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Marx und der Manchester-Kapitalismus

Im Mai wäre Karl Marx 200 Jahre alt geworden. Bücher über Marx und das „Kapital“ gibt es zahlreiche, der Drehbuchautor und Regisseur Klaus Gietinger nähert sich dem Thema jedoch auf eine ganz eigene Weise: Er hat einen Tatsachenroman geschrieben, der sich detailgetreu an dem Gerüst aus Daten und Fakten orientiert, sich jedoch bei den Dialogen ein paar Freiheiten erlaubt. So lernt man Marx mit Lesevergnügen kennen. Gietinger erzählt den Roman eines stürmischen Lebens, das die Geschichte verändert hat. Ein Auszug – der zugleich ein Ausflug in die Extreme des Manchester-Kapitalismus ist, denn Engels führt hier seinen Freund Marx in ein Arbeiterviertel in Manchester.

Ich gab vor, den Weg nicht recht zu kennen, und schon verschwanden wir in kleinen verwinkelten Gassen, aus denen Marx nie mehr allein hätte herausfinden können. Hier begann nun eine ekelhafte Unsauberkeit, die ihresgleichen nicht hat. An einem der Höfe, in den wir Marx lockten, war am Eingang ein Abort, der keine Tür hatte, und davor eine stagnierende Pfütze aus faulem Urin und Exkrementen. Hier musste man hindurch, wollte man heraus oder hinein. Ich ließ bei der Gelegenheit die Bemerkung fallen, dass dieser Abort der einzige für die ca. 30 stark bevölkerten Häuser dahinter sei, und Mary ergänzte in ihrem Deutsch mit irischem Akzent – ich hatte sie meine Muttersprache gelehrt und sie hatte sie begierig in sich aufgesogen –, das mache etwa 380 Personen aus. Wir wateten durch den Dreck, das Labyrinth der Hinterhöfe und Gassen hinunter zum Fluss Irk, oberhalb Ducie Bridge. Über schmutzige, glitschige Treppen durch Unrat und Schutt, der vor den Häusern lag, ging es hinunter. Unten lagen mehrere Gerbereien, die die ganze Gegend mit animalischem Verwesungsgeruch verpesteten. Marx hielt sich die Nase zu und war schon jetzt kurz davor, sich zu übergeben. Ich gab ihm einen kurzen Schluck aus meinem Flachmann. Nun, der Fluss selbst fließt weniger, sondern stagniert, er ist schmal und pechschwarz, stinkt, trägt Schaum und selbstverständlich Unrat und Abfall, den er ans rechte flachere Ufer anspült.

Wieder erklärte ich beiläufig: »Bei trocknem Wetter bleibt an diesem Ufer eine lange Reihe der ekelhaftesten schwarzgrünen Schlammpfützen stehen, aus deren Tiefe fortwährend Blasen miasmatischer Gase aufsteigen und einen Geruch entwickeln, der selbst oben auf der Brücke, vierzig oder fünfzig Fuß über dem Wasserspiegel, noch unerträglich ist.«

Der Fluss selbst war alle fingerlang durch hohe Wehre abgehalten, hinter denen sich der Schlamm und Abfall in dicken Massen absetzte und verfaulte. Oberhalb der Brücke standen Färbereien, Knochenmühlen und Gaswerke, deren Abfälle und Abwässer samt und sonders der Fluss aufnehmen musste, der dann noch den Inhalt der anschließenden Kloaken und Aborte als Zugabe bekam.

Marx wurde immer bleicher und versuchte auch nicht mehr, wie auf der Hauptstraße, den beiden Sisters – ungeschickt – seine Koffer abzunehmen. Er hatte längst begriffen, dass ich ihn hier einem Lehrgang über den Kapitalismus in seiner neuesten Form unterzog, dem Manchester-Kapitalismus, der sich nun über den ganzen Kontinent und bald über die ganze Erde zu verbreiten suchte. Und er ertrug es tapfer, wie ich es ertragen hatte, als mir Mary alles gezeigt hatte.

