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Noam Chomsky: Kampf oder Untergang

Noam Chomsky ist einer der wichtigsten Denker der Gegenwart. Der emeritierte MIT-Professor am weltbekannten Massachusetts Institute of Technology gilt als ein „Mann für alles“. In diesem Buch spricht Chomsky über die großen Fragen: Warum herrscht auf unserer Welt weiterhin so viel Ungleichheit? Leben wir bereits in der Dystopie? Steht die Menschheit am Rande der Selbstauslöschung? Warum begehren die „99 Prozent“ nicht gegen die „Eliten“, die „Herren der Menschheit“, wie Chomsky sie einst nannte, auf? Kaum jemand kann all dies besser beurteilen als Noam Chomsky, der fast ein ganzes Jahrhundert Revolution, Revolte, Krieg und Zerstörung hinter sich hat und dennoch optimistisch ist. Das sollte uns alle ermutigen weiterzumachen, denn einen anderen Ausweg haben wir nicht.

Wer Chomsky zuhört und liest, könnte denken, die Welt sei dem Untergang geweiht. Wir leben in einem Zeitalter, das immer mehr einer Dystopie gleicht, in welcher Krieg und Terror in manchen Teilen der Welt zum alltäglichen Schrecken geworden sind, während sie anderswo nur als Hintergrundrauschen der medialen Dauerbeschallung wahrgenommen werden. Mit dem Beginn des nuklearen Zeitalters hat die Menschheit die Kapazitäten entwickelt, sich selbst und alles Leben auf der Erde auszulöschen. Dem Abgrund, der totalen Zerstörung unseres Planeten, sind wir heute so nahe wie nie zuvor. Der Katastrophe des Klimawandels rasen wir in stinkenden SUVs und Billigfliegern sehenden Auges entgegen und beschleunigen dabei sogar noch unsere Geschwindigkeit. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Eskalationsstufe erreicht sein wird. Wer wird dann noch garantieren, dass im Kampf um Ressourcen und militärische Vorherrschaft die USA ihr Atomwaffenarsenal wirklich nur als Drohszenario und nicht zur »Ultima Ratio« einsetzen? Ganz sicher nicht ihr derzeitiger Präsident, der via Twitter verkündet, dass der Klimawandel ein Märchen sei, anderen Staatschefs mit Krieg droht und Geflüchtete entmenschlicht. Doch die Person Trump ist nicht das eigentliche Problem. Es ist das System, das den Aufstieg einer solchen Person ermöglicht hat. Es ist die Idiokratie, in der wir tagein und tagaus leben.

Doch so schlimm es auch steht, dürfen wir hoffen und optimistisch bleiben. Noam Chomsky ist – und das mag viele überraschen – einer dieser Optimisten. In seiner neuen Heimat Tucson, Arizona, lebt und lehrt er diesen Optimismus. Die Universitätsstadt ist geprägt von verschiedenen Völkern und Kulturen. Der Name der Stadt hat seine Wurzeln in der Sprache der Tohono-O’Odham-Indianer, und man findet auf ihren Straßen so ziemlich alles und jeden, was man sich vorstellen kann. In der mit Kakteen bewachsenen Wüstenstadt gibt es Moscheen, Synagogen und Kirchen inmitten von Indianerkultur und einem Hauch von Wildem Westen. Aufgrund der Nähe zur südlichen Grenze ist Spanisch ebenso präsent wie Englisch. Nicht wenige Einwohner Tucsons haben Freunde und Verwandte auf der »anderen Seite«. Doch mit dem Beginn der Trump-Ära wurde entlang der Grenze ein trauriger und brutaler Höhepunkt erreicht. Geflüchtete aus Süd- und Zen­tralamerika gelten für die US-Behörden als »Unmenschen«, um es mit George Orwell auszudrücken. Man will sie nicht nur mittels einer Mauer und schmutzigen Deals mit der mexikanischen Regierung fernhalten, sondern jagt diese Menschen bewusst meilenweit die Grenze entlang und oft sogar bis in den Tod. Genau das und nichts anderes ist die Aufgabe amerikanischer Grenzwächter, die Geflüchtete davon abhalten, das »gelobte Land« im Norden zu erreichen: Menschen in den Tod zu schicken. Dies beschreibt etwa Francisco Cantú, ein ehemaliger Grenzwächter, in seinem Buch No Man’s Land: Leben an der mexikanischen Grenze, das in diesem Jahr veröffentlicht wurde. Er und seine einstigen Kollegen hätten regelmäßig Geflüchtete, die sie in der Wüste antrafen, in den sicheren Tod geschickt, etwa indem sie ihnen einfach die falsche Richtung zeigten und behaupteten, dass dies der Weg in die nächste Stadt sei. Die Grenzwächter sind auch bekannt dafür, gezielt nach Lebensmittel- und Wasserdepots, die von Aktivisten angelegt wurden, zu suchen und diese zu zerstören. Im Auftrag der US-Regierung kämpften Cantú und seine Kollegen gegen das Überleben auf der Flucht. Sie waren auf der Seite des Todes – und agierten im Grunde genommen wie kaltblütige Mörder. Doch während Cantú den Schrecken hinter sich gelassen hat, hat sich die Realität entlang der Grenze kaum verändert.

