die westlichen Staaten […] haben die Notenpressen angeschmissen […]. Wenn am Ende dadurch die Inflation steigt, so sagen die Notenbanken und Finanzminister unter vorgehaltener Hand, sei das die sanfteste Form der Krisenbewältigung.“ (Handelsblatt)

22.10.2011 – Hans-Werner Sinn: „Gefahren drohen insofern, als die Sterilisierungsmöglichkeiten zur Neige gehen. Dann droht doch irgendwann Inflation.“ (FAZ)

11.03.2012 – Ursula Weidenfeld: „Dieses Geld lässt sich irgendwann nicht mehr bei den Banken einsammeln. Die Mittel werden in den Geldkreislauf gelangen und irgendwann die Inflation auslösen, die heute noch alle für unwahrscheinlich halten.“ (Tagesspiegel)

23.03.2012 – Jürgen Stark: „Es ist historisch erwiesen, dass jede besonders starke Expansion der Zentralbankbilanz mittelfristig zu Inflation führt.“ (Wirtschaftswoche)

10.04.2012: Höhere Inflation ist unvermeidlich: Die Chefvolkswirte von Deutscher Bank, Dekabank und Commerzbank [Thomas Mayer, Ulrich Kater und Jörg Kraemer im Interview] sind überzeugt: Das billige Geld der Notenbanken wird zu Inflation führen. (Handelsblatt)

25.04.2012 – Thorsten Polleit: „Die EZB ist auf Inflationskurs. […] Sie wird versuchen, die Staatsschul-den weg zu inflationieren. Das kann leicht in Hyperinflation enden.“ (Wirtschaftswoche)

10.05.2012 – Jens Ulbrich: „Die Bundesbank rechnet damit, dass Deutschland bald eine Inflationsrate aufweisen wird, die über dem Durchschnitt der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion liegt.“ (Spiegel Online)

12.05.2012 – Holger Stelzner (Autor d.A.): Wir sind erpressbar geworden, weil jeder weiß, dass wir 644 Milliarden Euro verlieren, wenn der Euro zerbricht. „Wir sitzen in der Falle“, warnte Hans-Werner Sinn […] Die Zentralbank ist aus Furcht vor einer Abwärtsspirale im Süden in der Nullzinspolitik gefangen. Da kann das Vertrauen in den Euro schnell verloren gehen und die Inflation außer Kontrolle geraten. […] Stefan Homburg: „Inflation kann mit einem Rutsch kommen. Und dann ist kein Vermögen mehr sicher.“ (FAZ)

15.05.2012 – Henrik Müller (Autor d.A.): Warum eine höhere Inflation normal wird. […] Jens Ulbrich: „Deutschland wird künftig eher überdurchschnittliche Inflationsraten aufweisen.“ […] Übrigens sagt die Mittelfristprognose des Instituts Kiel Economics eine deutsche Inflationsrate von 5,4 Prozent für das Jahr 2017 vorher. […] In Wahrheit ist die inflationäre Dynamik längst voll im Gang. (Spiegel Online)

27.05.2012 – Otmar Issing (Autor d.A.): Vor der Ansicht, [dass die EZB vorübergehend eine höhere Inflationsrate tolerieren soll] ist dringend zu warnen. […] Bedarf es eines erneuten Beweises, dass höhere Inflation keine Lösung ist, sondern neue Probleme schafft? (Handelsblatt)

30.06.2012 – Ursula Weidenfeld (Autorin d.A.): Die Generation 45+ wird für die europäische Schuldenkrise bezahlen müssen, so oder so. Sie wird diese Einbußen nur durch längere Lebensarbeitszeiten kompensieren können, so oder so. Doch sie hat das Recht, darauf zu bestehen, dass diesmal nicht der politisch simpelste Weg dafür eingeschlagen wird. Das wäre die Inflation. (Handelsblatt)

07.09.2012 – Marc Beise (Autor d.A.): Eine unerträgliche Vorstellung: Wenn der EZB Urteile nicht passen, dann druckt sie einfach Geld. […] Wenn die EZB „unbegrenzt“ hilft, dann finanziert sie unsolide Staaten, und sie kann das nur durch das Drucken von immer neuem, von immer mehr Geld. Am Ende drohen Blasen, Krisen, Inflation. (Süddeutsche)

10.09.2012 – Joachim Starbatty (Autor d.A.): Es gibt langfristig nur eine Ursache von Inflation – die Finanzierung von Staatsdefiziten durch die Notenbank. Aktuelle rezessive Tendenzen mögen das noch überspielen. Aber dass daraus Inflation erwächst, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Mit Münzbetrug wird Draghi den Euro nicht retten können. (Handelsblatt)

