/Kommentare/Noam Chomsky – der letzte seiner Art?

Noam Chomsky – der letzte seiner Art?

Noam Chomsky ist einer der wichtigsten Denker der Gegenwart. Der emeritierte MIT-Professor am weltbekannten Massachusetts Institute of Technology gilt als ein „Mann für alles“. In seinem Buch „Kampf oder Untergang!“ spricht Chomsky mit Emran Feroz über die großen Fragen: Warum herrscht auf unserer Welt weiterhin so viel Ungleichheit? Leben wir bereits in der Dystopie? Steht die Menschheit am Rande der Selbstauslöschung? Warum begehren die „99 Prozent“ nicht gegen die „Eliten“, die „Herren der Menschheit“, wie Chomsky sie einst nannte, auf? Kaum jemand kann all dies besser beurteilen als Noam Chomsky, der fast ein ganzes Jahrhundert Revolution, Revolte, Krieg und Zerstörung hinter sich hat und dennoch optimistisch ist. Das sollte uns alle ermutigen weiterzumachen, denn einen anderen Ausweg haben wir nicht. Nun ist das Buch in einer aktualierten Neuausgabe erschienen – ein Auszug aus dem Vorwort.

Noam Chomsky ist nicht zufällig zu einem der bekanntesten und einflussreichsten Intellektuellen der Welt geworden. Die meisten seiner Analysen haben deutlich gemacht, dass er sich seine Stellung redlich verdient hat. 2020 und 2021 gehören womöglich zu den dystopischsten Jahren der jüngeren Menschheitsgeschichte. Während weite Teile der Welt von Krieg, Armut und einer fürchterlichen Pandemie heimgesucht werden, zieht Chomsky, der mittlerweile auch aufgrund seiner Erscheinung (längere Haare und Vollbart) wie eine Art Methusalem wirkt, mit seinen Analysen und Beobachtungen weiterhin alle Blicke auf sich. Der Grund hierfür ist mehr als offensichtlich: Was Chomsky sagt, hallt bei sehr vielen Menschen noch lange nach. Während die Welt aufgrund der Corona-Pandemie stillzustehen scheint, fand Chomsky in nüchterner und sachlicher Manier auch hier die richtigen Worte und machte darauf aufmerksam, dass das Virus zwar ein ernstzunehmendes Problem sei, allerdings gewiss nicht das größte. Die Menschheit hat in der Vergangenheit auch andere Pandemien gemeistert. Problematisch sei allerdings die Privatisierung und Neoliberalisierung des Gesundheitssystems in vielen westlichen Ländern. Dies hat nicht nur zu einer massiven Überlastung der Krankenhäuser geführt, sondern auch deutlich gemacht, dass Pharmaunternehmen weiterhin in erster Linie an ihren Profit denken und nicht an Menschenleben. Dass ebenjene Akteure auch die Forschung in ihren Händen haben, ist ebenso problematisch.

Der typische Optimismus Chomskys ist in Sachen Corona dennoch zu spüren. Er ist in diesem Kontext berechtigt, wenn man an andere Probleme denkt, die sich nicht einfach wegimpfen lassen: die Gefahr des Atomkrieges sowie der globale Klimawandel. Es sind diese zwei Dinge, die Chomsky immer wieder anspricht, und tatsächlich scheinen sie in der aktuellen Pandemie in den Hintergrund gerückt zu sein. Dabei gibt es nichts, was die Menschheit mehr bedroht. Die Covid-Pandemie hat deutlich gemacht, wie leicht unsere Gesellschaften ins Wanken geraten können. Tatsächlich sind wir instabiler als wir es dachten. Was mag wohl passieren, wenn Millionen von Menschen in Afrika und Asien gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen, weil sie dort aufgrund von Hitze oder Überschwemmungen nicht mehr leben können? Wie wird die westliche Welt auf Millionen von Klimaflüchtlingen reagieren? In Sachen Atomkrieg grenzt es ohnehin schon an ein Wunder, dass dieser unter einem Präsident Trump nicht ausgebrochen ist. Die Gefahr der totalen Vernichtung besteht allerdings weiterhin, wenn man all jene Kriegsschauplätze in Betracht zieht, die gegenwärtig existieren.

Noam Chomsky nimmt einen großen Raum in der Öffentlichkeit ein, und dieser lässt sich von meiner Generation – ich bin Jahrgang 1991 – nicht füllen. Sie hat nämlich, zu diesem Schluss bin ich leider gekommen, in keinerlei Hinsicht von Menschen wie Chomsky gelernt. Stattdessen führt sie oberflächliche Debatten in den virtuellen Räumen des Superkapitalismus. Anders kann man die Produkte des Silicon Valleys nicht bezeichnen. Natürlich haben auch sie im Kontext der Pandemie an Bedeutung gewonnen. Wer kommuniziert nicht über WhatsApp? Wer inszeniert sich nicht ein wenig über Instagram, während er den Nachrichtenstream auf Twitter verfolgt? Das soziale Leben, wie es die Generationen vor uns kannten, existiert nicht mehr. Aufgrund von Corona wurde nun ein vorläufiger Tiefpunkt erreicht. Wir sind praktisch gefangen in unserer eigenen Wohnung, und die allermeisten von uns leben gewiss nicht in einem großen Haus mit Garten, sondern in einem überteuerten Appartement in einer, in diesen Tagen extrem tristen Großstadt. Hier verweilen wir, während wir uns von Amazon und Co. beliefern lassen, während wir Netflix und anderweitige Dienste en masse konsumieren. Der Mensch ist ein soziales Wesen, doch unser Alltag hat immer weniger mit dieser Realität zu tun. »Die Krise kann genutzt werden um sich folgende Frage zu stellen: Wollen wir wirklich so leben?«, so lautet Chomskys Resümee zum aktuellen Geschehen.

Emran Feroz

Emran FerozEmran Feroz, geboren 1991, arbeitet als freier Journalist mit Fokus auf Nahost und Zentralasien, unter anderem für Die Zeit, taz, Al Jazeera und die New York Times. Er berichtet regelmäßig aus und über Afghanistan und den US-amerikanischen Drohnenkrieg und hat mit "Tod per Knopfdruck" (2017) ein Buch darüber geschrieben. Feroz ist Gründer von "Drone Memorial" (www.dronememorial.com), einer virtuellen Gedenkstätte für zivile Drohnenopfer.

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