Jetzt kamen wir an Behausungen vorbei, ganz oder halb verfallene Gebäude, darin selten ein bretterner oder steinerner Fußboden, dagegen fast immer zerbrochene, schlecht passende Fenster und Türen und überall Schmutz, Ablauf und Unflat, stehende Pfützen statt Rinnsteine und ein Geruch, der es jedem einigermaßen zivilisierten Menschen unmöglich machen würde, hier zu wohnen. Dann kamen wir, Marx glaubte sich schon in dem höllischen Irrgarten verloren, zu einstöckigen und einstubigen Hütten ohne künstlichen Fußboden oder gar fließendes Wasser und überall knietief Schutt, Asche, Schlamm und Unrat, sodass unsere Füße das Pflaster erspüren mussten, es aber nie sahen. Es war ein Haufen menschenbewohnter Viehställe, in dem pro Raum 12 bis 15 Menschen hausen durften, sich Ehepaare, Verwandte und Kinder ein von zahlreichem Ungeziefer befallenes Bett teilten, ohne Abort und ohne Wasserpumpen, die erst viel weiter oben in den besseren Vierteln zu finden waren. Darüber die neue Eisenbahnbrücke der Leedser Eisenbahn, eine Meisterleistung englischer Ingenieure, die allerdings nur für Dampfrösser reserviert war.

Zwischen all dem Unrat jede Menge Schweine, die im Abfall herumschnüffelten und ihn fraßen und die nicht etwa den Arbeitern gehörten, sondern Schweinezüchtern, die kostenlose Weideplätze suchten. Zahlreiche Hütten hatten auch fensterlose Keller ohne Rauchabzug, in denen manchmal knietief schmutziges Wasser stand, das von den Bewohnern der Löcher jeden Tag ausgeschöpft werden musste. Gar nicht mehr bewohnbare Löcher dienten massenweise als Aborte. Der Kot auf den Wegen war hier so groß, dass man nur bei äußerst trockenem Wetter Aussicht hatte, durchzukommen, ohne bei jedem Schritt knietief zu versinken. Zu dieser Unmasse von Unrat, Abfall und ekelhaftem Kot, den stehenden Lachen und all den Ausdünstungen verpestete der Rauch von Dutzenden Fabrikschornsteinen die Luft und verfinsterte den Himmel und die Sonne. Eine Menge zerlumpter Kinder und Weiber trieb sich hier herum, ebenso schmutzig wie die Schweine, die sich auf den Aschenhaufen und in den Pfützen suhlten. »Hier beginnt Klein-Irland«, rief Mary sarkastisch aus und schulterte den Koffer wieder etwas höher. Die gemeinen Logierhäuser waren auch hier sehr zahlreich. Sie nahmen, waren sie auch noch so eng und dreckig, jedes zwischen zwanzig und dreißig Gäste auf und beherbergten also zusammen jede Nacht zwischen sechs- und siebentausend Menschen; fünf bis sieben Matratzen lagen in jedem Zimmer ohne Bettstellen auf der Erde, und darauf wurden so viele Menschen gelegt, wie sich fanden, und alle durcheinander. Welche physische und moralische Atmosphäre in diesen Höhlen des Lasters herrschte, kannst du dir denken, Tussy. Jedes dieser Häuser war ein Fokus des Verbrechens und Schauplatz von Handlungen, die die Menschlichkeit empören und ohne diese gewaltsame Zentralisation der Unsittlichkeit nie zur Ausführung gekommen wären. Zur Bestialität herabgewürdigte Wesen, körperlich kränklich, entmenscht, vegetierten hier dahin.

Mary beschleunigte ihre Schritte und wir folgten ihr rasch, denn um ein Haar wäre hier Karl seiner Koffer beraubt worden. Einen Zerlumpten musste ich mit einem Faustschlag auf sein verlorenes Haupt auf Distanz halten, sodass er über eines der umherschnüffelnden Schweine fiel. Die anderen waren nicht kräftig genug, um uns in diesem Schlamm zu folgen.

