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Ich bin eine Frau ohne Geschichte

 

Auch heute noch funktionieren die meisten Geschichten so: ein einsamer männlicher, oft weißer Held, besteht, garniert mit gewalttätiger und erotischer Action, eine abenteuerliche Herausforderung – Schluss, aus, Happy End. Aber wie viele Geschichten gibt es, ob im antiken Drama, im preisgekrönten Hollywoodfilm, als Höhlenmalerei oder im täglichen politischen Diskurs, in denen hauptsächlich Frauen agieren und den Ton der Handlung bestimmen? Pointiert und elegant dekonstruiert Alice Zeniter bekannte Heldenerzählungen und stellt klassische Narrative auf den Prüfstand. Ihr streitbarer Monolog birgt einen unbestechlichen Blick und glasklare Urteile. Sie entlarvt unsere uralten Erzählgewohnheiten und tritt zugleich für die Kraft der Fiktion ein, die mehr als jeder Tatsachenbericht Brücken der Verständigung zwischen gesellschaftlichen Welten zu bauen vermag.

Beginnen wir vielleicht damit, uns vorzustellen (unilateral, da ich bedauerlicherweise nicht wissen kann, wer Sie sind. Sie sind »Sie« und so werde ich Sie in diesem Text auch nennen). Ich meinerseits heiße Alice Zeniter, ich bin Schriftstellerin und spreche mit Ihnen auf den nächsten Seiten über das Geschichtenerzählen. Für mich ist das ein wichtiges Thema, nicht nur, weil es mein Beruf ist, Geschichten zu schreiben, sondern weil Geschichten, Narrative einen riesigen Teil unserer Existenz ausmachen und wir uns selten Zeit nehmen, sie zu untersuchen.

Dieser Text gibt mir die Möglichkeit, mit Ihnen einige Betrachtungen und Methoden zu teilen. Dass er nun das Tageslicht erblickt, freut mich sehr, denn der Wunsch ihn zu schreiben ist bereits vor einigen Jahren entstanden. Ich erinnere mich, dass ich im Zug von Saint-Brieuc nach Paris saß. Ich war zu spät ins Bett gegangen, zu früh aufgestanden und hatte geglaubt, auf die Fahrt im TGV zählen zu können, um ein oder zwei Stunden Schlaf wettzumachen. Ich habe mich ins Familienabteil gesetzt, auf den Fensterplatz, und habe versucht zu schlafen … Aber nichts. Je länger ich wach blieb, desto nervöser wurde ich natürlich und desto weniger war ich in der Lage, schlafen zu können. Also bin ich nach einer Weile aufgestanden, um mein Buch zu holen, das ich in meinem Koffer vergessen hatte. Ich bin bis zum Gepäckabteil gegangen, das am anderen Ende des Gangs war, habe meinen Koffer geöffnet und da …

Und da …

Und da denken Sie normalerweise, dass nun etwas passiert. Denn sobald ich Ihnen erzähle, dass ich in einem Zug war, erzeuge ich eine Art Erwartungshorizont. Die bloße Tatsache, dass ich mich entscheide, von Mir-im-Zug zu sprechen, heißt, dass es da eine Geschichte gibt, etwas, das der Mühe lohnt, erzählt zu werden. Noch dazu steht sie am Anfang des Buchs, also muss sie fesselnd sein – hoffen wir, dass ich eine verdammt gute Geschichte habe. Bloß denke ich gar nicht, dass ich im Begriff bin, den Anfang einer Geschichte zu erleben, als ich da im Zug auf dem Fensterplatz des Familienabteils sitze oder im Gang stehe. Ich frage mich nicht: »Oh, aber Alice, wie wird sich das alles wohl entwickeln?« Nein, ich begnüge mich damit, im-Zug-zu-sein und dass Sie verstehen, was das bedeutet, ist unmöglich, denn sobald ich anfange, davon zu erzählen, lösche ich jede Möglichkeit aus, einfach nur zu sein: auf dem Platz zu sein, im Zug zu sein, am Fenster zu sein … Vielleicht bedeutet das, dass jedes Erzählen wenigstens teilweise Fiktion ist.

Genau darüber möchte ich sprechen.

Denn wir alle erzählen uns Geschichten, die ganze Zeit. Wir hören, lesen und rezipieren auch andauernd welche. In Wirklichkeit sind wir so durch das Erzählen geprägt, dass wir es nicht einmal mehr bemerken. Wir bewegen uns auf Textzeilen voran, wo wir glauben, etwas Wirklichem zu begegnen, wo wir meinen, dass wir mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen stehen …

