/Kommentare/JFK und die Erfindung des Kampfbegriffs „Verschwörungstheorie“

JFK und die Erfindung des Kampfbegriffs „Verschwörungstheorie“

Der 100. Geburtstag von John F. Kennedy am 29. Mai 2017 naht und man durfte gespannt sein, welche Geschichte die „Leitmedien“ über die ungeklärte Ermordung des 35. US-Präsidenten dieses Mal erzählen werden. Die Berichterstattung zum 50. Jahrestag der Schüsse von Dallas hatten AP, die „New York Times“ und „Washington Post“ 2013 mit einem langen Feature über die „Verschwörungstheorie-Industrie“ eingeleitet. Und ganz im Sinne der CIA-Anweisung von 1967 schon in der Überschrift („Five decades after JFK’s assassination, the lucrative conspiracy theory industry hums along“) den Kampfbegriff „Verschwörungstheorie“ mit dem niederen Motiv der Geldmacherei zusammengebracht. Mathias Bröckers zeigt, dass die Ermordung JFKs auch die „Erfindung“ des Kampfbegriffs „Verschwörungstheorie“ war und warum der Begriff von der CIA instrumentalisiert wurde.

Als ich mein Buch über John F. Kennedy abgeschlossen hatte und ein Freund mich fragte, warum ich denn so viel Zeit und Mühe auf einen „50 Jahre alten Hut“ verwenden würde, hatte ich geantwortet: „Ich lasse mich einfach nicht gern verarschen.“ Das war tatsächlich ein Grund, wie auch für meine Beschäftigung mit der Hanf-Prohibition und mit den Anschlägen von 9/11, aber außer persönlichem Unwohlsein über offensichtlichen und autoritativ verkündeten Bullshit kam im Falle JFK dazu, dass hier erstmals Zweifel an dem offiziellen Dogma als „Verschwörungstheorien“ und Kritiker als unseriöse, staatsfeindliche „Verschwörungstheoretiker“ gebrandmarkt wurden.

Auch mir waren diese Kampfbegriffe oft um die Ohren geflogen, obwohl ich über Hanf wie auch über 9/11 gar keine Theorien oder Hypothesen aufgestellt, sondern nur Fakten dokumentiert hatte. Allerdings solche, die den offiziellen Versionen zuwiderliefen, und weil sie nicht ins Bild passten, ignoriert oder unterdrückt worden waren. Solche gab es auch nach den Schüssen auf Kennedy, und nachdem die Warren-Kommission Oswald als Einzeltäter „ermittelt“ hatte, waren einige Berichte und Bücher darüber erschienen. In den Medien war davon als „Assassination theories“ (Attentatstheorien) die Rede, bis Jim Garrison in New Orleans das erste Strafverfahren zum Präsidentenmord eröffnet und einige Kontaktleute Oswalds ins Visier genommen hatte, die mit der CIA in Verbindung standen. Da versandte die Abteilung PW/CS („Psychological Warfare/Clandestine Services“) der CIA im April 1967 ihr Dokument 1035-960 an alle Stationen und empfahl zur Diskreditierung von Zweiflern, den Begriff “Verschwörungstheoretiker” zu verwenden.

Mit dieser vor genau 50 Jahren erteilten Anweisung kann der Beginn einer neuen Inquisition datiert werden: Der bis dahin neutrale Begriff „Verschwörungstheorie“ wird zu einem Kampfbegriff der psychologischen Kriegsführung. Um ihn unter das Volk zu bringen, wurden die CIA-Büros aufgefordert, ihre „friendly elite contacts“ in Medien und Politik zu nutzen, was dann erfolgreich geschah. Die CIA-Betriebsanleitung zur Diskreditierung von Dissidenz erlebte nach 9/11 eine geradezu gespenstische Renaissance, und weil dagegen auch die besten Argumente – dass es reale „Verschwörungen“ gibt und „Verschwörungstheorien“ ein rationales, analytisches Werkzeug der Aufklärung sind – nichts halfen und die Erwähnung des „V-Worts“ als effektive Diskurskeule jede Diskussion beendete, beschloss ich, mir die Diffamierung fortan als Orden anzuheften (wie zum Beispiel hier und hier) und mich nach drei Büchern über 9/11 dem Ursprung dieser neuen Inquisition zuzuwenden: der Ermordung JFKs und den Zweifeln an der Einzeltäterschaft Lee Harvey Oswalds.

Dass Regierung und Geheimdienst deswegen einen verdeckten psychologischen Krieg starteten, musste Gründe haben, und was ich bei meinen Recherchen fand, lieferte dann die These und den Titel des Buchs, dass es sich nämlich bei dem Mord an John F. Kennedy nicht um die Tat eines einsamen Verrückten handelte, sondern um einen „Staatsstreich in Amerika“. Nur deshalb mussten Zweifel und Analysen der Fehlerhaftigkeit und Unvollständigkeit der offiziellen Version als Ketzerei verbannt und als „Verschwörungstheorie“ mit einem Tabu belegt werden. Ein paar böswilligen Wirrköpfen, die schlicht verrückte Theorien verbreiteten, hätte man mit Argumenten und Fakten aus den Ermittlungsakten leicht den Wind aus den Segeln nehmen können – doch wem als zentrales Argument und Faktum nur eine „magische Kugel“ zur Verfügung steht, hat solche Möglichkeiten nicht. Er kann seinem Dogma nur in einer Glaubensgemeinschaft Geltung verschaffen und muss ganz wie die Inquisitoren des Mittelalters rationale Analyse und Kritik aus dem Diskurs verbannen. So wurden die „Ketzer“ und „Häretiker“ von einst zu den „Verschwörungstheoretikern“ von heute.

 

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Mathias Bröckers

Mathias BröckersMathias Bröckers ist freier Journalist, der unter anderem für die taz und Telepolis schreibt. Neben Artikeln, Radiosendungen und Beiträgen für Anthologien veröffentlichte er zahlreiche Bücher. Seine Werke „Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf“ (1993) und „Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.“ (2002) und zuletzt „Wir sind die Guten – Ansichten eines Putinverstehers“ (2014) wurden internationale Bestseller.

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