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Noam Chomsky: Einer der Letzten seiner Art und sein Vermächtnis

In Kampf oder Untergang gibt Noam Chomsky einen faszinierenden Einblick in sein Denken und liefert Prognosen für die Welt im 21. Jahrhundert. Emran Feroz, Journalist und Aktivist, der unter anderem zum illegalen Drohnenkrieg der USA schreibt, hat mit Chomsky über die wichtigsten Fragen der Gegenwart gesprochen: Krieg und Flucht, Klimapolitik und Neoliberalismus, Künstliche Intelligenz im atomaren Zeitalter. Am 7. Dezember 2018 feiert Noam Chomsky seinen 90. Geburtstag: Er erinnert sich an die Schrecken des Krieges im 20. Jahrhundert und setzt sich heute entschlossen gegen die neuen Rechten ein – in den USA und zuletzt auch bei einem Besuch in Brasilien. Emran Feroz kommentiert.

Während weite Teile der westlichen Welt sich kaum für die jüngsten Präsidentschaftswahlen in Brasilien interessierten und elitäre Wirtschaftskreise den neofaschistischen Jair Bolsonaro als „ihren Kandidaten“ favorisierten, reiste Noam Chomsky, mittlerweile fast neunzig Jahre alt, gemeinsam mit seiner Frau Valeria ins Land und stattete den eingesperrten Ex-Präsidenten Lula da Silva einen Besuch im Gefängnis ab. Dieser ist kein einfacher Inhaftierter, sondern wurde vielmehr von den neoliberalen Eliten, die die Macht im Land abermals an sich gerissen haben, nach einem fadenscheinigen Prozess im vergangenen Jahr ins Gefängnis befördert. Seitdem gilt er als erster politischer Gefangener Brasiliens seit dem Ende der Militärdiktatur.

Daran wird sich auch in naher Zukunft nichts ändern, wie das Ergebnis der Wahlen deutlich gemacht hat. Gewonnen hat nämlich ebenjener Bolsonaro, der von einigen Beobachter als „Trump der Tropen“ bezeichnet wurde. De facto trifft diese Beschreibung nicht ganz zu. Bolsonaro ist nämlich ein bekennender Rechtsextremist und glühender Faschist, der von all den demokratischen Entwicklungen, die Brasilien in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat, nichts hält – und zwar absolut gar nichts. Stattdessen möchte er die Diktatur des Militärs wieder aufleben lassen, die indigene Bevölkerung dem Erdboden gleichmachen und voll im Dienste jener stehen, die seinen Sieg erhofften, darunter auch Washington und die Wall Street.

Mit dem Sieg Bolsonaros ist jener „Worst Case“ eingetreten, vor dem Chomsky während seines Besuchs in Brasilien gewarnt hatte. Bereits zuvor hat der ehemalige MIT-Professor regelmäßig darauf hingewiesen, dass es wortwörtlich fünf vor zwölf sei. Konkret bedeutete dies, dass die Menschheit ihrem Untergang geweiht sei, sofern sich in politischer Hinsicht nicht bald etwas verändern würde. Verantwortlich hierfür war vor allem die Wahl eines „infantilen Größenwahnsinnigen“, wie Chomsky Donald Trump bezeichnete. Ein Mann, der das Potenzial habe, die ganze Welt zu zerstören, während er gleichzeitig auf Twitter eine Hasstirade nach der anderen ablässt.

Während anderswo, etwa in Europa, kleinere Trump-Konsorten ebenfalls erfolgreich gewesen sind und mittlerweile ihre alltägliche Dosis Hass in den Parlamenten versprühen und dadurch die Europäische Union gefährden, ist der neue brasilianische Präsident gewiss einige Nummern größer. Dass Chomskys Warnung vor Bolsonaro um einiges lauter ist als die von anderen Beobachten, wird nur seiner Rolle gerecht.