Denken Sie an Kinotrailer, die verkünden, dass Filme »von wahren Begebenheiten inspiriert« seien oder an das Faktenchecken, das im Begriff ist, zum vollwertigen Berufszweig neben dem Journalismus zu werden. Nur in den wenigsten Fällen jedoch ist der Bezug zu Fakten tatsächlich gegeben. Filmemacher, die sich durch wahre Begebenheiten inspirieren lassen, lassen sich durch den Bericht wahrer Begebenheiten inspirieren, den sie zuvor erstattet bekamen. Journalisten, die einen Politiker in der ein oder anderen Angelegenheit zurechtweisen, berufen sich auf die Aussage einer wissenschaftlichen Gemeinschaft, die sie für glaubwürdiger halten als den fraglichen Politiker. Womöglich befinden wir uns in einem dauerhaften sprachlichen Kampf. Dann sollten Semiotik, Narratologie oder Linguistik als Instrumente erster Wahl betrachtet werden, um die Äußerungen zu analysieren, die uns umgeben. Ich begreife nicht, warum man solche Disziplinen hinter den Mauern der Universitäten schlummern lässt und annimmt, dass sie nur die paar Forscher interessieren, die ihre Arbeiten in diesen Bereichen verrichten. Manchmal kommt mir der Sprachkampf so offensichtlich, so frappierend vor, dass ich fast schon denke, Semiotik und Narratologie sind nicht bloß Instrumente, sondern regelrecht Kampfsportarten. Dann ist dieser Text ein Einführungskurs.

Das Problem sich unkontrolliert ausbreitender Geschichten, das ich hier anspreche, ist keine kürzlich erst aufgetretene Unstimmigkeit, bei weitem nicht. Selbst die Höhlenmenschen haben sich mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen, gegenseitig Geschichten erzählt und Zeichnungen und Gravuren auf den Wänden ihrer Höhlen hinterlassen. Und seit der Epoche der Höhlenmalereien kann man ein Problem der fehlenden Übereinstimmung von Erzählung und »Realität« ausmachen. Welches Problem genau? In Die Tragetaschentheorie des Erzählens fragt sich die amerikanische Autorin Ursula Le Guin, wie unsere Jäger-und-Sammler-Zivilisation zur Wiege von Geschichten werden konnte, die von nichts als den Jägern handeln. Sie bringt die Tatsache, dass Fleisch einen nur minimalen Anteil der Ernährung ausmachte (zwischen 65 und 80 % der menschlichen Nahrung wurde gesammelt) ins richtige Verhältnis mit dem riesigen Platz an den Innenwänden der Höhlen und in den Gemütern, der durch Mammut-Jäger besetzt ist. Die Jäger haben sich durchgesetzt, nicht, weil das Fleisch so ausschlaggebend war, sondern weil ihre Geschichte besser war. Und es stimmt, Geschichten vom Sammeln sind etwas knifflig zu konstruieren. Wenn ich Ihnen zum Beispiel erzähle, dass ich meinen Tag im Wald verbracht habe und eine Preiselbeere gepflückt habe und dann noch eine und dann noch eine, ah, und noch eine weitere, zehn Preiselbeeren, zwanzig Preiselbeeren … dann ist das nicht gerade fesselnd. Ich kann natürlich versuchen, die Spannung zu erhöhen: Heute habe ich eine Preiselbeere gepflückt! Gefolgt von einer weiteren Preiselbeere! Und plötzlich bin ich über ein wunderbares Beet voller Preiselbeeren gestolpert, sie waren rot und glänzend, die schönsten aller Preiselbeeren, da habe ich sie ich sie mit vollen Händen gepflückt und … Na gut, zugegeben, selbst wenn ich noch ein Präteritum einbauen würde, Chiasmen und Homöoteleuta, so bleibt ein großes Risiko, dass ich Sie langweile. Aber was, wenn ich Ihnen erzähle, dass ein riesenhaftes Mammut auf mich losgegangen ist?

Ich lauerte in einer matschigen Grube, die ich nachts ausgehoben hatte, und als es ganz nah herankam, riesig und furchteinflößend, sprang ich mit einem Satz heraus. Es versuchte, mir einen Abwehrschlag zu verpassen, peng, mit dem Stock pariert. Zweiter Verteidigungsschlag, seitliches Ausweichen, Rolle, Fußfeger, Armhebel, ich gleite unter seine Beine, stoße meinen Speer in seinen Bauch. Überall ist Blut, es schießt in Strömen hervor!

Hier sind meine Chancen sicher besser, Ihre Aufmerksamkeit zu wecken. Hier gibt es eine Handlung, einen Konflikt, einen Helden, es ist toll. Jedoch nicht unproblematisch, da diese Art Geschichte ausschließlich die Geschichte eines Helden ist:

Während wir all den Jägergeschichten zuhören, haben wir die Sammler vergessen und eine Gleichung zwischen Leben und Fleisch aufgestellt, die absolut nicht auf den Nährwert der Nahrungsmittel zurückzuführen ist, sondern auf die verführerische Gestalt der Erzählung.

Alice Zeniter

Alice ZeniterAlice Zeniter, 1986 in Alençon geboren, wuchs in dem kleinen Dorf Champfleur auf. Nach ihrem Schulabschluss studierte sie an der École normale supérieure in Paris. Sie arbeitet als Lehrerin und Dramaturgin. Internationales Aufsehen erregte sie mit ihrem Roman "Die Kunst zu verlieren" mit dem sie es u.a. in die Auswahl für den Prix Goncourt schaffte. Zeniter lebt in Paris und in der Bretagne

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