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Lasst uns Paradiese Pflanzen!

Die Agrar- und Umweltpolitik steht vor gewaltigen Umwälzungen und alle Zeichen stehen auf Grün: Der „Green New Deal“ der EU soll mit ungeheuerlichen Milliardensummen gestützt werden, die wirtschaftlichen Möglichkeiten sind immens. Höchste Zeit also, Abschied zu nehmen von einer industrialisierten Land- und Forstwirtschaft, die mit der rücksichtslosen Zerstörung von Lebensräumen und Artenvielfalt krachend gescheitert ist, fordert der Imker, Waidmann und Umweltphilosoph Timm Koch. In seinem neuen Buch trifft er sich mit den Pionieren einer neuen nachhaltigen Landwirtschaft und zeigt anhand vieler Beispiele, warum das Motto der Zukunft heißen muss: Reich werden mit der Vielfalt der Natur statt arm durch ihre Zerstörung!

Das Paradies ist ein Ort, wo Früchte in Hülle und Fülle wachsen, wo Milch und Honig fließen, wo Vögel singen, Blumen blühen und Grillen zirpen. Im Paradies gibt es Fisch und Wild im Überfluss. Das Wasser ist klar, und die Luft ist rein. Im Paradies wird unser Vieh nicht gequält und sind die Menschen glücklich. Paradies bedeutet die Abwesenheit von Hölle. Zum Paradies gehören Bäume. Viele Bäume. Viele unterschiedliche Bäume. Die wichtigsten Bäume sind jene, die Früchte tragen, die nahrhaft sind und die wir gut verwerten können. Wenn wir uns von den Bäumen unserer Paradiese nähren, wird die Mühsal des Ackerns mehr und mehr überflüssig werden. Die Arbeit der Landwirte wird in der Hauptsache aus Ernte bestehen. Wem das zu sehr nach Utopie klingt, dem kann ich versichern: Die Natur und die menschliche Tatkraft machen solche Paradiese möglich. Schlaue Konzepte für ihre Umsetzung sind vorhanden und im Gegensatz zur industrialisierten Landwirtschaft meist seit alters her sehr bewährt. Man denke nur an das Konzept eines Obst- und Nusswaldes, in dem auch Weidewirtschaft stattfinden kann. Im Gegensatz zum Konzept des künstlich von der Landwirtschaft getrennten Forstes, in welchem die Bäume viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte auf die Säge warten, ohne wirtschaftlich genutzt zu werden, werfen Obst-, Nuss- und Kastanienbäume Jahr für Jahr einen wirtschaftlich nutzbaren Ertrag ab, der Mensch und Vieh gesund ernährt. Ganz nebenbei übertrifft der Holzwert einer Walnuss oder einer Kirsche bei weitem dem einer Fichte oder einer Kiefer. Vor allem in den Tropen ist das in Frage kommende Angebot an geeigneten Bäumen für solche Waldsysteme gigantisch und umfasst – unter vielen anderen – auch Kaffee, Kakao, Mangos und Avocados. Selbstverständlich bieten sie auch Lebensraum für unzählige wilde Tier- und Pflanzenarten.

Noch geht der Trend in die Gegenrichtung. Die letzten Paradiese des Planeten werden systematisch zerstört. In Gebieten, in denen vor wenigen Jahren oder Jahrzehnten noch bunte Vielfalt bestand, herrscht heute die Monokultur. Wo die Landwirte am kargen Boden oder schwierigen Terrain scheitern, übernehmen die Kollegen vom Forstamt die Vernichtungsarbeit. Naturschutz wird als eine Art Luxus betrachtet, für den man Flächen „zur Verfügung stellt“, die allerdings gerne auch wieder den sogenannten „wirtschaftlichen Interessen geopfert“ werden. Mal wird Erdöl entdeckt, mal werden Luxushotels ersonnen oder die Naturparks erliegen dank der allgegenwärtigen Korruption der illegalen Brandschatzung und der Wilderei, ohne dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Besonders zynisch ist jenes Werk der Zerstörung zu betrachten, das unter dem Deckmäntelchen des „Klimaschutzes“ betrieben wird. Gigantische Staudämme, Biosprit aus giftsüchtigen, genmanipulierten Kunstdüngerfeldern, Windenergie im Wald und im Wattenmeer, ja sogar das Verbrennen ganzer Wälder in ehemaligen Kohlekraftwerken und Pelletheizungen sollen wir ertragen, damit ein so schwer fassbares Ding wie unser Klima „gerettet“ werden kann! Figuren wie Werner Baumann von Bayer-Monsanto oder Johannes Teyssen von E.on, mitsamt ihren Helfershelfern aus Big Agrar, Bankenwesen und Politik, lachen sich jeden Abend vor dem Schlafengehen vermutlich ins Fäustchen über ihren genialen Klimatrick, mit dem sie für Unsummen dreckiger Dollars ungestraft unsere Ökosysteme in den Abgrund treiben können. Denn hier liegt der Punkt: Das wirklich gravierende Problem, der menschengemachte Artentod, wird höchstens im Nebensatz erwähnt und mit großem Tamtam von der Klimapropaganda übertrommelt.

