/Kommentare/Krieg nach innen, Krieg nach außen

Krieg nach innen, Krieg nach außen

„Krieg nach innen, Krieg nach außen“ – angesichts der immer mehr ausgeweiteten Kriege und ihrer politischen Rechtfertigung stellt sich die Frage nach der Verantwortung der Intellektuellen. Die Autoren des gleichnamigen Buches thematisieren die zunehmende und stärkere Beteiligung Deutschlands an Kriegseinsätzen, die ausgeweitete deutsche Waffenproduktion und bieten Ansätze, diese in ihren Zusammenhängen, ihren Ursachen und Auswirkungen zu verstehen. Ein Auszug.

Anfang 2018 hat das »Bulletin of the Atomic Scientists« die seit 1947 bestehende Weltuntergangsuhr erneut vorgestellt. Damit steht die Welt zwei Minuten vor Mitternacht, also kurz vor der Apokalypse. Mit dem Symposium »Trommeln für den Krieg« 2014 und dem Kongress »Krieg um die Köpfe« 2015 hat sich die NGfP eingehend mit den institutionellen und psychologischen Vorbereitungen auf Kriege und die Rechtfertigung von Kriegen aus angeblicher Verantwortung heraus, beschäftigt. Wir wollen erneut die von der Mehrheit der Bundestagsabgeordneten angemahnte stärkere Beteiligung Deutschlands an Kriegseinsätzen, die ausgeweitete deutsche Waffenproduktion und die zunehmenden Feind-Erklärungen nach außen und nach innen thematisieren und in ihren Zusammenhängen, ihren Ursachen und Auswirkungen, verstehen.

Letztlich geht es um die Zementierung der bestehenden Macht- und Reichtumsverhältnisse. Dafür wird das innenpolitische Klima mit allen Mitteln nach rechts gedrückt, werden demokratische Errungenschaften gekippt, soziale Sicherheiten abgebaut, Kontrollen der staatlichen Apparate über Bord geworfen, wird ein Klima des Verdachts und des Misstrauens untereinander geschaffen.

Gleichzeitig wird die größte Bedrohung aller Menschen, die seit Generationen vorausgesagt worden ist, die sogenannte »Umweltkatastrophe« mit nichts als leeren Versprechungen beschworen. Zu den Folgen dieser sich immer unabweisbarer anbahnenden Katastrophe gehören unter anderem auch die Ströme von Menschen, die nur durch Flucht der Zerstörung ihrer Lebensgrundlage durch Krieg, Dürre, Überschwemmungen entkommen können.

Alle diese Einzelphänomene wirken zusammen in der Formierung des innenpolitischen Klimas und Bewusstseins; das Spiel mit der inneren »Sicherheit« wird die Kriegsangst eher in Schach halten, die neokoloniale Lebensweise wird auf Kosten der Ausbeutung des neokolonialen »Rests« der Bevölkerung der Welt zu der zunehmenden Spaltung der Bevölkerung in Profiteure und Verlierer beitragen.

Sowohl die stetig steigende Zahl der an Hunger Sterbenden, durch Krieg Getöteten oder Verkrüppelten, als auch die ebenso beständig steigende Zahl der durch Verlust ihrer Arbeit aus dem sozialen Leben Ausgeschlossenen; sowie die ständig wachsende Drohung eines Atomkriegs müssten bei jedem Menschen den Impuls auslösen, alles zu unternehmen, um die bestehenden mörderischen Zustände zu beenden und die Gefahr zu bannen – anstatt diese zu verleugnen. Hier müssten in erster Reihe die, die an den ökonomischen, politischen, ideologischen Hebeln der Macht sitzen bzw. einen Zugang haben, die, die diese Zusammenhänge sehen und formulieren können, eingreifen und aufschreien.

Erinnern wir uns daran, dass es auch eine Tradition gibt, an die wir anknüpfen können: Gegen die Bedrohung durch eine Wiederholung des Einsatzes von Atomwaffen (der erste war bekanntlich der durch die USA gegen die japanischen Großstädte Hiroshima und Nagasaki 1945) meldeten sich viele Intellektuelle und Wissenschaftler zu Wort.[1] Physiker stellten die Zerstörungskraft der Waffen dar und reflektierten ihre Rolle bei deren Herstellung, Mediziner bauten Organisationen wie »Ärzte gegen den Atomkrieg« oder auch »Ärzte ohne Grenzen« auf, Psychoanalytiker deuteten die väterlose Gesellschaft und das schwierige Verhältnis zu Autoritäten, an vielen Fakultäten gründeten sich Gruppen, die ihre Institutsgeschichte in der Nazizeit aufarbeiten wollten. Politiker und Künstler liefen auf den Ostermärschen mit oder wollten in ihren Arbeiten kritisieren und aufklären.

