/Kommentare/Meine Expeditionen zu den Archipelen der Reichen und Einflussreichen: Wie ich auf den „Gorilla“ stieß

Meine Expeditionen zu den Archipelen der Reichen und Einflussreichen: Wie ich auf den „Gorilla“ stieß

Regierungen und Reiche profitieren von der Corona-Krise. Sie haben mehr Macht und Geld, predigen Moral, aber sie lösen die Krise nicht. Im Gegenteil: Corona stellt den sozialen Sprengsatz scharf, der die Spaltung der Gesellschaft durch Verschuldung, Ausgrenzung und Verteilungskonflikte um Impfstoff weiter vorantreibt. Hans-Christian Lange, Ex-Kanzleramtsberater und BMW-Manager, der 2016 mit SOCIAL PEACE die erste Band- und Leiharbeitergewerkschaft gründete, sagt den Macht- und Geldeliten in seinem neuen Buch den Kampf an. Er fordert ein „Bündnis der Betrogenen“, eine Bewegung von unten mit neuen Werten, neuen öko-sozialen Zielen und einem neuen Gemeinsinn. Ein Kommentar.

Auch in diesem Jahr verschieben Konzerneliten und ihre Lobbygruppen wieder ca. 100 Milliarden Dollar an Gewinnen von Deutschland aus in „Steuersümpfe“ ins Ausland – und entziehen damit dem eigenen Land Steuergeld für wichtige Investitionen nach der Pandemie.[1]

Für mich ist das die bittere Konsequenz aus der Fehlentwicklung, die die Finanz- und auch die Politikkasten seit Jahrzehnten kennzeichnet. Leider haben zu wenige Mitbürger Informationen über das Denken und Handeln in Wirtschafts- und Machtzentralen. Ich konnte schockierende Einblicke in die geheimen Zirkel der Geld- und Machteliten dagegen schon vor vielen Jahren sammeln – zuerst als Kanzleramtsberater in den Kreisen hochrangiger Politiker. Später gelingt es mir, in den streng abgeriegelten innersten Zirkel der Wirtschafts- und Finanzelite Europas vorzustoßen. Mir erschien das wie eine Expedition in ein hermetisch abgeriegeltes Biotop, in dem sich eine seltene Spezies aufhielt: Dort erlebte ich persönlich, wie oberste Kreise von Reichen und Einflussreichen sich durch Herrschaftswissen ungeheure Vorteile gegenüber der Normalbevölkerung verschaffen und wie sie die Grundlage für die heutige Machtzusammenballung der oberen Kasten gelegt haben.

Schließlich begegnete ich auch einem Exemplar dieser Spezies, das beispielhaft den radikalen Kapitalismus des 21. Jahrhundert verkörperte. Es handelte sich um Richard Fuld, den späteren Boss von Lehman Brothers. Er war in Businesskreisen unterwegs, in die es mich durch meine Konzerntätigkeit auch ab und zu verschlug. Er wurde dort in diesen Insiderkreisen mit dem Spitznamen „der Gorilla“ bezeichnet – wohl wegen seiner besonders rüden Managementmethoden.

Denn Fuld verkörperte in den USA, wofür inzwischen auch eine neue Generation deutscher Manager stand und steht: Der Typus des sozialdarwinistisch geprägten Unternehmensanführers. Und Fulds Antwort auf die etwas fiese Anspielung eines Menschenaffen war typisch: Er stellte sich als Gegenprovokation einen ausgewachsenen, ausgestopften Gorilla in sein Büro in der Nähe der Wallstreet, nur, um seinen angeblich schlechten Ruf noch zu unterstreichen. Denn er war stolz auf dieses Schimpfwort und versuchte ihm weiterhin alle Ehre zu machen.

Die Büros von Lehman Brothers lagen im World Trade Center, das an 9/11 angegriffen und zerstört wurde. Trotzdem kam der Boss nach dieser großen menschlichen Tragödie nicht etwa auf die Idee, eines seiner Jahresgehälter von angeblich 100 Millionen US-Dollar an die Familien der Opfer zu spenden. Er zögerte nach dieser Katastrophe nicht, Lehman Brothers in die nächste Katastrophe hineinzutreiben: Er zockte bei dem Milliardenspiel auf Kosten ahnungsloser Anleger, Sparer und Hausbesitzer mit. Als diese gewaltige, faule Blase platzte, riss das andere Banken sowie die gesamte Welt in den größten Crash seit dem Zweiten Weltkrieg und dem Schwarzen Freitag von 1929.

Jetzt aber nahmen ein paar andere „Raubtiere“, mit denen er nicht gerechnet hatte, seine Spur auf. Sie rächten sich an ihm. Sie schlugen ihn mit seinen eigenen Waffen. Sobald einer aus der Gruppe, mit dem noch alte Rechnungen offen waren, angebissen war und Blut im Wasser war, lockte das andere „Haifische“ an. Weder die amerikanische Regierung noch andere Großbanken sprangen Lehman mit Notkrediten zur Seite. Der „Gorilla“ riss Lehman Brothers und alle seine Mitarbeiter mit sich in die Tiefe. Er zerstörte die Bank mit dem legendären Ruf, die die Söhne eines bayerischen Viehhändlers etwa 160 Jahre zuvor mühsam aufgebaut hatten.