In Tucson wollen sich viele Menschen damit nicht abfinden und nehmen das Schicksal selbst in die Hand. Regelmäßig ziehen Aktivisten in die Wüste, schlagen Zelte auf und verstecken dort Wasserrationen für jene, die womöglich am nächsten Tag zufällig vorbeikommen und kurz vor dem Kollaps stehen. Debra May gehört zu jenen Tucsonans – wie sich die Einwohner der Stadt selber nennen –, die derartige Kampagnen unterstützen. »Wir können doch nicht zusehen, wie Menschen an der Grenze regelrecht ermordet werden. Unsere Regierung ist hierfür maßgeblich mitverantwortlich, und das ist eine absolute Schande. Ich schäme mich, doch ich weiß auch, dass viele Menschen in meiner Stadt sich dagegen mit allen Mitteln wehren«, sagt sie. May, von Beruf Glasbläserin, lebt seit Jahrzehnten in Tucson. Dass Donald Trump im Weißen Haus sitzt, gefällt ihr ganz und gar nicht: »Ich bin der klassische Bernie-Fan«, sagt sie stolz. Umso glücklicher ist die ältere Dame, dass Chomsky in ihrer Stadt lebt und lehrt. Und auch in dieser Rolle wird der Philosoph und Linguist seiner Rolle als »public intellectual« gerecht. Er bietet nämlich nicht nur Veranstaltungen für Studenten an, sondern auch für alle anderen, die Interesse haben. »Dieser Mann hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Öffentlichkeit aufzuklären. Er widmet sich dieser Aufgabe voll und ganz. Wir wissen das und schätzen ihn sehr«, so May.

Tatsächlich ist es so, dass jener Mut zur Tat, den Chomsky immer wieder einfordert, in Tucson vorzufinden ist. Dies geschieht nicht nur an der tödlichen Grenze zu Mexiko, sondern auch anderswo. »Wir haben verschiedene Programme, mit denen wir Geflüchtete integrieren wollen. Oftmals geht es am Anfang um sehr grundlegende Dinge, sprich, wir suchen für sie und ihre Familien eine Arbeitsstelle und eine Unterkunft«, meint die Aktivistin Nejra Sumic, die sowohl in Tucson als auch in der benachbarten Großstadt Phoenix aktiv ist. Laut Sumic versuchen mehrere Organisationen im ganzen Land, den US-Kongress dazu zu bewegen, mehr Geflüchtete aufzunehmen. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, wenn man bedenkt, dass viele Konflikte, vor denen Menschen gegenwärtig fliehen, von den Vereinigten Staaten geschürt worden sind. Nejra Sumic hat selbst einen Fluchthintergrund. Ihre Familie floh in den 1990er-Jahren aus Bosnien, als dort der Jugoslawienkrieg tobte. Ihre lange Flucht endete letztendlich in Arizona. Da sie zwischenzeitlich mehrere Jahre in Spanien verbrachte, hatte sie auch keine Probleme, sich zu verständigen: »Hier ist Spanisch sehr verbreitet. Wir konnten uns deshalb sehr gut verständigen, bevor wir überhaupt richtig Englisch lernten«, sagt Nejra, die heute unter anderem mit Afghanen, Syrern, Somaliern zusammenarbeitet. In Tucson wird deutlich, dass das Land viele Facetten hat und wir in den europäischen Medien nur einen kleinen Ausschnitt präsentiert bekommen. Auch wir haben Zerrbilder vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten im Kopf, die den vielen Menschen nicht gerecht werden, die sich hier kreativ und engagiert für eine bessere Welt einsetzen.

Noam Chomsky

Noam ChomskyNoam Chomsky, geboren 1928, ist Professor emeritus für Sprachwissenschaft und Philosophie am M.I.T. Er hat die moderne Linguistik revolutioniert und zahlreiche Bestseller verfasst. Chomsky ist einer der weltweit bekanntesten linken Intellektuellen und seit jeher ein prominenter Kritiker der amerikanischen Politik wie auch des globalen Kapitalismus.

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