16.09.2012 – Heike Göbel (Autorin d.A.): Anshu Jain: „Die Konsequenz [der Euro-Rettung] wird schlussendlich Inflation sein“. […] Guido Westerwelle: „Die Stabilität unserer Wirtschaft hängt entscheidend von der Stabilität unserer Währung ab.“ […] Wenn dieser Satz stimmt, woran man besser nicht zweifelt, dann ist es unverständlich, warum die Liberalen weiter für ein Rettungsszenario zu werben, das mit wachsender Wahrscheinlichkeit in Inflation mündet. Wie schrieb FDP-Fraktionschef Brüderle unlängst? Inflation sei die „asozialste Steuer“, weil sie Sparer, Rentner, Arme besonders treffe. Dem ist nichts hinzuzufügen. (FAZ)

26.09.2012 – Otmar Issing: „Ich erwarte keine Hyperinflation. Aber schon eine Geldentwertung um vier bis fünf Prozent ent­eignet die Sparer und schafft soziale Probleme.“ (Die Welt)

15.10.2012: Eindringliche Warnung an die Notenbanken: Die Geldschwemme erhöhe die Gefahr einer Inflation, warnt Wolfgang Schäuble. (Spiegel Online)

18.10.2012: Dennoch warnten Bundesbankpräsident Jens Weidmann, Bankenverbandspräsident Andreas Schmitz, die Wirtschafsweisen in ihrem Herbstgutachten, Finanzminister Schäuble sowie ein großes deutsches Nachrichtenmagazin einhellig vor der kommenden oder gar schon stattfindenden Entwertung der deutschen Sparguthaben. (neuewirtschaftswunder.de)

02.01.2013 – Marc Beise (Autor d.A.): Die Risiken im Euro-Raum sind viel beschrieben worden und werden unterschiedlich ein-geschätzt. Sie sind in jedem Falle gewaltig. Die Währungsunion wird so schnell nicht auseinanderbrechen, aber die Gefahr ist nicht dauerhaft gebannt. So oder so werden die Bürger Europas zahlen, und das gilt vor allem für die reichen Deutschen. Spätestens in einigen Jahren werden sie, nach Ansicht vieler Experten, mit einer kräftigen Inflation, also mit Geld-entwertung zahlen. (Süddeutsche)

26.06.2013: Konsumexperte sieht Inflationsgefahr. Das viele billige Geld der Europäischen Zentralbank (EZB) für Europas Banken könnte nach Ansicht des Konsumforschers Rolf Bürkl mittelfristig die Inflation in Deutschland anheizen. (Die Zeit Online)

25.07.2013 – Jürgen Stark: „Eine Inflationsrate von etwas über einem Prozent, wie wir sie derzeit ha-ben, ist völlig in Ordnung. Die Gefahr, in eine deflationäre Spirale abzugleiten, erkenne ich ebenfalls nicht. Länger- bis mittelfristig sehe ich aber die Gefahr, dass wir auf Grund des Flutens der Geldmärkte weltweit ein erhöhtes Inflationsrisiko haben. […] Ich rechne für Deutschland in den kommenden Jahren mit bis zu vier Prozent.“ (Focus)

31.07.2013 – Gabor Steingart: „Ihre [Angela Merkel] derzeit positive Beurteilung durch die Öffentlichkeit wird keinen Bestand haben, wenn sich die Nebenwirkungen ihrer Rettungspolitik deutlicher zeigen. Die Inflationsgefahr ist real.“ (FAZ)

05.08.2013 – Thorsten Polleit: „Im Extremfall würde die gesamte ausstehende Verschuldung monetarisiert – mit der Folge hoher Geldentwertung oder gar Hyperinflation.“ (Handelsblatt)

17.12.2013 – Otmar Issing: „Die [Geldschwemme] ist aber nicht angekommen in der realen Wirtschaft. Deswegen haben wir keine Inflation. […]Aber irgendwann wird das passieren, und dann wird es kritisch.“ (infranken.de)

31.03.2016 – Hans-Werner Sinn (Autor d.A.): […] wenn die Geldmenge nicht wieder reduziert wird, weil dazu das Kreditgeld nicht reicht, dann kann die Inflation außer Rand und Band geraten. Was das bedeuten kann, hat Deutschland bei seiner Hyperinflation […] schmerzlich erfahren müssen. (FAZ)

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Heiner Flassbeck

Heiner FlassbeckHeiner Flassbeck arbeitete von 2000 bis 2012 bei den Vereinten Nationen in Genf und war dort als Direktor zuständig für Globalisierung und Entwicklung. Zuvor war er Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen. 2005 wurde Flassbeck von der Hamburger Universität zum Honorar-Professor für Wirtschaft und Politik ernannt. Sein Blog makroskop.eu mit täglichen Analysen und Kommentaren zu Wirtschaft und Politik ist vor wenigen Wochen online gegangen. Im Westend Verlag von ihm erschienen sind u.a. die Bücher „Handelt jetzt. Das globale Manifest zur Rettung der Wirtschaft“ (2013), „Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts“ (2011) und „Gescheitert“ (2009).

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