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Kurze Geschichte der Nazikriegsverbrechen

In diesen Tagen hat sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 75. Mal gejährt. Auschwitz ist nach wie vor das Synonym für den Massenmord der Nazis an Juden, Sinti und Roma und anderen Verfolgten. Auf Basis von Augenzeugenberichten, Geheimdokumenten aus Wehrmachtsarchiven und Prozessprotokollen verfasste Baron Russell of Liverpool schon 1954 das Buch „Geißel der Menschheit. Kurze Geschichte der Nazikriegsverbrechen“. Ein erschütternder Bericht des Generalanwalts der Britischen Armee, über den Thomas Mann am 18. März 1955 in seinen Tagebüchern schrieb: „Skandal über Skandal. In Westdeutschland wird Russells Buch über den Nazismus unterdrückt.“ Später wurde es dann doch auf Deutsch publiziert und erscheint nun bei Westend in einer überarbeiteten Neuausgabe mit einem Vorwort von Prof. Moshe Zuckermann, da es nach wie vor nichts an Bedeutung verloren hat. Ein Auszug.

Auch vor 1939 hatte es in modernen Kriegen zwischen zivilisier­ten Nationen bedauerliche Vorfälle gegeben, die Kriegsverbrechen gleichkamen. In Belgien und Frankreich begingen deutsche Truppen während ihres raschen Vormarsches auf Paris in den Anfangsstadien des Ersten Weltkrieges viele Exzesse. Städte und Dörfer wurden geplündert und in Brand gesteckt, Frauen vergewaltigt und unschuldige Menschen ermordet.

Im Dezember 1914 ernannte Premierminister Asquith einen Ausschuss prominenter Persönlichkeiten unter dem Vorsitz von Viscount Bryce zur Untersuchung der Verbrechen, die die deutschen Truppen während der ersten Kriegsmonate in Belgien und Frankreich begangen haben sollten.

Im Jahre 1915 veröffentlichte der Ausschuss seinen Bericht. Wie die Mitglieder darin feststellten, gelangten sie auf Grund des Beweismaterials zu der unumstößlichen Schlussfolgerung, dass in vielen Teilen Belgiens beabsichtigte und systematisch organisierte Massaker unter der Zivilbevölkerung angerichtet und allgemein im Zuge der Kriegführung sowohl in Belgien als auch in Frankreich »unschuldige Zivilisten, Männer wie Frauen, in großer Zahl ermordet, Frauen vergewaltigt und Kinder umgebracht wurden«.

Sie stellten fest, dass Offiziere der deutschen Armee im Rahmen einer Terrorisierungskampagne Plünderung, Brandstiftung und mutwilliges Zerstören von Eigentum befahlen oder duldeten, ohne dass dies unter Berufung auf eine angebliche militärische Notwendigkeit hätte gerechtfertigt werden können. In vielen Fällen wurden auch die Gesetze und Bräuche des Krieges verletzt, so zum Beispiel durch die Verwendung von Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, als Kugelfang für die deutschen Truppen, durch die Tötung von Verwundeten und Gefangenen sowie durch Verletzung der Einrichtungen des Roten Kreuzes und Nichtbeachtung der weißen Flagge als Zeichen der Übergabe.

Zum Schluss erklärten die Ausschussmitglieder, ihre Feststellungen seien zwar sehr schwerwiegend, aber die Pflicht gebiete ihnen, sie als völlig erwiesene Tatsachen aufzuzeichnen: »Mord, Sinnenlust und Plünderung herrschten in vielen Teilen Belgiens in einem Ausmaß, das in keinem Krieg zwischen zivilisierten Völkern während der letzten drei Jahrhunderte seinesgleichen hatte.«

Aber wenn diese Verbrechen auch mehr als nur zufällige »Ausschreitungen« isolierter Einheiten oder einzelner Divisionen waren, wurden sie doch nicht im Zuge einer organisierten Terrorkampagne verübt, die vor Ausbruch der Feindseligkeiten geplant war und in gehorsamer Befehlserfüllung gewissenhaft verwirklicht wurde. Während des Zweiten Weltkrieges hingegen wurden von deutscher Seite Kriegsverbrechen in einem noch nicht dagewesenen Ausmaß begangen. Sie waren Bestandteil der nazistischen Konzeption des totalen Krieges und wurden auf Grund eines vorher ausgearbeiteten und vereinbarten Planes verübt, dessen Ziel es war, die Einwohner der überfallenen und besetzten Gebiete zu terrorisieren und auszubeuten und alle die Menschen zu vernichten, die den deutschen Eroberern und der Naziherrschaft besonders feindlich gesinnt waren.

