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Medienkritik – Kriterien für die Qualitätsprüfung statt Glaubensgrundsätze

Die Macht der Medien wächst stetig, ihr Einfluss auf unser Leben ist erheblich. Sie prägen unseren Blick auf die Welt, können ihn verstellen oder befreien. Auf diese Weise leiten sie unser Handeln und so muss die Fähigkeit, diese Einflüsse zu durchschauen, in einer offenen Gesellschaft als zentrales Ziel gelten, damit jede und jeder in der Lage ist, sich eine fundierte eigene Meinung zu bilden und für sie einzutreten. Das fordert Sabine Schiffer, Gründerin des Instituts für Medienverantwortung, und einen Leitfaden dazu hat sie nun mit ihrem neuen Buch „Medienanalyse“ veröffentlicht.

Medienkritik ist immer nötig, auch wenn es Kräfte in der Gesellschaft gibt, die sie in Misskredit zu bringen drohen. Medienkritik ist nicht, eine andere Meinung zu haben als die in Medien beobachtete und sich dann alternative Fakten zusammenzusuchen, um das Gegenteil zu behaupten. Das ist nicht Medienkritik, sondern Naivität und Selbstgefälligkeit. An dieser Stelle sei bereits allen »Lügenpresse«-Rufern eine Absage erteilt. So einfach ist es nicht.

Medienkritik ist nicht, sich ein kritisches Element herauszupicken und damit den Beweis antreten zu wollen, dass »die Medien alle« lügen – pars-pro-toto eben. Wie man tatsächlich auch mit Fakten lügen kann, wurde ja bereits erläutert. Das kann in etablierten ebenso wie in den sogenannten »alternativen Medien« vorkommen. In der Verallgemeinerung von undifferenzierten Beschuldigungen liegt nicht die Medienkritik, sondern in der genauen Analyse.

Medienkritik ist vielmehr die kritisch-kompetente Auseinandersetzung mit medialen Konstruktionen, egal, ob es sich um eine Nachrichtensendung im Radio oder Fernsehen, um einen Beitrag in einer Tages- oder Wochenzeitung oder einen Blogeintrag handelt, natürlich sind auch YouTube-Videos – egal ob von den Tagesthemen, »Democracy Now« oder »Massengeschmack.TV« – kritisch zu hinterfragen. Skandale in der Vergangenheit und Gegenwart haben gezeigt, dass es auch ganz analog möglich ist, Fake News zu verbreiten – so etwa die gefälschten Hitlertagebücher 1983 im Stern oder die Lügengeschichten des Claas Relotius im Spiegel, die 2018 aufgedeckt wurden. Dafür standen früher Begriffe wie »Falschmeldung« oder »Ente«.

Das Erklären eines Gegensatzpaares von »guten Massenmedien« und »bösem Internet« ist hingegen naiv, interessegeleitet und abzulehnen. Eine fundierte Medienkritik muss die gleichen Analysemethoden auf alle Medienprodukte ohne Unterschied anwenden und darf auf keinen Fall in eine Art Schulterschluss verfallen mit dem, was im jeweiligen Moment opportun erscheint.

Insofern ist die »Langzeitstudie Medienvertrauen« des Instituts für Publizistik an der Universität Mainz kritisch zu hinterfragen, denn dort meint man: »Seriöse Quellen und das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in diese Quellen erscheinen notwendiger denn je, da Vertrauen in öffentliche Kommunikation eine unabdingbare Voraussetzung für das Funktionieren von Demokratien ist. Ohne Vertrauen in öffentliche Kommunikation, in die kommunizierten Inhalte und die Institutionen, die diese Inhalte verbreiten, ist eine demokratische Willensbildung nicht möglich.«

Es ist sicher lobenswert, mittels Umfragen zu ermitteln, ob Menschen Vertrauen in »öffentliche Kommunikation« (Was ist damit genau gemeint?) und/oder unsere Medien haben – in welche mehr und in welche davon weniger. Aber die implizierten Rückschlüsse sind höchst fraglich:

  • Bestimmten Quellen soll man Vertrauen schenken, bei anderen mit Zweifeln herangehen. Es kommt also allein auf die Prüfung der Quelle an, nicht der Inhalte?
  • Das Vertrauen in Medien als Vermittler von Inhalten öffentlicher Kommunikation ist wichtig für die demokratische Meinungsbildung. Das ist teilweise richtig, aber ein Vertrauensvorschuss in bestimmte Quellen kann nicht überdecken, dass es überall auch Medienversagen gibt – wie nicht zuletzt selbstkritisch in Medien erörtert wird (siehe zum Beispiel die Debatte um die eigene Rolle beim Kosovo-Krieg).

Natürlich sagen die Empfindungen der Befragten in Sachen Medienvertrauen noch nichts über die tatsächliche Qualität der Medienprodukte aus. Das sind subjektive Meinungen. Ein blinder Vertrauensvorschuss verbietet sich aber allein aus dem Wissen um die Macht, die Mediendiskurse entwickeln können.

Weiter heißt es auf der Website der »Langzeitstudie Medienvertrauen«: »Darüber hinaus werden Zusammenhänge zwischen Verschwörungstheorien, Medienskeptizismus und passiver sowie aktiver Social Web-Nutzung erforscht.«

Hier zeichnet sich eine Prämisse ab, die einer wissenschaftlichen Untersuchung nicht vorangestellt werden dürfte: das Internet als Hort von Verschwörungstheorien – so als wären andere Medien völlig frei davon. Die Studie erforscht also nur den möglichen Zusammenhang zwischen der Nutzung bestimmter Internetquellen und Verschwörungsglauben, nicht ob dieser auch aus anderen Quellen stammen kann. Verschwörungen gab und gibt es ja tatsächlich, Verschwörungsideologien auch – allen voran der antisemitische Weltverschwörungsglauben – und beides längst vor der Einführung des Internets.

Ich will für einen anderen Umgang mit Medien(produkten) werben, der darum Glaubwürdigkeit vermittelt, weil überall die gleichen Maßstäbe angelegt werden. Denn in einer Demokratie braucht es Kriterien für die Qualitätsprüfung und keine Glaubensgrundsätze oder nennen wir es »Gutgläubigkeit«. Für seriöse Medienkritik gibt es seriöse Methoden.

Sabine Schiffer

Sabine SchifferProf. Dr. Sabine Schiffer, geboren 1966, studierte Sprachwissenschaft in Erlangen und entdeckte früh die Semiotik. Sie promovierte zum Islambild in den Medien und gründete 2005 das Institut für Medienverantwortung. Neben der Forderung nach einem systematischen Lehrplan für ein Schulfach Medienbildung setzt sich das IMV für eine kritische Auseinandersetzung mit jeglichen medial konstruierten Debatten ein.

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