Die Schwestern zogen uns fort. Endlich ließen sie sich die Koffer abnehmen, ich trug zu meinem kleinen noch den von Mary und Karl konnte Lissy seinen zweiten abnehmen. Ich bog ab zum Markt, auch der Weg dorthin war ungepflastert und schmutzig. Der Arbeiter bekam seinen Lohn meist erst samstagabends ausgezahlt und so gelangte er abends um vier, fünf oder sieben Uhr erst auf den Markt, von dem während des Vormittags schon die Mittelklasse sich das Beste ausgesucht hatte. Des Morgens strotzte der Markt von den besten Sachen, aber immer, wenn die Arbeiter kamen, war das Beste fort, und wenn es auch noch da gewesen wäre, so hätten sie es wahrscheinlich nicht kaufen können. Die Kartoffeln, die der Arbeiter kaufen musste, waren meist schlecht, die Gemüse verwelkt, der Käse alt und von geringer Qualität, der Speck ranzig, das Fleisch mager, alt, zäh, von alten, oft kranken oder verreckten Tieren – meist schon halb faul. Die Verkäufer entpuppten sich in der Regel als kleine Höker, die schlechtes Zeug zusammenkauften und es eben wegen seiner Schlechtigkeit so billig wieder verkaufen konnten. Was aber abends noch liegenblieb, davon waren neun Zehntel am Sonntagmorgen nicht mehr genießbar und gerade diese Waren bildeten den Sonntagstisch der ärmsten Klasse. Das Fleisch, das die Arbeiter ergatterten, war sehr häufig ungenießbar – weil sie’s aber einmal gekauft hatten, so mussten sie es essen.

So beherbergte Manchester 350 000 Arbeiter, von denen allein 26 000 in Kellerlöchern wohnten, die anderen verteilt auf die beschriebenen, halb verfallenen, verfaulten Hütten, Löcher und Viehställe.

Doch den Höhepunkt hatte ich genau terminiert. Es war gleich Schichtwechsel. Und ich hatte darauf gesetzt, Marx dieses apokalyptische Schauspiel präsentieren zu können. Die Fabriksirenen heulten. Das tägliche Drama begann.

Aus Qualm, Dreck, Kot, Kloaken, Schlamm und Schlammpfützen erschien plötzlich, zwischen den Schweinen und aus dem Ruß der Schlote wie eine geschlagene Armee, wie Napoleons Truppen 1812 aus Russland heimkehrend, aus allen Löchern der Arbeitercottages eine Armee der lebenden Toten, abgemagerten Gestalten, die sich in klappernden Holzschuhen durch den Unrat auf den Straßen in die Fabriken quälten, Männer, Frauen und Kinder jeden Alters. Lebende Tote, in Devil’s Dust, Teufelsdreck gekleidet, verarbeitete Reste aus der Reißwollmaschine, das spätestens nach 14 Tagen riss oder fadenscheinig wurde. Die Frauen und Kinder meist barfuß, mit Unrat und Dreckrändern bis zu den Knien. Marx lief wie in Trance durch diese Hölle. So was hatte er noch nicht gesehen. Und wie in Trance liefen die Untoten an uns vorbei.

»Die Frühschicht hat gerade begonnen!«, rief ich unnötig, denn Marx hatte längst kapiert. Immer mehr und immer schneller versuchten diese bemitleidenswerten Gestalten, ihr Ziel zu erreichen, und wie sie gekommen waren, so rasch verschwanden sie auch in den Qualm und blutige Abwässer ausstoßenden Backsteingebäuden, genannt Fabriken. Es herrschte danach fast Totenstille. Nur ab und zu grunzte ein Schwein.

Klaus Gietinger

Klaus GietingerKlaus Gietinger ist Drehbuchautor, Filmregisseur und Sozialwissenschaftler. Sein Kinofilm "Daheim sterben die Leut" ist Kult. Er schrieb und drehte "Tatorte", TV-Filme, Serien und Dokumentationen (zuletzt "Wie starb Benno Ohnesorg?") und erhielt dafür zahlreiche Preise. Er ist Autor zahlreicher Bücher, u. a. "Eine Leiche im Landwehrkanal - Die Ermordung Rosa Luxemburgs", "Der Konterrevolutionär", "Totalschaden" oder "99 Crashes".

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