Vor dem Krieg hatten die Nazis durch das »Führerprinzip« im eigenen Land eine Tyrannei errichtet, die fast ohnegleichen in der Geschichte war. Sie förderten und nährten den Rassenhass durch die »Herrenrassentheorie«, deren letztes und zwangsläufiges Ziel die Weltherrschaft ist. Sie hetzten Bruder gegen Bruder, Kinder gegen Eltern, Christen gegen Juden. Sie versuchten, ein ganzes Volk zu Verbrechern zu machen, und wer sich nicht verführen ließ, wurde terrorisiert und schließlich ins Konzentrationslager geworfen. Nur wenn man sich vergegenwärtigt, was zwischen 1933 und 1939 in Deutschland geschah, kann man die Verbrechen, die während des Krieges in den besetzten Gebieten begangen wurden, im richtigen Zusammenhang sehen. Unterdrückung der freien Meinungsäußerung einschließlich der Pressefreiheit, Beherrschung des Gerichtswesens, Vermögensbeschlagnahme, Beschränkung des Rechtes auf friedliche Versammlung, Brief und Telegrammzensur, Abhören von Telefongesprächen, Reglementierung der Arbeit, Abschaffung der Religionsfreiheit: Das sind die Mittel, mit denen ein Tyrann seine Untertanen in Fesseln schlägt. Wenn Hitler seine »Herrenrasse« schon so gering schätzte, ist es da verwunderlich, dass er die Völker der überfallenen Länder für weniger als Ungeziefer hielt?

Dass das deutsche Volk in seiner Gesamtheit nicht ohne weiteres nachgab und die Nazidoktrin und das Naziprogramm nicht bereitwillig akzeptierte, wird nicht bestritten. Andernfalls hätte es keine SS, keinen SD (Sicherheitsdienst des Reichsführers SS) und keine Gestapo gegeben. Nur durch Terror, Folter, Hunger und Tod vernichteten die Nazis im eigenen Land die Gegner ihres Regimes, und ihre Unterdrückungsorganisationen sammelten dadurch die Erfahrungen, die sie später im Ausland mit solcher Gründlichkeit und Brutalität anwandten, dass sie zum Alpdruck und zur Geißel des besetzten Europa wurden.

Die in diesem Buch beschriebenen Verbrechen waren keine Zufallserscheinungen; das beweist allein schon ihr Ausmaß. Die Versklavung von Millionen Menschen und ihre Verschleppung nach Deutschland, die Ermordung und Misshandlung von Kriegsgefangenen, die massenweise Hinrichtung von Angehörigen der Zivilbevölkerung, die Erschießung von Geiseln und die »Endlösung« der Judenfrage: Das alles war von langer Hand geplant. Daran kann es keinen Zweifel geben, denn die Nazis lieferten selbst mit all den sorgfältig aufbewahrten Protokollen, Berichten, Verzeichnissen, Befehlen und anderen Dokumenten, die den Alliierten nach der Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Europa in die Hände fielen, unanfechtbares Beweismaterial. Denn wenn die Nazis Kriegsgefangene mit verbotenen Arbeiten beschäftigten, erstatteten sie der entsprechenden Armeeformation Meldung; wenn sie plünderten, legten sie lückenlose Verzeichnisse ihrer Beute an; wenn sie Juden und andere Menschen vergasten, sandten sie ausführliche Berichte an das Reichssicherheitshauptamt (RSHA); wenn sie Geiseln erschossen, schlugen sie an den öffentlichen Gebäuden Listen an, »pour décourager les autres« [»um die Übrigen zu entmutigen«, Anm. des Verlags]; wenn sie zwangsweise schmerzhafte und abscheuliche Experimente an Insassen ihrer Konzentrationslager Vornahmen, legten sie sorgfältig Handakten an. Sobald sie ein Verbrechen begingen, trugen sie mit charakteristischer Gründlichkeit dokumentarische Belege darüber zusammen.

