/Kommentare/Kampf der Nationen – wie wir wirtschaftlichen Wettbewerb umdenken müssen

Kampf der Nationen – wie wir wirtschaftlichen Wettbewerb umdenken müssen

Über Jahre predigt uns der Neoliberalismus, dass Wettbewerbsfähigkeit für alle ein Segen für die Welt sei. Geführt hat uns dieser „Segen“ unter anderem zu einem kaputten Planeten, einer polarisierten und zugleich individualisierten Gesellschaft voller Ich-AGs, einer zerfallenen Infrastruktur, bitterer Armut in weiten Teilen der Welt (vor allem außerhalb Asiens), schreibt Patrick Kaczmarczyk in seinem Buch „Kampf der Nationen“.

Insbesondere in Europa hat das Mantra der „Wettbewerbsfähigkeit für alle“ enorme politische und wirtschaftliche Verwerfungen mit sich gebracht. Seit der Eurokrise überbieten sich die Staaten darin, Löhne zu drücken und Arbeitsmärkte zu flexibilisieren, um so möglichst „attraktiv“ für ausländisches Kapital und „wettbewerbsfähig“ zu werden. Dies sei alternativlos, heißt es, denn die Welt ist durch die Globalisierung kleiner geworden und alle stehen mit allen im Wettbewerb. Unterstützt wird das Mantra von einer ordoliberalen Ideologie, die im Wettbewerb selbst die Kraft des Fortschritts sieht. Man müsse nicht weiter verstehen, was eine Wirtschaft antreibt. Wettbewerb per se reiche aus.

Diese Argumentation ist nicht nur unsinnig, die daraus resultierende Politik behindert sogar wirtschaftlichen Fortschritt. Durch ein besseres Verständnis der dynamischen und gesamtwirtschaftlichen Entwicklung fällt es uns wie Schuppen von den Augen, was in der EU alles schiefgelaufen ist und warum wir Europa mit dem Modell des „Jeder gegen Jeden“-Wettbewerbs an die Wand gefahren haben.

Die Ordoliberalen, die sich im Kern auf die neoklassische Ökonomie berufen, mögen im Wettbewerb zwar den Motor der wirtschaftlichen Entwicklung sehen, jedoch gibt es für eine solche Ansicht keinerlei theoretische Grundlage. Alles, was die Neoklassik bietet, ist eine Erklärung dafür, wie die gegebenen knappen Ressourcen und Güter verteilt werden. Eine Theorie der dynamischen Entwicklung suchen wir vergeblich. Ja, es mag erstaunlich klingen, dass die dominante Schule in der Ökonomie nach 200 Jahren immer noch nicht begriffen hat, was in den letzten zwei Jahrhunderten passiert ist. Technologischer Fortschritt wird in dieser neoklassischen Welt „exogenisiert“ – das heißt, es wird angenommen, er falle einfach vom Himmel. Wettbewerb brauchen wir, damit die Ressourcen effizient eingesetzt werden und die Wirtschaft dem allgemeinen Gleichgewicht möglichst nahekommt. Wenn wir nun Entwicklung – das heißt eine Erneuerung der Produktionsstrukturen – als einen dynamischen Prozess verstehen wollen, brauchen wir ein Alternativmodell zum „Jeder gegen Jeden“-Ansatz der EU.

Auf der Suche nach einem anderen Ansatz landet man schnell beim österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter. Oft auf Buzz-Wörter wie „schöpferische Zerstörung“ reduziert, ergibt sich aus seinen Arbeiten ein Bild, das eine dynamische wirtschaftliche Entwicklung anschaulich erklärt. Der entscheidende Faktor bei Schumpeter ist dabei nicht der Wettbewerb an sich, sondern die Qualität des Wettbewerbs: Haben wir es mit einem darwinistischen Wettbewerb zu tun, der Preiskriege und Druck auf die Löhne nach sich zieht? Oder haben wir einen innovativen Wettbewerb, bei dem sich die besten Unternehmen durchsetzen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit allein über Investitionen erhöhen?

Schnell stellen wir bei Schumpeter auch fest, dass es bei einem innovativen Wettbewerb nicht um Effizienz geht, wie es beim darwinistischen Modell der Neoklassik der Fall ist. Menschen und Unternehmen brauchen Luft, um sich gewisse „Ineffizienzen“ erlauben zu können, aus denen Innovationen – die Schaffung von etwas Neuem – hervorgehen kann. Ebenso kommt dem Staat die Rolle als „Manager der schöpferischen Zerstörung“ zu, die einigen Liberalen, die oft und gerne auf Schumpeter verweisen, enorme Bauchschmerzen bereiten dürfte.