Ihre geschichtlichen Wurzeln sind die zwei Weltkriege, die von Deutschland ausgingen, und danach die Erfahrung des Kalten Krieges, der sich am stärksten sicht- und fühlbar im geteilten Deutschland abspielte. Vor dem Hintergrund, dass zwei Weltkriege von Deutschland ausgingen und große Teile der Welt zerstörten, bildeten sich Friedensbewegungen, eine neue Politik zwischen BRD und DDR, die auf Ausgleich ausgerichtet war, und weitere Bewegungen. Der Motor dieser Bewegungen war das Aufbegehren der jungen Generation gegen den Widerspruch zwischen der Behauptung von »Verantwortung« und der Verantwortungslosigkeit im Verhalten der politischen Klasse und der Generation der Eltern.

Diese Kritik ergriff viele bis dahin schweigende Minderheiten und stärkte das Selbstbewusstsein eines nicht unbeträchtlichen Teils der Bevölkerung bis heute. Und tatsächlich gibt es trotz aller Kriegsvorbereitung in Deutschland weiterhin breite Ablehnung gegenüber Kriegseinsätzen und immer noch viel Wohlwollen gegenüber den Geflüchteten; neben einem weit verbreiteten gelasseneren Umgang gegenüber autoritären Vorschriften und Gepflogenheiten. Es gibt noch das Bulletin of the Atomic Scientist, die Ärzte gegen den Atomkrieg, gesellschaftskritische Künstler usw. Doch ihre Stimmen verhallen. Was der »Club of Rome« macht, weiß kaum einer mehr, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung erhascht kurz in den Zeitungen Aufmerksamkeit, die aber auch schnell wieder verloren geht. Und das Ganze geschieht, obwohl sie Beängstigendes berichten und Aussagen zu globalen Krisen und in der Folge auch zu Kriegen machen.

Stattdessen wird ein anderer Diskurs geführt, der die »Kriege« als bedauerliches, aber notwendiges und somit auch »legitimes« Mittel der Auseinandersetzung darstellen will. Hier wird die »Verantwortungsübernahme« angemahnt, die das geeinte und demokratische Deutschland in der Welt übernehmen soll. Jetzt werden erneut Kriegsgründe konstruiert, Feindbilder aufgebaut, Hass geschürt und mit den »Säbeln« gerasselt. Es wird unter Missbrauch des von Clausewitz aufgedeckten Zusammenhanges von Politik und Krieg ein anderer Diskurs geführt, der die »Kriege« als bedauerlich, aber notwendiges und somit auch »legitimes« Mittel der Auseinandersetzung darstellen will.

So fehlt völlig eine Politik des Austauschs und des Ausgleichs – weder zwischen den Völkern, Nationen und Regierungen, noch zwischen den Klassen innerhalb der Gesellschaft. Weiterhin haben sehr große Teile der in Deutschland Lebenden nicht am Reichtum teil, nicht an der Arbeit, nicht an Bildung. Die versteckte Arbeitslosigkeit ist weiterhin hoch, die Löhne sind weiterhin eingefroren, die Arbeitsplätze prekär, an Hartz IV und an der Sanktionierung der Betroffenen wird stur festgehalten. Die neuen Gesetze aus Bayern – sie werden vermutlich in den Bund exportiert –, das Polizeigesetz und das Psychiatriegesetz, lassen einen nur erschaudern. Gerade letzteres, das Psychiatriegesetz, muss uns als Psychologen und Psychotherapeuten beschäftigen.

[1]    Wir verwenden das generische Maskulinum und meinen _ * usw. usf.!

Klaus-Jürgen Bruder

Klaus-Jürgen BruderKlaus-Jürgen Bruder ist Psychoanalytiker, Professor für Psychologie an der Freien Universität Berlin, Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie, sowie unter anderem Herausgeber der Schriftenreihe "Subjektivität und Postmoderne" im Gießener Psychosozial-Verlag.

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