In seinem Buch Mein Kampf hatte Hitler Jahre zuvor geschrieben: »Die stärkere Rasse wird die schwächere verdrängen, denn der Lebenswille in seiner letzten Form wird die absurden Schranken der sogenannten Humanität der Individuen einreißen, um den Weg frei zu machen für die Humanität der Natur, die die Schwachen vernichtet, um ihren Platz den Starken zu geben.«

Das ist das Gesetz des Dschungels; kein Wunder, dass es so viel Elend, Todesangst, Zerstörung und Tod in seinem Gefolge hatte. Und wie wurden diese verbrecherischen Pläne ausgeführt? Das deutsche Oberkommando und der Generalstab können sich nicht aller Verantwortung entziehen.

Als Hitler im Jahre 1933 durch den alten Feldmarschall von Hindenburg an die Macht berufen wurde, rümpften zweifellos viele dieser Militärs die Nase über ihn. Aber es dauerte nicht lange, bis die meisten von ihnen seine Komplizen wurden; und wer wie Werner von Fritsch nicht mitmachte, wurde mit bezeichnender Unverfrorenheit beseitigt. Von da an hatte Hitler die ganze Pyramide des deutschen Offizierskorps mit dem militärischen Ja-Sager Keitel an der Spitze geschlossen hinter sich. Diese Männer leisteten ihm Vorschub und unterstützten ihn bei der Planung und Durchführung des Aggressionskrieges und bei der Verübung zahlloser Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Erst als die Woge der Nazierfolge merklich abebbte, wurde in den Gängen des deutschen Kriegsministeriums kritisches Geflüster hörbar.

Der Internationale Militärgerichtshof zur Aburteilung der deutschen Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg lehnte es ab, den Generalstab und das Oberkommando zu einer verbrecherischen Organisation zu erklären. Im Nürnberger Urteil wird indessen von diesen Männern gesagt:

»Sie sind in großem Maße verantwortlich gewesen für die Leiden und Nöte, die über Millionen Männer, Frauen und Kinder gekommen sind. Sie sind ein Schandfleck für das ehrenhafte Waffenhandwerk geworden. Ohne ihre militärische Führung wären die Angriffsgelüste Hitlers und seiner Nazikumpane akademisch und ohne Folgen geblieben, sie waren eine rücksichtslose, militärische Kaste. Viele dieser Männer haben mit dem Soldatentod des Gehorsams gegenüber militärischen Befehlen ihren Spott getrieben. Wenn es ihrer Verteidigung zweckdienlich ist, so sagen sie, sie hatten zu gehorchen; hält man ihnen Hitlers brutale Verbrechen vor, deren allgemeine Kenntnis ihnen nachgewiesen wurde, so sagen sie, sie hätten den Gehorsam verweigert. Die Wahrheit ist, dass sie an all diesen Verbrechen rege teilgenommen haben oder in schweigender Zustimmung verharrten, wenn vor ihren Augen größer angelegte und empörende Verbrechen begangen wurden, als die Welt je zu sehen das Unglück hatte.«

Das Führerkorps, die Gestapo, der SD und die SS aber waren die Hauptinstrumente der Tyrannei, deren sich Hitler bediente. Sie waren es, die diese schrecklichen Verbrechen ausführten: die Massenmorde in den Konzentrationslagern, die Ermordung und Misshandlung von Kriegsgefangenen, die Verschleppung ausländischer Arbeiter zur Zwangsarbeit, die inquisitorischen Verhöre, die Folterungen und die Experimente an menschlichen Versuchskaninchen. Dieses gefürchtete »Schwarze Korps« mit Heinrich Himmler an der Spitze lastete fünf Jahre lang gleich einer schwarzen todesschwangeren Gewitterwolke auf dem besetzten Europa.

Edward Russell, Lord Russell of Liverpool

Edward Russell, Lord Russell of LiverpoolEdward Russel Baron of Liverpool, (1895 - 1981) war Soldat, Anwalt und Historiker. Als Gesandter Generalanwalt der Britischen Rheinarmee gehörte er zu den Hauptrechtsberatern während der Kriegsverbrechertribunale nach dem Zweiten Weltkrieg.

Bücher von Edward Russell, Lord Russell of Liverpool

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