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Gesicherte Diagnose: Keine Ahnung

Der Milliardenmarkt der Krankheitsbranche wächst und wächst – und damit auch die von ihr verursachten Verheerungen. Nach Krebs und Herzinfarkten stehen auf Platz drei der Exitus-Liste die von Ärzten und durch Medikamente verursachten Todesfälle. Sven Böttcher räumt gründlich auf mit unseren falschen Vorstellungen und korrigiert tödliche Wahrnehmungsfehler.

In Sachen Schlagfertigkeit merkt man natürlich meine Schweizer Vorfahren, schlagfertig bin ich meist erst eine Stunde später. Als ich neulich im Interview fröhlich-provokativ gefragt wurde „Willst du damit sagen, Neurologen hätten generell keine Ahnung von MS?“, war mein Reflex eher höflich, vulgo irgendwas Relativierendes, Gemurmeltes. (Glaube ich. Kann mich nicht genau erinnern und höre mir so was ja nachher nicht noch mal an.)

Die richtige Antwort hätte natürlich lauten müssen: „Ja“, am besten schlagfertig ergänzt durch: „Aber das muss ich denen garantiert nicht sagen, das wissen die ja selbst.“

Richtig ist aber auch, dass der gemeine Neurologe diese Auskunft nicht direkt vor sich herträgt. Oder gar seinem frisch diagnostizierten Patienten sagt: „Also, vorneweg: Ich hab keine Ahnung von MS.“ Das entspräche der Wahrheit, wäre aber sicherlich nicht optimal für das Vertrauensverhältnis zum Patienten (und ich lasse hier gerne die Erörterung weg, was denn das für ein eigenartiges Vertrauensverhältnis ist, das auf einer so wichtigen Weglassung basiert, denn das entspricht ja zirka der Parship-Weglassung von „Ich bin übrigens schon mit einer anderen Frau verheiratet.“)

Ich persönlich hätte solche Ehrlichkeit natürlich erfrischend gefunden, aber ich war ja auch schon vor meiner Diagnose sonderbar. Ich räume indes gern ein, dass es die Kundenbindung dezent erschwert hätte, für den Anbieter, hätte er seine Ahnungslosigkeit direkt zugegeben. Die Pluspunkte für Ehrlichkeit hätten das wohl nur im Ausnahmefall aufgewogen, zum Beispiel meinem. Viele andere Kunden wissen Ehrlichkeit aber offenbar gar nicht zu schätzen. So was verunsichert einen ja nur. Das macht so komische Farben, und wer braucht Farben, wenn er Schwarz und Weiß kennt?

Im Übrigen sage ich nicht, Ärzte hätten sowieso keine Ahnung. Es gibt durchaus Ärzte, die von gewissen Krankheiten Ahnung haben oder sogar wirklich etwas drüber wissen. Sogar wie man gewisse Erkrankungen erfolgreich behandelt. Aus jahrhundertelanger Erfahrung oder weil es evidenzbasierte Maßnahmen gibt, die sich als therapeutisch sinnvoll erweisen haben, von Blutverdünnung bis Gips, von Bettruhe bis Patience, von Nadel bis Faden.

Bei ernsten Erkrankungen seine eigene ärztliche Ahnungslosigkeit zu verschweigen, erscheint mir allerdings nicht unbedingt zielführend. Zwar könnte sich der Behandler hier herausreden auf „Sonst mache ich doch den ganzen schönen Placebo-Effekt kaputt!“ – und hätte damit sogar bedingt Recht. Nur weiß er ja in der Regel gar nicht, dass er mit diesem Effekt arbeitet, sondern glaubt schlicht selbst an die Wirksamkeit der von ihm angeordneten Therapie. Weil das so in der Leitlinie steht. Und weil die von Fachleuten gemacht wird, die Leitlinie.