Es ist die Rolle eines Giganten, der nun seit fast einem Jahrhundert präsent ist und sich – wie er selbst sagt – seiner Verantwortung in der Welt bereits im frühen Kindheitsalter bewusst geworden ist. Viele von uns, vor allem Menschen aus meiner eigenen Generation, kennen vor allem den alten Chomsky. Er wirkt wie ein gutmütiger Universitätsprofessor, der für uns alle da ist, ein Methusalem, neben dem selbst die 68er jung und naiv aussehen. Der junge Chomsky veröffentlichte seinen ersten Artikel in einer Schülerzeitung. Er war damals zehn Jahre alt und schrieb über den Aufstieg des Faschismus in Europa.

Richtig gelesen.

Noam Chomsky wuchs als Kind jüdischer Eltern in Philadelphia auf. Er hörte Hitlers Reden im Radio und obwohl er kein Deutsch konnte, verstand er sehr wohl die Begeisterung der Menschen, die ihrem Führer zujubelten. Zeitgleich fanden viele Iren und Deutsche in der Nachbarschaft seiner Familie Hitler in Ordnung und machten keinen Hehl aus ihrem Antisemitismus.

Erfahrungen wie diese bewegen auch Chomsky heute zu dem, was er macht und sagt. Umso bedauerlicher ist allerdings, wie er von etablierten Kreisen in den eigenen Reihen weiterhin ignoriert und teils sogar verachtet wird. Auch dies wurde während seiner jüngsten Reise mehr als deutlich. In Brasilien hatte Chomsky nämlich einen Termin nach dem anderen und wurde von ganzen Fangemeinden, darunter etwa Politiker wie der linke Präsidentschaftskandidat Fernando Haddad, empfangen und – zurecht – wie ein Held gefeiert. Währenddessen wird er in seiner amerikanischen Heimat vom Mainstream weiterhin gemieden.

Doch auch dieser Umstand hat Chomsky nie überrascht. Als Dissident, der sich um das Wohl seiner eigenen Gesellschaft am meisten sorgt und diese deshalb auch am heftigsten kritisiert, ist er sich der Folgen seines Handels und der politischen Realität in seiner Heimat bewusst. Nicht nur in den USA, sondern auch in anderen westlichen Staaten ist es mittlerweile zu völlig normal geworden, ausländische Dissidenten, seien diese nun Chinesen, Iraner oder Russen, als Heilige zu betrachten, während die Kritiker in den eigenen Reihen gebrandmarkt und verteufelt werden.

Viele Intellektuelle, ob nun Journalisten oder Universitätsprofessoren, lassen sich davon einschüchtern. Zum Glück hat Chomsky nie zu ihnen gehört. Seit Jahrzehnten geht er seinen eigenen Weg und tut dies auch im Jahr 2018 entschlossener denn je. An den Ruhestand denkt Noam Chomsky nicht. Stattdessen wird er weiterhin seiner Rolle als „public intellectual“ gerecht, unter anderem etwa, indem er seit rund einem Jahr an der Universität von Arizona Linguistik lehrt und auch Veranstaltungen anbietet, die für jeden zugänglich sind.

In diesem Kontext sollte man allerdings nicht vergessen, dass Noam Chomsky zu den Letzten seiner Art gehört. Viele seiner Wegbegleiter sind bereits verstorben, darunter etwa der Historiker Howard Zinn, der Literaturkritiker Edward Said oder der Politologe Eqbal Ahmad. Alle drei galten nicht nur als brillante Akademiker, die den bestehenden Konsens brachen, sondern auch als politische Aktivisten, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzten. Es ist Chomsky, der weiterhin versucht, die Fackel ans Ziel zu bringen. Doch es ist die Aufgabe der jungen Generation, ihm dabei behilflich zu sein. Ob man will oder nicht, eines Tages muss das Feuer übernommen werden – und auch dann muss es brennen. In diesen dunklen Zeiten erst recht.

 

Emran Feroz

Emran FerozEmran Feroz, geboren 1991, arbeitet als freier Journalist mit Fokus auf Nahost und Zentralasien, unter anderem für Die Zeit, taz, Al Jazeera und die New York Times. Er berichtet regelmäßig aus und über Afghanistan und den US-amerikanischen Drohnenkrieg und hat mit "Tod per Knopfdruck" (2017) ein Buch darüber geschrieben. Feroz ist Gründer von "Drone Memorial" (www.dronememorial.com), einer virtuelle Gedenkstätte für zivile Drohnenopfer.

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