Wie sehr die europäische Wirtschafts- und Wettbewerbspolitik den wirtschaftlichen Darwinismus förderte, wird an keiner anderen Industrie so deutlich wie an der europäischen Automobilindustrie. Es mag auf den ersten Blick erstaunen, denn insbesondere die Deutschen rühmen sich gerne dafür, dass ihre Autos der Inbegriff von Qualität und Innovation sind und damit den Autokonzernen satte Gewinne einfahren. Doch irgendwie spiegelt sich der „Erfolg“ der Autoindustrie nicht in den Zahlen wider. Deutschland ist es zwar (vor Corona) größtenteils gelungen, die Marke von 5 Mio. produzierten Autos zu halten, während die Industrie in Ländern wie Frankreich und Italien einbrach. Doch der Preis dafür war hoch. Europas Automarkt war von Preiskriegen gekennzeichnet, an dem alle Hersteller beteiligt waren – auch die deutschen. Der renommierte „Auto-Professor“ Ferdinand Dudenhöffer ging vor allem zu Zeiten der Eurokrise sogar so weit, Volkswagen als den Hauptverursacher des Preiskriegs auszumachen.

Die Gewinnmargen der Hersteller waren insgesamt schwach, positive Cashflows (also Geldeingänge auf den Bankkonten der Hersteller) fast nicht existent. Der Absatz wurde mehr und mehr über die eigenen Autobanken angetrieben, für deren Betrieb die Autokonzerne teilweise drei- bis viermal so viel Geld ausgaben wie für Forschung und Entwicklung. Die Qualität der Umsätze war durchweg armselig.

All das spricht gegen die These, dass die Automobilkonzerne sich dumm und dämlich verdient hätten. Genauso wenig sprechen die Daten dafür, dass es primär Innovationen waren, die den deutschen Produzenten zu steigenden Marktanteilen verhalfen. Wenn die Firmen nämlich so innovativ gewesen wären, wie es gemeinhin angenommen wird, hätten sie ihre Produkte ja mit deutlich mehr Marge absetzen können. Die Zahlen sprechen (leider) eine deutliche Sprache, die ein Weckruf für diejenigen ist, die am gängigen Erfolgsnarrativ in diesem Land festhalten. Gleichzeitig wird deutlich, dass die ersten 20 Jahre der Währungsunion nicht von einem innovativen Wettbewerb geprägt waren, sondern in die Kategorie „wirtschaftspolitischer Darwinismus“ fallen.

Um dies zu ändern und wirtschaftlichen Fortschritt zu fördern, braucht es eine andere Wirtschaftspolitik. Insbesondere müssen wir weg vom Denken „Staat vs. Markt“, denn es besteht hier ein symbiotisches Verhältnis, das eine solch künstliche Trennung unmöglich macht. Der Staat muss das Wirtschaftsgeschehen lohn- und fiskalpolitisch strategisch lenken, sodass aus wirtschaftlichem Darwinismus ein schumpeterianischer Wettbewerb wird. Das heißt, der Staat muss dafür sorgen, dass Unternehmen nicht mehr über einfache Lohnsenkungen ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen können, sondern nur über Investitionen in eine höhere Produktivität. Das verlangt sowohl nationale wie auch internationale wirtschaftspolitische Maßnahmen, denn nur über eine Kooperation der Staaten wird eine stabile Entwicklung und strukturelle Transformation der Wirtschaft möglich. In meinem Buch „Kampf der Nationen“ lege ich ausführlich dar, welche Mechanismen die Staaten dazu in die Wege leiten sollten, damit wir endlich damit beginnen können, den Trümmerhaufen aufzuräumen, den uns der Neoliberalismus hinterlassen hat, und für uns und die zukünftigen Generationen eine bessere Lebensgrundlage zu schaffen.

Patrick Kaczmarczyk

Patrick KaczmarczykPatrick Kaczmarczyk hat als Stipendiat des Economic and Social Research Council (ESRC) der britischen Regierung am Institut für politische Ökonomie der Universität Sheffield promoviert. Einen Teil seines Doktorats absolvierte er an der Pariser Sciences Po. Neben seiner akademischen Arbeit war und ist er in der wirtschaftspolitischen Beratung für diverse internationale Organisationen tätig. Derzeit arbeitet er für die Vereinten Nationen in Genf. Dort ist er in der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung Teil eines Teams, welches sich mit Maßnahmen zur Stabilisierung der Kapitalmärkte in Entwicklungsländern befasst.

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