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Gewinn für alle!

Genossenschaften boomen, auch und gerade in einem hochindustrialisierten und auf den Weltmärkten konkurrierenden Land wie Deutschland. Dieses uralte Wirtschaftsprinzip erweist sich in Konjunktur-, vor allem aber in Krisenzeiten als hoch überlegen gegenüber anderen marktwissenschaftlichen Unternehmensformen. Zum Tag der Genossenschaften am 7. Juli ist es also höchste Zeit, sich einmal gründlich mit diesem Wirtschaftsmodell auseinanderzusetzen. Ein Auszug aus dem Buch Gewinn für alle! Wie wir mit Genossenschaften den Kapitalismus überwinden.

Dass heute mehr als 800 Millionen Menschen in mehr als hundert Ländern der Welt Mitglieder in Genossenschaften sind, dass in vielen Ländern ein Großteil der Nahrungsmittelproduktion in den Händen von Genossenschaften liegt, dass Schulen, Krankenhäuser und kommunale Betriebe häufig genossenschaftlich organisiert sind und Genossenschaften so weltweit wesentlich dazu beitragen, soziale und ökonomische Herausforderungen zu meistern – diese Fakten ändern nichts daran, dass das Modell Genossenschaft ein noch immer nahezu unbekannter Riese ist. Wer bei REWE (Abkürzung von Revisionsverband der Westkauf-Genossenschaften) einkauft, bei DENIC (Deutsches Network Information Center) eine Webadresse beantragt oder via DATEV seine Steuererklärungen erledigt, weiß oft gar nicht, dass er es dabei mit Genossenschaften zu tun hat. In Deutschland sind etwa zwanzig Millionen Menschen Mitglieder einer Genossenschaft – die meisten (circa zwölf Millionen) bei den Volks- und Raiffeisenbanken – und nur 4,3 Millionen sind Aktionäre. Vor der Tagesschau wird indessen stets ausführlich über den Börsenzirkus berichtet, Genossenschaften spielen hier wie in der gesamten Medienberichterstattung kaum eine Rolle. Das hat nicht nur mit den Werbemillionen zu tun, mit denen Finanzkonzerne diese Berichterstattung finanzieren, sondern auch mit dem eher miefigen Image, das Genossenschaften fälschlicherweise immer noch angeheftet wird.

Doch ein Blick in die Geschichte und auf die vielen funktionierenden Genossenschaften von heute lehrt das Gegenteil – wie etwa die Genossenschaft der taz, die seit nunmehr 25 Jahren die Unabhängigkeit einer Zeitung sichert. Auch die neueren Erkenntnisse der Wissenschaft belegen das Erfolgsmodell Genossenschaft, denn von der Spieltheorie bis zur Mikrobiologie sind die Daten ganz eindeutig: nicht maximaler Eigennutz, sondern gegenseitige Hilfe und Fähigkeit zur Kooperation führen zum Erfolg. Das gilt nicht nur im Reich der Bakterien und der natürlichen Evolution, sondern auch für die nachhaltige Entwicklung sozialer und wirtschaftlicher Systeme. Die Prinzipien der Genossenschaft bieten dafür den idealen Rahmen. Es wird Zeit, den unbekannten Riesen populär zu machen.

Noch in den 1980er Jahren galten Genossenschaften in Deutschland als verstaubtes Relikt vergangener Zeiten und ihre Prinzipien allenfalls als Gegenstand historischer Seminare zum Thema frühsozialistische Utopien. Im Westen standen sie im Zuge des Kalten Kriegs zudem tendenziell unter dem ideologischen Verdacht kommunistischer Misswirtschaft, so dass in der Bundesrepublik – außer einigen Wohnungsbaugenossenschaften in den 1950er Jahren – kaum noch neue Genossenschaften gegründet wurden. Dies hat sich jedoch in jüngerer Zeit drastisch geändert: »Das Modell Genossenschaft ist erfolgreicher denn je und erobert immer neue Bereiche« beschrieb die Financial Times Deutschland im Oktober 2011 den neuen Boom an Genossenschaften, deren Neueintragungen sich in Deutschland von elf im Jahr 2005 auf 229 im Jahr 2009 und 215 im Jahr 2010 nahezu verzwanzigfacht haben. Seitdem sind bis 2016 weitere 1000 neue Genossenschaften hinzugekommen, sodass heute insgesamt 5664 unter dem Dach des deutschen Genossenschafts-, und Raiffeisenverbands organisiert sind. Die Gründe für diesen Boom liegen neben praktischen Erwägungen über die Vorteile einer kooperativen Unternehmensform vor allem auch darin, dass die von Privatisierung, Neoliberalismus und deregulierten Finanzmärkten heraufbeschworenen Krisen zu einer Renaissance von Werten wie gesellschaftlicher Verantwortung, Nachhaltigkeit und Gemeinwohl geführt haben. Und zu einer Wiederentdeckung jener klassischen Form der Gemeinschaftsunternehmung, der Genossenschaft, die beides unter einen Hut bringt: Wirtschaftlichkeit und gesellschaftliche Verantwortung.

Genossenschaften haben ihren schlechten Ruf in Sachen Ökonomie abgeschüttelt, der ihnen vor allem aus der Unwirtschaftlichkeit der staatlichen Zwangskollektivierungen in den ehemaligen sozialistischen Ländern zugewachsen war. Diese Zwangsgenossenschaften konnten nur in einem System überleben, das sie vor der Konkurrenz mit effizienteren Wettbewerbern schützte – die heutigen Genossenschaften indessen werden gegründet, weil sie im marktwirtschaftlichen Wettbewerb eine bessere, nachhaltigere Position eröffnen. Denn Genossenschaftsmitglieder behalten einerseits ihre Selbständigkeit und Handlungsfreiheit, gewinnen aber andererseits Vorteile hinzu durch die Förderung des Verbunds und die auf viele Schultern verteilten Lasten. Dass viele schaffen können, was der einzelne nie erreichen kann – dieses uralte Prinzip hat schon in der Antike zu Kooperativen und Gemeinschaftsbildungen geführt, später zu den Zünften und Gilden des Mittelalters und heute zu einem Boom von neuen Genossenschaften in einem hochindustrialisierten und auf den Weltmärkten konkurrierenden Land wie Deutschland.

Warum das so ist, was Genossenschaften auszeichnet, wie sie funktionieren und warum diese alte Idee das Zukunftsmodell einer sozialen, werteorientierten Marktwirtschaft darstellt – diesen Fragen werden wir in diesem Buch nachgehen.

Konny Gellenbeck

Konny GellenbeckKonny Gellenbeck ist seit 1996 als Leiterin für die taz Genossenschaft und ihre über 10.000 Mitglieder zuständig. 2008 kam die gemeinnützige taz Panter Stiftung dazu, deren Aufbau sie maßgeblich gestaltete und bei welcher sie nun im Vorstand ist.

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