/Kommentare/Internationaler Handel – Triebfeder der Weltwirtschaft?

Internationaler Handel – Triebfeder der Weltwirtschaft?

Warum kommen so viele Entwicklungsländer nicht von der Stelle? Wie hängen Ungleichheit und Arbeitslosigkeit mit Zinsen, internationalem Handel und der Lohnpolitik zusammen? Welche Folgen hat die Klimakatastrophe für unsere Art zu wirtschaften? Wie wirkt sich der Corona-Schock auf die Wirtschaft aus und was muss die Wirtschaftspolitik jetzt tun? Der „Atlas der Weltwirtschaft“ von Heiner Flassbeck, Friederike Spiecker und Stefan Dudey geht den zunehmend komplexen Zusammenhängen auf den Grund und macht Weltwirtschaft verständlich – zum Beispiel die Bedeutung des internationalen Handels.

Von Kurt Tucholsky stammt der schöne Satz: »Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten.« Was den internationalen Handel angeht, könnte man in Anlehnung daran sagen, »so ist er weniger wichtig, als man denkt«. Dass er kein Motor eigener Art für die Weltwirtschaft ist, kann man derzeit gut erkennen: Sind in jedem einzelnen Land Konsum und Investitionen aufgrund der Corona-Krise rückläufig, bricht auch der Außenhandel ein.

Um die Bedeutung des internationalen Handels einordnen zu können, muss man sich gedanklich auf die Weltebene begeben. Auf dieser Ebene gibt es nur Konsum und Investitionen irgendwo auf der Welt, von denen Anregungen für die (Welt-)Wirtschaft ausgehen können – der internationale Handel entfällt als eigenständige »Antriebs«-Kategorie. Er spielt allenfalls für den Welt-Transportsektor eine Rolle (und noch dazu eine recht bedenkliche in Hinblick auf seine ökologischen Folgen).

Gäbe es eine Weltregierung, bräuchte sie sich über den Handel auf der Welt so viel und so wenig Gedanken zu machen, wie sich heute eine nationale Regierung Gedanken darüber macht, ob die regionalen Handelsströme innerhalb ihres Landes das Wachstum und die Entwicklung anregen. Da gibt es die Verkehrsplanung, den Länderfinanzausgleich und etwas Regionalpolitik, aber nicht die Vorstellung, dass der Handel zwischen Bayern und Bremen den entscheidenden Faktor für die Wirtschaftsdynamik in Bayern und Bremen oder gar der ganzen Republik darstellt. Austausch und Verbreitung von Wissen und Technologie durch Handel kann förderlich sein für ein »aufholendes« Land (indem es seine Produktionsweise verbessert) wie auch für ein »führendes« Land (indem es neue Absatzmärkte findet). Das ist aber nicht automatisch der Fall und vor allem nicht allein unter der Bedingung des sogenannten Freihandels.

Hinzu kommt, dass unser Wissen darüber, ob die Handelsströme, so wie sie sich heute darstellen, effizient und wohlstandserhöhend sind, äußerst beschränkt ist. Oft wird der internationale Handel schon dann als effizient angesehen, wenn er relativ frei stattfindet. Diese Schlussfolgerung ist aber sicher falsch. Denn viele der Voraussetzungen, die von der klassischen Handelstheorie unterstellt werden, um die Effizienz des freien Handels herleiten zu können, sind in der Weltwirtschaft faktisch nicht gegeben. Eine der wichtigsten Bedingungen ist, dass kein Land auf Dauer Überschüsse oder Defizite im internationalen Handel haben darf. Denn das ist Ausdruck von absoluten Vorteilen in weiten Bereichen der handelbaren Güter, die einen wirklich freien und effizienten Handel verhindern. Genau diese Bedingung aber ist seit vielen Jahren in wichtigen Ländern nicht erfüllt, wie wir hier empirisch ausführlich dokumentieren.

