/Kommentare/Prantls Blick – eine Leseempfehlung
Heribert Prantl Heribert Prantl

Prantls Blick – eine Leseempfehlung

Abschied von der Kriegsgeneration. Seht zu, wie ihr zurechtkommt: Dieses Buch ist zartbitter; es ist ein fesselndes, ein verstörendes Buch. Es ist eine Lebensgeschichte, es ist die Familiengeschichte des Kollegen Sebastian Schoepp, Jahrgang 1964, außenpolitischer Redakteur bei meiner, bei der „Süddeutschen Zeitung“ – es ist ein Buch, das ich hier ausnahmsweise einmal richtig ausführlich vorstellen will, weil es ein außergewöhnliches Buch ist. Eine Rezension von Dr. Heribert Prantl.

 Eigentlich mag ich ja die Geschichten nicht, durch die sich von vorn bis hinten das Ich des Autors zieht, ich mag die Ego-Reportagen und die Ego-Bücher nicht; ich mag es nicht, wenn man seine Eltern und die Erlebnisse, die man mit ihnen gehabt hat, wenn man ihre Schwächen und Fehler ans Licht zerrt und seine Eltern zum Exempel, zum vermeintlichen Prototyp ihrer Generation und damit zum Forschungsobjekt macht; sie können sich gegen diese Art von Ausbeutung ja nicht mehr wehren. Trotzdem liebe ich dieses Buch von Sebastian Schoepp, weil es ein ehrliches, radikales und doch versöhnliches Buch ist. Es handelt vom Abschied von der Kriegsgeneration, einem Abschied, der in Alters- und Pflegeheimen vollzogen wird und bei dem die Odyssee durchs Gesundheitssystem zum Alltag gehört. Sebastian Schoepp hat diese deutsche Odyssee mitgemacht – er hat auf den schönen Korrespondentenposten in Buenos Aires, der ihm soeben winkte, verzichtet, ist nicht nach Lateinamerika gegangen und hat sich stattdessen der Pflege der Eltern gewidmet.

Schoepp ist vom Jahrgang her ein Kriegsenkel, von der Familiengeschichte her ein Kriegskind. Der Vater, Jahrgang 1923, hatte als Soldat an der Ostfront gekämpft, die Mutter, zwei Jahre jünger, hatte die Bombennächte in Berlin durchgemacht. Welche traumatischen Erlebnisse sie davongetragen haben mochten, so schreibt Schoepp am Anfang des Buches, „konnte ich nur erahnen“. In seiner Familie regierte ein zähes Schweigen über die Vergangenheit. „Wärste mal in der Kriegsgefangenschaft gewesen, dann würdeste jetzt nicht so ein Theater machen.“ So pflegte Vater Schoepp Mittagessensgespräche zu beginnen. Irgendwann keilte der Sohn zurück: „Das klingt, als würdest Du mir wünschen, auch in einem Lager gewesen zu sein.“ Die Eltern reagierten konsterniert. Wie kam der Junge auf so was? Aber danach war erst einmal Schluss mit der Debatte. Und heute fragt sich Sebastian Schoepp: Hatte er selbst seinen Vater zum Schweigen gebracht? Wie viel Mitverantwortung „tragen wir Kriegskinder an der Sprachlosigkeit der Eltern?“ Und er gibt selbst die Antwort: „Eine ganze Menge“. Und daran liege es vielleicht, „dass keine wirkliche Erinnerungskultur an die deutsche Nachkriegsgeschichte existiert, an Flucht, Vertreibung, Gefangenschaft, Vergewaltigungen“. Es sind solche Gedanken, Schoepps Nachdenklichkeiten, für die man sein Buch hoch schätzt.

„Er  kann nicht gut lügen, weil er nicht gut erzählen kann. Er kann nur gut verschweigen“ – so heißt es bei Uwe Timm in seiner Novelle über „Die Entdeckung der Currywurst“. Sie handelt davon, wie ein Mann nach Hamburg fährt, in die Stadt seiner Kindheit fährt und dort immer wieder Frau Brückner im Altenheim besucht; von der ehemaligen Besitzerin einer Imbissbude lässt er sich die letzten Kriegstage erzählen … Im Buch von Sebastian Schoepp erzählt nicht der Vater dem Sohn von seinen Erlebnissen in sowjetischer Kriegsgefangenschaft bis 1949. Der Sohn selbst beginnt zu lesen und nachzuforschen in Briefen und Unterlagen vom Hilfswerk Berlin. Es ist der erste Heiligabend nach dem Tod der Eltern, an dem der Sohn vor dem Bullerofen mit den Buchenscheiten im elterlichen Häuschen zu recherchieren beginnt und herausbekommt, dass der Vater im „Lager No 7850“ seinen Platz in der Lagerverwaltung hatte, einem Apparat aus Gefangenenselbstverwaltung und Kollaboration. Es war dies ein Außenlager von Krasnogorsk, ein paar Kilometer westlich von Leningrad. Dort wurde der Vater am 26. Juli 1949 entlassen und in einen Zug nach Westen gesetzt.

Vaters Interesse am Sowjetsystem hat Sebastian Schoepp nicht weltanschaulich schockiert. Der Marxismus, so bekennt er, „scheint mir trotz aller Irrtümer und Pervertierungen derer, die ihn missbraucht haben, noch immer die tolerierbarere Weltanschauung im Vergleich zu Faschismus oder gar Nationalsozialismus zu sein“. „Ein Bekenntnis meines Vaters zu Hitler in seinen früheren Feldpostbriefen“, so Schoepp, „hätte mich mehr schockiert.“

Man folgt Schoepp mit steigendem und gespanntem Interesse auf seiner Zeitreise ins Leben seiner Eltern, vom Russlandfeldzug bis ins Pflegeheim – und auf seinen Überlegungen dazu, wie man selbst von seinen Eltern geprägt wird. Es ist kein rührseliges Buch, aber ein anrührendes, ein kritisches, aber kein böses Buch. Es ist ein wunderbares Buch. Es ist eine kleine, 288-Seiten lange Kostbarkeit.

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