Dennoch: „Willst du damit sagen, Neurologen hätten generell keine Ahnung von MS?“

Ja. Weil (hier exemplarisch, aber übertragbar auf so viele dubiose, insbesondere als „autoimmun“ deklarierte Krankheiten) unausgesprochen Folgendes im Raum steht: „Wir kennen nicht die Ursache. Wir wissen nicht, warum mancher Erkrankte nur einen Schub hat und danach nie wieder etwas, und der nächste Erkrankte nach zwei Jahren gelähmt ist. Wir kennen nicht ‚den natürlichen‘ Verlauf. Wir wissen daher auch nicht, welchen Einfluss die von uns verschriebenen Medikamente haben. (Wir wissen allerdings, dass diese Medikamente Nebenwirkungen haben). Wir können auch unsere Medikamente nicht auf ihre Wirksamkeit gegen MS testen, im Tierversuch, weil wir ja nicht wissen, was MS auslöst, wir also MS auch nicht experimentell auslösen können. Sondern nur eine Experimentelle Autoenzephalitis, was vielleicht etwas Ähnliches ist, vielleicht aber auch nicht. Woher sollen wir das wissen? Wir kennen ja weder Pathogenese noch Pathomechanismus der MS. Im Übrigen wissen wir bei den von uns am Ende verschriebenen Medikamenten sowieso nicht, wie wirksam die tatsächlich sind, denn weder kennen wir die Studiendesigns (geschweige denn die abgebrochenen Studien), noch müssen die Hersteller irgendwelchen unabhängigen Faktencheckern ihre Rohdaten vorlegen. Wir müssen denen halt einfach glauben. Machen wir. Aber ob das alles so stimmt? Keine Ahnung. Kurz: Wir geben Medikamente, von denen wir nichts verstehen, in Körper, von denen wir wenig verstehen, außer dass in Sachen der ‚unberechenbaren‘ MS der Krankheitsverlauf schubförmig ist und dass die meisten Ausfälle sich (anfangs) von selbst zurückbilden. Das heißt, wir wissen nicht mal, ob unsere Medikamente überhaupt irgendwas nützen. Im Übrigen haben wir absolut keine Ahnung vom Zusammenspiel von Körper und Seele, geschweige denn von Ernährung (hatten wir im Studium nicht) oder Statistik (auch nicht). Sicher wissen wir eigentlich nur, Stand 2019, dass etliche unserer MS-Diagnosen schlicht falsch sind, jedenfalls wenn man den vorliegenden Studien glauben darf. Das machen wir also lieber nicht, sondern machen genauso weiter wie bisher. Ob das besonders schlau ist? Keine Ahnung.“

Das meinte ich.

Und finde, ganz bescheiden, ein bisschen mehr Ehrlichkeit und Demut erfrischend. Aber da ich nicht bescheuert bin, sondern nur klinisch gesichert ein bisschen hirnverbrannt, ist mir durchaus bewusst, dass Ehrlichkeit und Demut nicht gut fürs Geschäft sind. Am Ende stellen die Patienten – nee, „Gesundheitskunden“, so heißen die heute – dann noch Nachfragen (so was geht wegen der bestehenden Gebührenordnung für Ärzte echt gar nicht), oder kommen auf vollends dumme Gedanken und fragen ihren panikmachenden Chemo-Dealer („Einer von vier Deutschen stirbt an Krebs!“) dramatische Sachen wie: „Oh Gott, und die sind alle im Schnitt erst 75 bis 80 Jahre alt! Wollen Sie damit etwa sagen … dass am Ende vier von vier Deutschen sterben?“

Das ist ja grauenhaft! Dieses Sterben scheint ja eine regelrechte Epidemie zu sein, wann tun denn unsere Ärzte endlich mal was dagegen!

Na.

Dann doch lieber so tun, als hätte man echt Ahnung. Und als könnte man HalbGottinweißwas bewirken. Nicht, dass die Leute nachher noch auf die richtigen Fragen, Antworten und Ideen kommen, betreffend das Leben, das Universum und den ganzen Rest.

 

 

Sven Böttcher

Sven BöttcherSven Böttcher, Schriftsteller und Drehbuchautor, erkrankte 2005 "unheilbar" an Multipler Sklerose, folgte den Therapieempfehlungen seiner Neurologen und war 2008 schon fast tot. Erst als er der Ärzteschaft den Rücken kehrte, ging es ihm wieder besser. Seine 2008 verfasste philosophische "Hinterlassenschaft" für seine drei Töchter ("Quintessenzen") wurde ein SPIEGEL-Bestseller, das von ihm begründete Informationsportal für MS-Betroffene macht bis heute zehntausenden Menschen Mut und Hoffnung. Im Westend Verlag erschien zuletzt "Die ganze Wahrheit über alles - Wie wir unsere Zukunft doch noch retten können." (2016, mit Mathias Bröckers).

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