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Ideologie, Kritik und Öffentlichkeit

Mit der empirisch-sozialwissenschaftlichen Wende in der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft und der Marginalisierung von Vertretern und Vertreterinnen der Kritischen Theorie in den 1960er bis 1980er Jahren sind einige Begriffe aus der Fachdebatte praktisch verschwunden. »Herrschaft« gehört dazu ebenso wie »Propaganda«, »Manipulation« und »Ideologie«. Dieser Tendenz will das Netzwerk Kritische Kommunikationswissenschaft aus jungen Forscherinnen und Forschern entgegensteuern und übt mit einem neuen Buch, herausgegeben von Uwe Krüger und Sebastian Sevignani, Ideologiekritik an den Kommunikationsverhältnissen in westlich-kapitalistischen Demokratien. Es beleuchtet Ideologien in der massenmedialen Berichterstattung, der Medienpolitik, der Medienindustrie und der Medienwissenschaft.

Paradigmatisch für diesen Wandel steht Paul F. Lazarsfeld, der als Pionier der modernen Kommunikationswissenschaft und Begründer ihres empiristischen Paradigmas gilt. Lazarsfeld, ursprünglich Sozialist und Austromarxist, schrieb noch 1948: »In zunehmendem Maße haben die stärksten Machtgruppen, unter denen die Verbände der Wirtschaft den wichtigsten Platz einnehmen, Techniken der Manipulation des Massenpublikums durch Propaganda übernommen und sie an die Stelle direkterer Machtausübung gesetzt«. Zur selben Zeit und schon zuvor betrieb er allerdings Medienwirkungsforschung im Auftrag von Stiftungen, Behörden, Regierung, Armee und Privatwirtschaft und verstand sich als administrativer Forscher, der im Gegensatz zu kritischen Forscher*innen »kleine Probleme, meist geschäftlicher Art« löst, sozialtechnologisch verwertbare Analysen liefert und keine grundlegende Ideologie- oder Gesellschaftskritik übt. Lazarsfelds Art der administrativen, angewandten, vor allem empirisch-quantitativen Sozialforschung verbreitete sich auch in westeuropäischen Wissenschaftssystemen, und spätestens seit der »konservativen Wende« in der deutschen Kommunikationswissenschaft der frühen 1980er Jahre ist von Ideologiekritik auch hierzulande kaum noch etwas zu sehen.

Mit diesem Buch will das Netzwerk Kritische Kommunikationswissenschaft (KriKoWi) dieser Tendenz gegensteuern. Es ist die erste Publikation, mit der das im März 2017 auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) in Düsseldorf gegründete Netzwerk in die interessierte Öffentlichkeit tritt. Unter Kritischer Kommunikationswissenschaft verstehen wir Forschung mit einem Bezug zu Gesellschaftstheorie und Kapitalismusanalyse, mit einem Fokus auf Herrschaftsformen und Machtungleichgewichte, mit einem Verständnis der historischen Genese gesellschaftlicher Verhältnisse und mit der Perspektive auf deren Transformation. Unter dieser Klammer vereinen wir verschiedene Theorie- und Forschungstraditionen.

Ein kritischer Ideologiebegriff, jenseits unterschiedlicher inhaltlicher Füllung durch die im Netzwerk versammelten Ansätze, zielt letztlich darauf ab, zu verstehen, wie Denk- und Sprachformen für die Herstellung, Aufrechterhaltung und Rechtfertigung von Macht und Herrschaftsverhältnissen funktional sind. Während die Ideologietheorie danach fragt, wie diese Denk- und Sprachformen wirkmächtig werden, geht es der Ideologiekritik darum herauszufinden, was, d. h. welcher Inhalt, geeignet ist, Macht und Herrschaftsverhältnisse zu (re-)produzieren. Ideologiekritik ist eine Kernaufgabe kritischer Wissenschaft insgesamt, die kritische Medien- und Kommunikationswissenschaft muss hierzu aber einen wichtigen Beitrag leisten, werden Ideologien doch gerade auch in den Medien (re-)produziert und durch sie in der Öffentlichkeit verbreitet – möglicherweise auch durch (affirmative) Medien- und Kommunikationswissenschaft.

Relevant ist die Themenstellung dieses Bandes vor allem vor dem Hintergrund der weltpolitischen Entwicklungen und verschärfter Kämpfe um die ideologische Vorherrschaft: Innerhalb vieler westlicher Gesellschaften wird das neoliberale Globalisierungsparadigma, das in den letzten Jahrzehnten immer stärkere Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten hervorgebracht hat, von erstarkenden nationalistischen Bewegungen vermeintlich herausgefordert. In den USA hat ein »ultrareaktionärer Neoliberalismus« mit Donald Trump als Bannerträger einen »progressiven Neoliberalismus« ab gelöst, der Minderheiten und sozialen Bewegungen in Fragen symbolischer Anerkennung entgegengekommen war, während wirtschafts- und sozialpolitisch von unten nach oben umverteilt wurde. Auf globaler Ebene tritt mit dem Aufstieg Chinas und seiner Mischung aus staatskapitalistischem Wirtschaftssystem und staatssozialistischen Elementen wieder ein ernstzunehmender Herausforderer des neoliberalen Kapitalismus auf den Plan; zugleich trägt der Westen mit einem erstarkten Russland nicht nur politische und (über Stellvertreterkriege etwa in der Ukraine und Syrien) militärische, sondern auch ideologische Konflikte aus. Über allem hängt zudem das Damoklesschwert drastischer Umweltveränderungen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten, die zu einer »Klimatragödie« und einem baldigen gesellschaftlichen Zusammenbruch auch in bisherigen Wohlstandsregionen wie Europa führen könnten – verursacht letztlich von einer kohlenstoffbasierten Wirtschaftsweise mit Wachstumszwang, die tief in den Köpfen und gesellschaftlichen Institutionen verankert ist.

In all diesen Feldern spielt öffentliche Kommunikation eine große Rolle, speziell auf sozialen Netzwerkplattformen, im Journalismus, in Alternativmedien, in der Werbung oder in der strategischen Kommunikation. Demgegenüber gibt es wenig progressive Erzählungen und solidarische Alternativen bleiben marginal. Nach wie vor kann man mit Rahel Jaeggi sagen: »Die Verhältnisse schreien nach Ideologiekritik«.

Uwe Krüger

Uwe KrügerDr. Uwe Krüger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikations-und Medienwissenschaft und Forschungskoordinator des Zentrums Journalismus und Demokratie der Universität Leipzig. 2017 hat er das Netzwerk Kritische Kommunikationswissenschaft mitgegründet. Für seine Bücher „Mainstream“ (C.H.Beck 2016) und „Meinungsmacht“ (Halem 2013) erhielt er den Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik.

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