/Kommentare/Murt, der Ire

Murt, der Ire

Sigmund Freud befand, die Iren seien das einzige Volk der Erde, dem durch Psychoanalyse nicht zu helfen sei, sie seien voller Widersprüche und immun gegen rationale Denkprozesse. Ein ungerechtes Urteil. Aber vielleicht doch nicht ganz daneben.“ Trocken und torfig wie ein irischer Whisky, rau wie die See und mit berührender Fröhlichkeit legt Dirk Koch in seinem Erzählband „Murt, der Ire“ die irische Seele offen und spürt dem alten Irland nach, das er vor dem Vergessen bewahren will. Jenem Irland, dass trotz lange errungener staatlicher Unabhängigkeit noch immer geprägt ist von den Jahrhunderten bitterer Armut und brutaler Ausbeutung durch die britischen Landlords oder dem strengen Regiment der katholischen Kirche. „Es war trotz allem ein gutes Leben: Weil alle nicht viel hatten und nicht das Geld für den Rang maßgebend war. Andere Vorzüge zählten. Wechselseitige Hilfsbereitschaft war selbstverständlich. Wer konnte im Pub, dem eigentlichen Mittelpunkt der Gemeinde, am besten singen, am besten Geige oder Flöte spielen, am besten tanzen, am besten Geschichten erzählen? Es kam darauf an, dass einer ein netter Kerl war, nicht darauf, ob er sich schon wieder ein neues Auto leisten konnte.

Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Kapitel „Das Fass“.

 

»Ich habe den Schnee fallen gehört«, sagt Murt zu seinem Enkel.  »Es war nur ein Hauch auf dem Trommelfell. Aber ich habe den Schnee gehört.«

Der Großvater nickt zu Harry hin. Er flüstert. »Ich habe den Schnee gehört. Er fiel durch den Himmel auf alles Lebendige und alles Tote. Schnee fiel auf die reifen Brombeeren, das habe ich gehört. Schnee fiel auf die Weiden. Ich habe es gehört. Er fiel auf die Steine am Bach und auf das Gras am Bach.«

»Großvater«, sagt das Kind in das Dunkel der Höhle hinein, »hier draußen ist kein Schnee.«

»Das macht gar nichts«, kommt es zurück aus dem Loch im Felsen. »Meinen Schnee kann man nur hören. Du kannst ihn nicht sehen.«

Nach einer Weile antwortet Harry.

»Ich glaube, jetzt höre ich den Schnee auch.«

Der Junge hat seinen Großvater gern, mindestens so gerne wie den Vater und fast so gerne wie die Mutter.

Im nebeligen Dämmern husten Kühe; man hört, wie sie das Gras der Wiese rupfen unten am Bach. Es nieselt.

Auf die nackten Hacken gekauert, rückt Harry seine Füße vor, schiebt sich näher an den Höhleneingang. Er riecht den wildscharfen Saft der nassen grünen Farne, die er unter sich zerquetscht. Großvater trinkt heute den dritten Tag.

Murt hat sich auf den schrundigen Boden im Pulverloch gelegt, die wirren schwarzen Locken an einen runden Stein gelehnt. Das Loch ist vom Fahrweg aus nicht einzusehen.

Harry kennt die Geschichten über das Versteck. Von den frühen Winterabenden her, am Torffeuer, wenn zu Hause alle auf den niedrigen Stühlen und Hockern beisammen sitzen, wenn mal der Vater erzählt, mal der Großvater oder eine Nachbarin.

Bergleute haben das Loch hineingemeißelt in den schwarzgrauen Granit, knapp mannshoch; in der Breite wie in der Tiefe sind die trockenen Wände bei ausgestreckten Armen zu ertasten. In alter Zeit stapelten sie hier die Schwarzpulverfässer und die Zündschnüre. Für die Sprengungen in der Kupfermine gleich nebenan, einem gezackten Höhleneingang ebenerdig in der Felswand zwischen den buckligen Kleewiesen, vor dem Brombeerranken und Efeu bis in die Brennnesseln hängen.

Vater und Mutter und der Großvater auch haben Harry streng verboten hineinzugehen. Der Großvater hat ihn an der Hand genommen und ihm an einem sonnigen Tag gezeigt, weshalb. Er hat ihnen einen Pfad durch die Brennnesseln getreten und den Blättervorhang mit seinem Schwarzdornstock beiseitegeschoben. Die Sonne schien in die Höhle. Der Gang auf dem Felsenboden endete an einem großen viereckigen Loch. Schwarzes Wasser stand bis an den Rand. Es roch faulig.

»Da sind die früher runter«, hat der Großvater gesagt und den Jungen fester an der Hand gepackt. Die Grube sei dann abgesoffen, als man die Mine aufgegeben und keiner mehr gepumpt habe.