Wenden wir uns also diesem Teil der Weltwirtschaft zu und fragen, welche Nationen besonders vom Handel profitieren und ob das gerechtfertigt ist. Sollte sich der Handel für ein und dieselben Länder viele Jahre lang als vorteilhaft und für andere spiegelbildlich dazu als nachteilig erweisen, wäre einfach zu erklären, warum der internationale Handel von den einen als Motor der Wirtschaft (genau genommen nämlich ihrer Wirtschaft) gepriesen und die Freihandelsdoktrin verbissen verteidigt wird, während sich die anderen wundern, warum dieser Motor nicht in gleicher Weise auf ihre Länder positiv wirkt. Betrachtet man zunächst die Exportquoten großer Wirtschaftsregionen als Indikator für die Handelsverflechtung, fällt auf, dass diese Anteile nicht so groß sind wie oft vermutet. Die USA liegen bei nur 12%. Offenbar betreibt diese große Volkswirtschaft vor allem mit sich selbst Handel – sie ist eine relativ geschlossene Volkswirtschaft.

Doch auch Japan, die Eurozone und seit vier Jahren auch China weisen einen Exportanteil von nur knapp 20% auf, was erstaunlich ist, wenn man bedenkt, für wie wichtig die Politik den globalen Handel üblicherweise hält. Bei China ist interessant zu sehen, wie sehr sich das Land in den vergangenen 15 Jahren von einer reinen Exportorientierung weg und hin zu einer normal in die Weltwirtschaft integrierten großen Nation bewegt hat.

Das Bild ändert sich nur leicht, wenn man mittelgroße Nationen, die eine gewisse räumliche Nähe zueinander haben, betrachtet – das Niveau des Handelsvolumens liegt etwas höher, weil eben mehr Austausch zwischen »Nachbarn« stattfindet. Allerdings gibt es eine beachtliche Ausnahme: Während Frankreich, Italien und Spanien bis zur Finanzkrise eine Exportquote von 25 bis 30% aufwiesen, lag bereits damals Deutschland klar oberhalb davon und steigerte seine Quote auf 44%. Nach 2009 legten auch die anderen drei großen europäischen Volkswirtschaften bei ihren Exportquoten zu, aber nur auf einen Wert zwischen 32 und 35%. Deutschland erhöhte seine Quote noch weiter auf sage und schreibe 47%.

Vor 20 Jahren wies Deutschland noch eine durchaus normale Exportquote von etwas über 30% auf. In den ersten zehn Jahren der Währungsunion löste sich die größte Wirtschaftsmacht Europas von ihren Konkurrenten und stieg zu einer weitgehend vom Export und den Exportinteressen dominierten Volkswirtschaft auf. Das lässt sich nur durch die von der Politik herbeigeführte Lohnzurückhaltung erklären.

Will man die »Leistung« einer Volkswirtschaft im internationalen Rahmen beurteilen, ist allerdings das Verhältnis von Ausfuhr und Einfuhr eines Landes wichtiger als die Exportquote. Auch sehr hohe Exportwerte sind kein Problem, wenn ihnen gleich große Importe gegenüberstehen. Nur wenn ein Land permanent mehr exportiert als importiert, bedeutet das in der Regel, dass das Überschussland auch Arbeitslosigkeit exportiert. Denn es verdrängt andere Länder auf deren heimischen Märkten und darüber hinaus auch auf anderen Märkten in der gesamten Welt, den sogenannten Drittmärkten. Es zieht nämlich per Saldo Nachfrage auf sich, die anderen Ländern fehlt. Ein Land, dem das gelingt, hat normalerweise absolute Vorteile im Handel, die es nicht permanent haben sollte.

Friederike Spiecker

Friederike SpieckerFriederike Spiecker ist Diplom-Volkswirtin und absolvierte von 1986 bis 1991 ihr Studium der Volkswirtschaftslehre an der Uni Konstanz. Sie hat in der Konjunkturabteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin gearbeitet. Sie lernte in den 1990er-Jahren in der Konjunkturabteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin das Handwerkszeug in theoretischer und empirischer Makroökonomie sowie Konjunkturprognose. Heute arbeitet sie als freie Wirtschaftspublizistin zu nationalen wie internationalen Fragen der Wirtschaftspolitik. Zudem ist sie in der wirtschaftspolitischen Beratung von Parteien, Gewerkschaften und Verbanden tätig.

Bleiben Sie auf dem Laufenden

Ein- bis zweimal monatlich informieren wir Sie über Neuerscheinungen, aktuelle Kommentare und weitere interessante Aktionen

Westend