Dabei macht das Arbeiten gegen die Natur nicht nur aus ökologischer Sicht keinen Sinn. Auch ökonomisch gesehen dient es höchstens den Interessen einiger Weniger, etwa den Vertretern der Chemieindustrie. In Wahrheit ist eine biodivers aufgestellte Landwirtschaft wesentlich einträglicher als das höchst fragile System von Plantagen, bei dem auf immensen Flächen eine einzige Pflanzenart gedeiht. Wer etwa mit einer Kombination aus naturnaher, vielfältiger Tierhaltung und Feld-Wald-Systemen arbeitet, braucht weniger bis überhaupt keine teure Chemie, schont und erhält seine wertvollen Böden und verringert zusätzlich das Risiko in Abhängigkeit zu geraten – sei es von Molkereien, Saatgutkonzernen oder dem Handel. Player, die in schöner Regelmäßigkeit den Profit der Bauern wegfressen und die Landwirtschaft für den Landwirt selber immer unrentabler machen. Natürlich ist auch ein Wald, der sich selbst verjüngt, am Ende des Tages wesentlich einträglicher als eine teuer gepflanzte, durchforstete und dazu noch trockenheits- und borkenkäfersensible Fichtenmonokultur. Unsere „moderne“ Art zu wirtschaften funktioniert nur dank einer durch und durch perversen Marktmanipulation, die mit dem Euphemismus der „Subvention“ sprachlich verbrämt wird.  Die wesentlich höhere Wertschöpfung naturnaher, landwirtschaftlicher Systeme gegenüber einer Pestizid-Gentechnik-Monokultur-Landindustrie à la „Grüne Revolution 2.0“ spiegelt sich unter anderem in Ökosystemdienstleistungen wie etwa sauberem Trinkwasser, sauberer Luft, Vogelgesang, jagdbarem Wild und Fisch, Speisepilzen, Wildfrüchten, im besten Falle sanftem Tourismus, etc.

Den Fehlentwicklungen, die bei der Industrialisierung unserer Lebenswelten immer offensichtlicher zu Tage treten, sind systemisch. Ihnen kann entgegentreten werden mit einem neuen System: Biodiversitätszertifikaten. Der Kürze halber nenne ich es das „Bidi-System“. Im Gegensatz zum problembeladenen System der CO2-Zertifikate muss es in einem Bidi-System ein klares Bonus-Malus-Reglement geben. Wer Biodiversität zerstört, der muss dafür zahlen. Wer sie fördert oder erhält, muss profitieren. Lebensmittel, die mit Gift und Chemie und der Vernichtung der natürlichen Artenvielfalt hergestellt werden, müssen teurer bis unbezahlbar werden, während der Aufpreis denjenigen zu Gute kommt, die unsere Natur bei der Nahrungsmittelproduktion mitnehmen. Wir brauchen mehr Honig und weniger Zucker; Maulbeerbäume für die Seidenproduktion statt Baumwollplantagen; Saft und Schorle von Streuobstwiesen statt Coca-Cola aus der Lebensmittel-Chemiefabrik; gesunden Fisch aus nachhaltiger Küstenfischerei statt Antibiotika-Zuchtlachs.

Dasselbe Prinzip kann im Energiesektor zum Einsatz kommen, genau wie im Bauwesen oder in der Verpackungswirtschaft: Per Solarstrom und Meerwasser hergestellter, ökosystemneutraler Wasserstoff aus den Wüsten unserer Welt ersetzt bidi-konform vermeintlich „klimaneutrale“ Energie aus Staudämmen und Biogasreaktoren; Bauwerke aus Lehm und Holz, die etwa mit begrünten Dächern von Vornherein als Naturraum gedacht werden, treten an die Stelle von Bauten aus schnödem Stahlbeton mit Styropor-Dämmung; an Stelle von Einwegverpackungen und aufwendigen Recyclingideen, wird mit intelligenten Pfandsystemen gearbeitet. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Wir haben zu lange tatenlos zugeschaut, wie die Nebelwälder Ecuadors zu Eukalyptuspflanzungen, die Dschungel Borneos zu Palmölplantagen und der Amazonasregenwald zur Sojawüste wurden. Das Geschäft mit dem Krieg gegen die Natur lohnt sich nur für diejenigen, die es im großen Stil betreiben, wie es etwa der Agrarkonzern Cargill tut. Für den Rest der Welt ist es in jeglicher Hinsicht ein Defizitgeschäft. Für die 15. Weltnaturschutzkonferenz im chinesischen Kunming (Convention on Biological Diversity, CBD), die im Oktober 2021 mit einem Covid-bedingten Jahr Verspätung stattfinden soll, gilt als Zielsetzung, 30 Prozent der Erdoberfläche unter „Schutz“ zu stellen. Ich wage zu behaupten, dass dieses Ziel genauso wenig erreicht werden wird, wie eine menschengesteuerte Begrenzung der Erderwärmung. Statt diesen Unsinn weiter zu verfolgen, sollten die Staaten lieber über ein vernünftiges Bidi-System sprechen.

Lasst uns unsere Welt neu denken und wie früher beim Pflanzen und Züchten der Vielfalt wieder Raum geben und das Erbe, das uns die vorherigen Generationen hinterlassen haben, neu entdecken. Oft reicht schon gezieltes Nichtstun, damit sich die Tier- und Pflanzenwelt regeneriert und wir unseren Kindern intakte Ökosysteme hinterlassen können.

Timm Koch

Timm KochTimm Koch hat Philosophie an der FU und der Humboldt Universität in Berlin studiert, ist Autor und schreibt Drehbücher für Film und Fernsehen. Schon seit seiner Jugend lernt und lebt er die archaischen Künste des Gärtnerns, des Sammelns von Wildfrüchten und Pilzen, der Jagd, des Fischfangs und eben der Imkerei. Die konventionelle Landwirtschaft sieht er kritisch und sein Studium der Agrarwissenschaften hat er aufgrund ethischer Bedenken abgebrochen. Er lebt in Rheinbreitbach, im Westend Verlag ist von ihm "Das Supermolekül" (2019) sowie "Herr Bien und seine Feinde" (2018) erschienen.

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