Die Nachbarn meiden den Ort. Sie sagen: »Die toten Kinder.«

Ob er sich nicht fürchte, fragt der Junge, der sich zum Großvater ins Pulverloch gezwängt hat.

Eine Fliege summt um Großvaters Gesicht. Der hat die Augen geschlossen. Im Loch riecht es nach staubigem Stein und würzigem, süßen Rum.

»Schläfst du?«

»Wie?«

Großvater öffnet ein Auge, und es dauert, bis er die dunklen Umrisse des Kindes erfasst.

Ob er sich nicht fürchte, fragt der Junge wieder, vor den Geistern?

»Geister?« Er hält die Hände in Augenhöhe. »Sind blau und grün. Siehst du?«

»Sind sie nicht. Hör auf damit, Großvater. Vor den Geistern der Kinder. Du weißt schon.«

»Nein, nein, nein, nein«, murmelt der Betrunkene. »Wie die Katzen, die Geister.«

Er kratzt sich im grauen Bartgestoppel, macht die Augen wieder zu. »Verlassen nicht gern den Ort, zu dem sie gehören. Sind nur in der Mine.«

Andere Geister seien schon oft bei ihm gewesen, fügt er an, beim Trinken, »hab’n mir nix getan.«

»Und was ist«, fragt Harry weiter, die Unterarme in der Hocke um seine Beine verschränkt, »wenn der Colonel Stoneman kommt? Der die zu starke Ladung gezündet hat und der den Hass auf alle Iren hat? Von dem du immer erzählt hast.«

Der Großvater richtet sich halb auf. Er greift eine Hand des Jungen, streichelt sie. »Gibt’s hier nicht. Is’ zur Hölle gefahren. In England. Lump der, gottverdammter.« Er spuckt auf den Felsenboden.

»Großvater. Der den Hass auf alle Iren hat – was bedeutet das eigentlich?«

Der Mann kratzt sich wieder, zieht lächelnd den Jungen in seinem dünnen Hemd und halblangen Hosen näher zu sich heran. »Ist dir auch nicht zu kalt?«, und spricht in das Kopfschütteln Harrys hinein: »Weiß auch nicht so genau.« Seine Stimme ist wieder mehr von dieser Welt, die Welle der Trunkenheit weicht zurück.

»Waren immer die Worte von meinem Vater, wenn der davon erzählt hat. Bei der Sprengung ist der Kriechgang eingestürzt mit zwei Dutzend irischen Kinderarbeitern drin und der Master Stoneman hat den anderen befohlen, macht weiter mit dem Steinebrechen, und hat gesagt, nicht schade um die irischen Ratten, und die anderen Kinder haben das Wimmern und Rufen noch zwei Tage lang gehört.«

»Warum hat denn keiner den Kindern geholfen? Die Väter und die Mütter von denen hätten die doch da rausholen können, oder so?«

Der Mann zuckt die Schultern. »Weiß nich’. Die Briten hab’n die nich’ in die Mine gelassen. Könnte jedenfalls sein. Ich weiß nich’.«

Großvater beugt sich vor, und Harry sieht im Halbdunkel das Schimmern des schweren runden Silberrings an seinem Ohr und denkt, dass sein Großvater noch wie ein Mann aussieht und nicht wie ein Alter, so wie die Großväter von den Jungen in der Schule. Der Großvater streckt den rechten Arm aus, die Ärmel des Pullovers und des Unterhemds rutschen zurück, die Muskeln wie Holz, kantig und knotig, als seien sie geschnitzt. Er zieht Mutters Wasserkessel vom Höhlenende gegenüber zu sich heran, zwischen seine erdig braunen nackten Füße. Die wulstige Hornhaut an Zehen und Sohlenrändern ist rissig schwarz.

Er hebt den gusseisernen Kessel am Henkel an, legt den Kopf zurück, das dichte – immer noch dunkle – Haar staut sich im Nacken, und zieht aus der Kesselschnute einen langen Schluck und dann noch einen und stöhnt auf voll des Genusses und wischt sich mit dem Handrücken die Rumspritzer von den Lippen und vom Kinn.

Der Kessel ist schwarz gebrannt von der Torfglut im Küchenkamin. Die ist immer da, Tag und Nacht, Sommer und Winter.

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Dirk Koch

Dirk KochDirk Koch, Jahrgang 1943, war zwischen 1973 und 1997 Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros in Bonn. Er deckte 1981 die Flick-Spendenaffäre auf, in deren Folge Otto Graf Lambsdorff zurücktreten musste. Dirk Koch begleitete ab 1969 Helmut Schmidt auf seinen Reisen nach Moskau, der dort Wege einer Entspannungspolitik erkunden wollte, und fuhr 1970 mit Willy Brandt in dessen Sonderzug Richtung Erfurt, um der DDR den ersten Kanzlerbesuch abzustatten. Dirk Koch lebt in der Nähe von Bonn und in Irland.

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