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Reden stärkt Männlichkeit – und senkt die Hemmschwelle für Gewalt

Gewalt ist kein Kavaliersdelikt. Darin sind sich Politik und Gesellschaft einig. Mittlerweile ist es gesellschaftlicher Konsens, dass häusliche Gewalt nicht gestattet ist und bestraft werden muss. Dennoch beispielsweise jede vierte Frau schon einmal Gewalt erfahren. Simone Schmollack zeichnet in ihrem Buch „Und er wird es wieder tun!“ auf Basis umfangreicher Studien und zahlreicher Fallbeispiele ein erschreckendes Bild vom Tatort Beziehung. Ihr Buch sowie auch der folgende Kommentar sind ein Weckruf an alle, die Gewalt in der Partnerschaft noch immer verharmlosen und als Privatangelegenheit betrachten.

An einem Sonntag Anfang April beobachten Autofahrer, wie ein BMW auf der Haseltalbrücke im Spessart in Bayern mit der Leitplanke kollidiert. Sie wollen zu Hilfe eilen. Doch als der Fahrer aus dem Wagen steigt, stürzt er sich – nach kurzem Wortwechsel – unvermittelt über das Brückengeländer in die Tiefe. Die Augenzeugen sind geschockt. Zu jenem Zeitpunkt wissen sie noch nicht, dass auf dem Beifahrersitz im Unfallauto eine Leiche liegt – die der Ex-Freundin des Mannes. Den Ermittlungen der Polizei zufolge soll der 31-jährige BMW-Fahrer seine 26-jährige frühere Lebensgefährtin erstochen haben, vermutlich in dem Auto. Die Augenzeugen wissen zu jenem Zeitpunkt ebenso wenig, dass sich hinter dem Vorfall auf der Autobahnbrücke eine sogenannte Beziehungstat verbirgt: Der Mann hat die Frau getötet, weil sie nicht mehr mit ihm zusammen sein wollte.

Der Begriff „Beziehungstat“ verschleiert ein wenig, worum es in dem Fall offensichtlich ging: um Partnerschaftsgewalt. Später nämlich teilen die Polizei Unterfranken und die Staatsanwaltschaft Würzburg mit, dass dem 31-Jährigen bereits gerichtlich verboten worden war, sich seiner Ex-Freundin zu nähern. Der Grund: heftige Gewalt ihr gegenüber.

Zugegeben, Töten ist die krasseste Form von Partnerschaftsgewalt. Aber sie kommt immer wieder vor. 415 Frauen und Männer wurden laut Bundeskriminalamt (BKA) im Jahr 2015 Opfer von vollendetem oder versuchtem Mord oder Totschlag. Die Täter und Täterinnen waren aktuelle oder frühere Partner und Partnerinnen. 331 der Opfer waren weiblich und 84 männlich. Auch die weitere BKA-Statistik zeichnet ein deutliches Bild der Geschlechterverteilung bei Partnerschaftsgewalt: Von den rund 128.000 Betroffenen von Mord, Totschlag, Körperverletzungen, Stalking, Vergewaltigung, sexueller Nötigung in dem Jahr waren knapp 82 Prozent Frauen. 80 Prozent der Täter waren Männer. Etwa die Hälfte der Opfer lebte mit dem Täter zum Tatzeitpunkt unter einem Dach.

Was sagt das aus? Partnerschaftsgewalt ist vor allem Gewalt an Frauen. Das bestätigen ebenso verschiedene Gewaltstudien: Danach erfährt jede vierte Frau zwischen 16 und 85 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben körperliche und/oder psychische Gewalt, meist vom Partner oder Ex-Partner. Häufig gibt es eine regelrechte Gewaltspirale: Aus dem Schlag ins Gesicht wird regelmäßige Prügel, aus leichtem Druck zum Sex schwere Vergewaltigung, aus Beleidigung und Herabwürdigung rasch psychische Gewalt, Kontrolle, Überwachung.

