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Links – Ende und Anfang einer Utopie

Die Rechte und die autoritären Aspirationen mancher Politiker und Regierenden machen uns wieder Angst – die Geschichte darf sich doch nicht wiederholen. Die Linken müssen sich neu aufstellen, müssen kämpfen, sagt Artur Becker, damit es in unseren globalisierten Gesellschaften ein Gleichgewicht der verschiedenen Kräfte und Denkweisen gibt. Dabei dürfen sie ihre Wurzeln nicht vergessen – erwachsen aus der Dialektik der Aufklärung besitzen die Linken die stärkste Waffe, die sie progressiv einsetzen können: die Utopie. Nur mit einer Utopie im Gepäck kann die Linke getrost in die Zukunft schauen.

Ein Buch mit dem so einfach anmutenden Titel Links zu schreiben, hat selbst nicht wenig von einem utopischen Vorhaben. Der Begriff ›links‹ gehört schließlich nicht nur zu den am stärksten umkämpften, sondern vor allem zu den unschärfsten Begriffen unserer Gegenwart. ›Links‹, das kann heute gleich alles oder auch nichts bedeuten. Die einen kaprizieren den Begriff auf eine parteipolitische Linie und verbinden ›links‹ mit der Partei Die Linke, jener Partei, die bei der letzten Bundestagswahl knapp an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert ist und nicht erst seitdem auf der Suche nach ihrer Identität ist. Diese Suche ist dabei durchaus repräsentativ für die Unschärfe des Begriffs ›links‹ insgesamt. Für andere meint ›links‹ nämlich viel mehr, und zwar eine grundlegende Lebensform, die sich auf Kernthemen besinnt, die historisch gemeinhin als ›links‹ gelten: den Kampf für die Nichtprivilegierten, die Unterdrückten und gegen den Kapitalismus als System, das Unterschiede und Wettkampf geradezu heraufbeschwört und letztlich nur ein Ziel verfolgt – möglichst viel Kapital anzuhäufen. Dass nicht wenige dieser Kernthemen als populistische Parolen von der internationalen Rechten gekapert werden konnten, ist nur ein weiterer Beleg für die Krise des Begriffs ›links‹.

Ganz im Gegensatz zu diesem Wunsch nach historischer Rückbesinnung versteht eine Gegenbewegung »links« gerade als einen mit neuen Identifikationsmöglichkeiten zu füllenden Begriff, etwa mit der sogenannten ›Wokeness‹, die den Kampf für je einzelne, benachteiligte Gruppen meint, dabei aber, so eine gewichtige Kritik, das gesellschaftliche Allgemeine, ja, die soziale Frage aus dem Blick zu verlieren droht. ›Links‹ scheint aber nicht selten auch das Synonym zu sein für die Haltung einer Haltungslosigkeit, einem bloß noch privilegierten, pseudo-linken Öko-Lifestyle: ›Links‹, das kann heute auch bedeuten, im Elektro-SUV zum Biobäcker zu fahren, um einen Dinkelbrocken für 10 Euro zu kaufen. Ein Konsens-Kommunismus, bei dem sich moralischer Gemeinsinn oft darauf beschränkt, die Weltanschauung der eigenen Blase zu spiegeln. In einer Gegenwart, in der auf Kinderarbeit setzende Billigmodeketten Che-Guevara-Shirts verkaufen, ist eine Antwort auf die Frage danach, was ›links‹ eigentlich bedeutet, bedeutet hat und vor allem bedeuten kann, wichtiger denn je.

In diesem Sinne scheint es mir absolut drängend, die Bedeutung von ›links‹ neu zu denken, zu definieren, zu positionieren. Denn ›links‹, das meint weder bloße Parteizugehörigkeit noch einzig den Lifestyle der Bionaden-Bourgeoisie. Ich möchte auf den folgenden Seiten versuchen, die Frage danach, was »links« eigentlich bedeuten kann, noch einmal grundlegend zu stellen, ich möchte sie, im Sinne Blochs, »an der Wurzel fassen«. Gegen die vorschnelle begriffliche Einengung auf eine bestimmte Bedeutungsdimension einerseits und der begrifflichen Entleerung aufgrund einer Vielzahl unscharfer Bedeutungsansprüche andererseits muss eine Definition von ›links‹ vielmehr einer definitorischen Offenheit ins Auge sehen, die gleichwohl nicht die Geschichte ihres Begriffs verleugnet. Wenn die linken Kräfte unserer Gesellschaft wieder zu einer wirklichen Kraft finden wollen, die Ideelles und Reales miteinander vereint, dann muss sie ihre Wurzeln wiederfinden. Sie muss die Utopie wiederentdecken – und zwar nicht als einen nie zu erreichenden Wunschtraum, sondern im Sinne eines dialektischen Kampfes um eine neue, eine gerechtere Welt. Die Utopie denken, das heißt, mit den eingangs zitierten Worten Blochs, einen neuen Anfang von einem imaginierten Ende her zu denken. […]

Bereits in den Siebzigern und Achtzigern zeichnete sich in der BRD ab, was später zur Krise der Linken einen wesentlichen Beitrag leisten sollte: Sie ließ sich von den Grünen und den Volksparteien ihre Themen stehlen. Was sie ebenso verschlief, war die Tatsache, dass ihr auch der moderne Kapitalismus mit seiner Marktwirtschaft einen Strich durch die Rechnung machte, denn der Lebensstandard in der Europäischen Union konnte auch für das Prekariat angehoben werden, sodass der Konsum für die Arbeiterschaft attraktiv wurde, vor allem dank der Kredite.