Der toxische Fallout dieser Implosion und des Finanzcrashs verbreitete sich weltweit und ließ ganze Gesellschaften ein paar Stockwerke nach unten fallen. Für den „Gorilla“ aber galt das Gegenteil: Im Gegensatz zu den Opfern prallte er nicht hart auf, sondern landete sogar weich. Das beobachtete ich persönlich als entscheidende Gemeinsamkeit: Es ist eine Tragödie, dass die deutsche Managementkultur ihre Prinzipien aufgab und sich den angelsächsischen Kapitalismusregeln unterwarf. Seitdem liebten und leben viele dies- und jenseits des Atlantiks das Prinzip der „schöpferischen Zerstörung“.

Diese Entwicklung kulminierte in der Corona-Krise. Ich ziehe darum die bittere Bilanz: Die Geld- und Politikeliten haben das 21. Jahrhundert und besonders die Corona-Krise genutzt, um ihre Macht und Privilegien noch weiter auszubauen. So hat die Spitzenpolitik nichts aus der deutschen Geschichte gelernt, weil sie einen übertriebenen Ausnahmezustand verhängt und gleichzeitig die Macht in den Händen weniger konzentriert – was fatal an die Fehler von Weimar erinnert. Die Geldeliten wiederum haben sich an der Krise finanziell bereichert.

Beide Kasten sind sozusagen Krisengewinner, die Mehrheit aber und besonders die junge Generation sind Verlierer. Das wirkt sich verheerend auf die deutsche Gesellschaft aus, die besonders sehnsüchtig am Modell der sozial gerechten Mittelstandsgesellschaft festhält. Die neoliberalen Eliten haben dieses Modell inzwischen endgültig beschädigt und teilweise zerstört. Leider erinnern sich viele Bürger nicht, warum die Nachkriegsgeneration dieses Modell unter großen Opfern aufgebaut hat – nämlich um Lehren aus der toxischen Spaltung der Weimarer Demokratie zu ziehen, die in Diktatur und Krieg abgekippt war.

In den traditionellen Klassengesellschaften USA und Frankreich sind bereits die apokalyptischen Reiter unterwegs, die auch nach dem Ersten Weltkrieg so viel Elend und Katastrophen heraufbeschworen hatten. Die neoliberalen Eliten haben diese ‚Reiter‘ herbeigelockt. Denn sie haben den sozialen Sprengsatz wieder scharf geschaltet. Dadurch gerät die Demokratie erneut in Gefahr. Nicht von ungefähr haben wir in diesem Jahr bereits einen Putschversuch in Washington als auch eine Putschdrohung französischer Ex-Generäle und aktiver Offiziere in Paris erlebt.

Aber auch in Deutschland bewegen sich die Eliten auf dünnem Eis. Zahlreiche Skandale enthüllen, dass sie „Gewinnmitnahmen“ immer öfter über den Gemeinsinn stellen: angefangen vom Dieselskandal der Autokonzerne über die offensichtlich mangelhafte Geldwäschekontrolle der Deutschen Bank und die nahezu illegalen Machenschaften und Enthüllungen über massive Steuerhinterziehungen durch die „Panama-Papers“ bis zum milliardenschweren Staatsbetrug durch „CumEx“ und dem „bandenmäßigen Betrug in großem Stil“ des DAX-Konzerns Wirecard.[2] Tatsächlich war und ist die politische Führungsschicht in die meisten dieser skandalösen Handlungen durch Lobbyismus und Aufsichtsversagen mitverstrickt – bis hinauf zum Vizekanzler und zur Bundeskanzlerin. Die Folge: 42 Prozent der Deutschen „halten die politisch Verantwortlichen ihres Landes für korrupt“, wie eine Umfrage belegt.[3] Ressentiments, radikales Misstrauen und Hass auf bestechliche und leistungslose Eliten breiten sich dementsprechend in der Bevölkerung aus.

Die Eliten aber schwören dem Neoliberalismus nicht ab. Sie wollen möglichst vertuschen, dass es auch vor dem heutigen Hyperkapitalismus eine erfolgreiche Marktwirtschaft in Deutschland gab – die aber sozial ausgewogen war.

Die Corona-Krise aber hat zumindest breite Schichten von Bürgern politisch aufgeweckt. Viele mussten mitansehen, wie die Spitzen der Politik nicht sie, sondern globale Großkonzerne und gut organisierte Lobbygruppen zu bevorzugten Empfängern von Staatshilfen machten. Darum sollten die Bürger dringend neue ‚Bündnisse der Betrogenen‘ organisieren, die an die politischen Protestbewegungen vor der Krise anknüpfen und die Eliten wieder zu Gemeinwohl und Demokratie zurückzwingen.

[1] Studie der Prager Karls-Universität, in: „Milliarden für den Nachbarn – Deutschland verliert massiv Steuereinnahmen“, Süddeutsche Zeitung vom 30.6.21, S. 17

[2] Finanznachrichten Online: Wirecard: Ernst&Young geht von schwerer Kriminalität und bandenmäßigem Betrug im großen Stil aus., 25.06.2020

[3] Frankfurter Allgemeine Zeitung: Wenn Le Pen Präsidentin ist., 23.02.21, S. 2

Hans-Christian Lange

Hans-Christian LangeHans-Christian Lange (63) hat sich vom Ex-Kanzleramtsberater und ehemaligen Top-Manager zum Politikaktivisten gewandelt. Er gründete die erste deutsche Band- und Leiharbeitergewerkschaft SOCIAL PEACE und ist heute Vorsitzender der von Sahra Wagenknecht initiierten Protestbewegung AUFSTEHEN in Bayern.

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