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Herr Bien und seine Feinde

Seit über 100 Millionen Jahren prägt der Bien – also das Bienenvolk mit seinem Stock – das Leben auf unserer Erde, weil er einer riesigen Pflanzengruppe als Bestäuber dient. Ohne Biene keine Äpfel. Wenn es nach dem Willen der Agrochemiekonzerne geht, soll dies jedoch anders werden. Ihnen schwebt eine Zukunft der Roboterbienen vor. Bestäubt wird nur noch, was Kasse bringt. Willkommen in einem der folgenschwersten Auswüchse des menschengemachten Ökozids. Timm Koch führt uns in seinem Buch in die wundersame Welt der Bienen und zeigt: Noch funktioniert die Mensch-Bien-Symbiose, noch stemmt sich die Herrschaft des Biens gegen die vollkommen ungezügelte Vergiftung unserer Landschaften durch Bayer, Monsanto und Co. Aber wir sind in einer kritischen Phase angelangt. Ein Kommentar zum UN-Weltbienentag von Timm Koch.

 

Der mit seinen pestizidgetränkten Ramschlebensmitteln für die Misere unserer Insektenwelt mitverantwortliche Konzern Aldi verkauft plötzlich Wildbienenhotels und flutet das Internet mit Werbung, in der er sich um den Fortbestand der Bienen sorgt. Lidl hat die Bienenliteratur für sich entdeckt und vertreibt Bücher der Initiative „Deutschland summt“. Billionenfacher Insektentod ist als Geschäftsmodell ein wesentliches Standbein des Bayer-Konzerns, der mit „Bayer Bee Care“ einen rund zwanzigköpfigen Stab zum Wohle der Biene unterhält. Der Schutz der Biene hat es sogar geschafft, Teil des GroKo-Koalitionsvertrags zu werden. Willkommen im Spinnennetz der Lüge und des schönen Scheins, das die Kräfte des Beharrens zu weben versuchen, ohne vermutlich auch nur im Traum daran zu denken, die ach so profitable Zerstörung unserer Lebensgrundlagen in irgendeiner Form auszusetzen. Denn das ist die Insektenbestäubung: die Fortpflanzungsmethode von 70 Prozent unserer terrestrischen Pflanzen und damit die Lebensgrundlage nicht nur des Menschen, sondern – in welcher Form auch immer – von so ziemlich allem, was da kreucht und fleucht.

Nun reden alle davon, dass wir die Bienen „retten“ müssen. Schließlich sind sie ja, wie alle langsam begreifen, immens wichtig für unser Überleben. Den Rest der Insektenwelt brauchen wir eigentlich genauso wenig wie beispielsweise die Vögel, die ja auch langsam, aber stetig verschwinden. Sollen sie doch verrecken, mit denen ist kein Geld zu verdienen. So funktioniert die perfide Propagandamaschinerie des internationalen Giftkartells, die nicht nur die Politik, sondern längst auch unsere Köpfe gekapert hat.

Der nächste, wesentlich durchsichtigere Propagandaschachzug ist die Behauptung, die Menschheit brauche synthetischen Pflanzenschutz, um die steigende Weltbevölkerung ernähren zu können. Angesichts der riesigen Mengen Nahrung, die in irgendwelchen „Bio“-Kraftwerken in elektrischen Strom verwandelt werden, wie große Mengen des Rapsöls, im Tank von Dieselfahrzeugen landen oder wegen eines mehr als willkürlich festgelegten Mindesthaltbarkeitsdatums einfach fortgeworfen werden, ist dieses Argument mehr als bloßer Hohn. Es ist brandgefährlich, weil das Gegenteil der Fall ist. Mit synthetischem Pflanzenschutz wird die Ernährung der Weltbevölkerung in Wirklichkeit aufs Spiel gesetzt. Sie ist auch alles andere als die Motivation für das Treiben der Konzerne. Ihnen geht es ums knallharte Geschäft.

Die berühmte, seit 1985 laufende Krefelder Insektenstudie hat den Verlust von bis zu 80 Prozent unserer Insektenwelt zutage gefördert. Kaum einer denkt darüber nach, dass zu diesem Zeitpunkt synthetische Pestizide schon seit vielen Jahrzehnten im Einsatz gewesen sind und dass die Verluste im Ganzen betrachtet wohl noch wesentlich höher sein dürften.

Der moderne Mensch hat sich vom Homo sapiens zum Homo sapiens sapiens entwickeln können. Einmal sapiens reichte ihm nicht. Der industrialisierte Mensch von heute bewegt sich mit Riesenschritten in Richtung Homo Deus. Ihm will ich ganz laut zurufen: „Wer denkt, er sei Gott, dem sei dringend ein Gang in eine Heilanstalt angeraten.“ So ein Mensch braucht eine Therapie. Meine Hoffnung ist, dass die Biene hier helfen kann. Wir brauchen allesamt eine gehörige Portion Apitherapie, um auf den Boden der Tatsachen zurückzufinden.

Die Bienen können uns helfen, auf dem langen und steinigen Weg zu einer internationalen Ächtung der synthetischen Pestizide die Richtung nicht zu verlieren. Tausende Bio-Bauern machen vor, dass eine Landwirtschaft ohne Gift möglich ist.

Timm Koch

Timm KochTimm Koch hat Philosophie an der FU und Humboldt Universität in Berlin studiert, ist Autor und schreibt Drehbücher für Film und Fernsehen. Schon seit seiner Jugend lernt und lebt er die archaischen Künste des Gärtnerns, des Sammelns von Wildfrüchten und Pilzen, der Jagd, des Fischfangs und eben der Imkerei - und genießt die Illusion, dass beim Nahrungserwerb die Ketten der Industrie für ihn und seine Familie ein wenig lockerer sitzen als bei den meisten anderen Menschen unseres Kulturkreises. Er lebt in Rheinbreitbach.

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