Als ich 1985 im Westen ankam, wunderte ich mich über die zahlreichen sozialen Erleichterungen und Gesetze. Der Arbeiterklasse im Sozialismus ging es auf jeden Fall viel schlechter als ihren Leidensgenossen im Westen, doch die westliche Linke hatte mehr oder weniger eine ganz andere Kundschaft gewonnen und etabliert. Es hatte ein regelrechter Paradigmenwechsel stattgefunden, dessen Zeuge ich noch werden konnte, denn zum einen waren die Arbeiter keine Sklaven mehr von geldgierigen Kapitalisten, die ihnen lediglich einen Hungerlohn zahlten, zum anderen wechselten sie auch zunehmend das politische Lager. Das taten sie, weil sie sich von den Linken und Sozialdemokraten nicht mehr repräsentiert fühlten, da diese zwar vorgaben, für Gleichheit und Gerechtigkeit einzutreten, die Realität aber ein ganz anderes Bild offenbarte: eine Multikulti-Gesellschaft, das Eindringen der liberalen Narration der Regierungsinstitutionen und der EU in ihre lokalpatriotisch-traditionelle Lebensweise, die zunehmende Elitenbildung in der Politik und Wirtschaft, deren Sprache für sie fremder und fremder wurde, wie auch die immer komplizierter wirkende Vernetzung dieser Eliten in der globalisierten Welt. Sie gaben ihre Freiheit im Namen der Sicherheit auf, wie es Zygmunt Bauman ausdrücken würde: Sie wurden rechtskonservativ und hatten gar kein Interesse mehr an einer Zukunft, die für sie ökonomisch und sozial ohnehin unter einem großen Fragezeichen stand. In diesem Sinne hatten sich die Linken von ihren ehemaligen Wählern verabschiedet, wie es auch Didier Eribon treffend diagnostiziert, wobei er von seinen Kritikern in Frankreich selbst als ein privilegierter Salonlinker betrachtet wird.

Eribon beschreibt diesen Paradigmenwechsel sehr treffend, wenn er in Bezug auf die Gelbwesten-Bewegung sagt, diese folge »nicht der traditionellen ideologischen, sondern der sozialen Spaltung (…). Dies ist Teil eines globalen Problems. In vielen wohlhabenden Demokratien hat sich die Linke vollständig von ihrer Volksbasis gelöst. Im 20. Jahrhundert verteidigte sie Gewerkschaften und Arbeiter, aber in den letzten 40 Jahren hat sich der Begriff der Gleichstellung gewandelt und eine neue Bedeutung erhalten. Es sind Frauen, Schwule, Lesben und Einwanderer und nicht die Arbeiterklasse, die heute an den Rand gedrängt und die im Herzen von sozialistischen Parteien und Sozialdemokraten getragen werden. In der Folge verloren die Parteien den Kontakt zur weißen Arbeiterklasse und allgemein zu den Volksmassen.«

Nun schwächelt die Linke schon seit Jahren, sie steht im Schatten ihrer größten Erfolge: im Westen im Kontext der 68er-Revolution, der Gründung der Grünen und der Friedensproteste, und im Osten hat sie nach 1989 noch nie ein leichtes Leben gehabt – sie verliert seit geraumer Zeit ihre Wähler an Rechtskonservative, wobei die Arroganz der Linken: ihre Neigung zum moralistischen Auftreten und Gebaren, zu ihrem Imageverlust sicherlich einen wesentlichen Beitrag geleistet hat. Vor allem die intellektuellen Linken haben sich schon vor langer Zeit vom Prekariat abgewandt. Zudem haben sie ein gewaltiges Problem mit radikalen Forderungen, weil sie im Alltag nicht realisierbar sind und dem ›Vorankommen‹ und dem Konsens im Wege stehen, zumal die Linke den Populismus weder ideologisch noch praktisch umsetzen kann. Die Linke ist eine Vertreterin der Minderheit, und ihre große Schwäche besteht darin, dass sie politisch oft scheitert, weil sie, wie Kołakowski behauptet, keine richtige »politische Bewegung« ist, »sondern nur die Summe spontan entstandener moralischer Einstellungen« bildet.

Artur Becker

Artur BeckerArtur Becker, geb. 1968 in Bartoszyce (Polen), lebt seit 1985 in Deutschland, zurzeit als Artist in Residence im Hotel Lindley in Frankfurt am Main. Er ist Lyriker, Essayist, Romancier, Publizist und Übersetzer und debütierte 1984 mit Gedichten in der Gazeta Olszty?ska. Seit 1989 schreibt er auf Deutsch. 1997 erschien sein erster Roman "Der Dadaj see", 1998 sein erster Gedichtband "Der Gesang aus dem Zauberbottich". Mittlerweile hat er mehr als 20 Bücher veröffentlicht, u. a. die Romane "Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken" (2008), "Der Lippenstift meiner Mutter" (2010) und "Drang nach Osten" (2019). Er schreibt für die Frankfurter Rundschau, die Neue Zürcher Zeitung und Rzeczpospolita. Becker wurde mit dem Chamisso-Preis (2009) sowie dem Dialog-Preis (2012) ausgezeichnet und hielt 2020 die Dresdner Chamisso-Poetikdozentur.

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