Der Geschlechteraspekt ist wichtig bei der Frage, wer wem was antut. Seit einiger Zahl versuchen manche Medien, ein anderes Bild von Partnerschaftsgewalt zu zeichnen: Demnach sollen Männer genauso oft Opfer von häuslicher Gewalt sein wie Frauen. Und Frauen sollen genauso oft ihre Partner und Ex-Partner verprügeln, sie mit Messern bedrohen, beschimpfen und anspucken. Richtig ist, dass Männer häufig Opfer von Gewalt werden. Richtig ist ebenso, dass Frauen Täterinnen sein können. Nicht richtig ist allerdings, dass Frauen ebenso oft und ebenso stark ihre Partner oder Ex-Partner traktieren, wie das Männer tun.

Ein genauer Blick in die Kriminalstatistik zeigt: Es werden zwar mehr Männer als Frauen verprügelt, ermordet, bedroht, gestalkt, unter Druck gesetzt, seelisch belastet – in der Regel aber nicht von ihren aktuellen oder früheren Freundinnen und Ehefrauen, sondern von anderen, meist ihnen unbekannten Männern. Die Übergriffe passieren zudem meist nicht in den eigenen vier Wänden, so wie das bei häuslicher Gewalt die Regel ist, sondern im öffentlichen Raum: in Restaurants, Kneipen, Spielhallen oder Parks. Wenn Frauen aggressiv gegen ihre Partner werden, dann häufig aus Gegenwehr, und fast nie so brutal wie Männer.

Verharmlost werden darf das trotzdem nicht. Gewalt ist grundsätzlich ein Problem, egal, von wem sie ausgeht und gegen wen sie sich richtet. Ungeachtet dessen ist Gewalt an Männern unzureichend erforscht. Es fehlen – außer den aussagekräftigen Polizeidaten – vor allem qualitative Erhebungen: über Täter und Opfer, zu Verhalten und Motiven, zu Konfliktlagen und Gewaltspiralen. Forscherinnen und Forscher beklagen immer wieder, dass solche Erkenntnisse schwer zu bekommen seien. Weil Männer kaum über ihre Gewalterlebnisse reden. Offensichtlich fällt es vielen Männern schwer, sich als Opfer zu fühlen und zu zeigen. Eine Ursache hierfür scheint das archaische Geschlechterbild zu sein, demzufolge ein „richtiger“ Mann potent, agil und aktiv ist, jemand, der eher angreift als angegriffen wird.

Hier haben Medizin, Psychologie und Genderwissenschaft noch viel zu erforschen. Gewalt ist keine Privatangelegenheit und Partnerschaftsgewalt mitnichten ein „Streit in der Nachbarwohnung“, in den man sich besser nicht einmischt, sondern ist ein gesellschaftliches Problem. Eines, das gebannt werden muss.

In einem Punkt haben die Medien, die jetzt verstärkt Gewalt an Männern in den Blick nehmen, allerdings Recht: Es mangelt an Beratungsstellen und Schutzwohnungen für männliche Gewaltopfer. Auch das ist ein Problem. Hier schließt sich allerdings ein trügerischer Kreislauf: Um mehr Hilfsangebote zu rechtfertigen, braucht es eben eine evidenzbasierte Männerforschung. Dafür müssen Männer bereit sein zu reden. Was wollen sie, was fehlt ihnen? Reden ist kein Verlust an Männlichkeit, im Gegenteil: Reden stärkt Männlichkeit – und senkt (im besten Fall) die Hemmschwelle für Gewalt.

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Simone Schmollack

Simone SchmollackSimone Schmollack ist taz-Journalistin. Sie studierte von 1984 bis 1989 Germanistik und Slawistik in Leipzig und Smolensk (Russland) sowie Journalistik an der Freien Universität in Berlin. Sie ist Autorin mehrerer Bücher.

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