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Generation Chillstand

Was wird die Generation Y der Welt hinterlassen? Eher nichts von Bedeutung, findet Milosz Matuschek, nicht einmal besonders viele Kinder. Dafür ein Datenmeer, das den Silicon-Valley-Konzernen zur Weltherrschaft verhilft. Dabei gelten die Jahrgänge ab 1980, auch „Millennials“ genannt, doch angeblich als die smarteste Generation, die es je gab, als hochgebildete „digital natives“. Anstatt jedoch aktiv die Zukunft zu gestalten, verwaltet sie lieber den Status Quo, begnügt sich mit der Jagd nach Statussymbolen und Diplomen als bloßem Selbstzweck, spiegelt ihr „Selfie“ in der eigenen Filterblase aus Klicks und Likes.

Wenn in Indien die Mahouts ihre Elefanten trainieren, binden sie die Jungtiere mit dicken Seilen an großen Bäumen fest. Die Tiere sollen sich so nicht losreißen und weglaufen können. Später verwenden die Elefantenführer für ein ausgewachsenes Tier von mehreren Tonnen Gewicht nur noch eine dünne Wäscheleine, ohne dass es flüchtet. Es reißt sich auch dann nicht los, wenn es Hunger oder Durst hat, obwohl die Schnur kein wirkliches Hindernis darstellt.

Für die Generation der Jungen stellt sich wie für die Elefanten die gleiche Frage: Kann, wer zu Begrenzung, Scheuklappen, Miniaturdenken und Konformismus erzogen wurde, später überhaupt noch ausbrechen? Die erwachsenen Elefanten in unserem Beispiel versuchen nicht einmal, sich zu befreien, weil sie nie etwas anderes erlebt haben. Die Option liegt für sie schlicht außerhalb der vorstellbaren Reichweite, sozusagen »outside the box«. Sie leben in einem kognitiven Gefängnis, dessen Gitterstäbe sie weder sehen noch fühlen können. Nutzt es also überhaupt etwas, sich über die Missstände, wie sie im ersten Teil beschrieben wurden, Gedanken zu machen, oder ist das alles letztlich nur nutzloses Wissen, weil die Veränderung ohnehin außerhalb unseres Horizonts liegt?

In den letzten beiden Teilen haben wir gesehen, dass die Realität um uns herum einer Art Versuchsaufbau mit wiederkehrenden Mustern gleicht: Die Außenwelt ist festgelegt, die junge Generation befindet sich in einer Blase aus falscher Freundlichkeit und Konformismus mit inszeniertem Leistungswettbewerb, dem man sich unterwirft und in welchem man trotzdem von den Gatekeepern der Macht, der Ressourcen und Informationen immer nur auf später vertröstet wird. Dieses hermetisch-dichte Gebilde ist atmosphärisch mit einem zeitgeistspezifischen, gleichförmigen Denken aufgeladen, es gleicht einer alchemistischen Phiole, in welcher wir nur die Elemente darstellen, die Objekte und nicht die Akteure. In einer Abfolge von Hypes und Krisen folgen wir wie bei in einem Akkordeon den Bewegungen, dem Wechsel der Moden und des herrschenden Tons. Der Einzelne bekommt dabei nur das zu sehen, was er sehen soll, die Kulisse des großen Schauspiels: Alle haben die gleiche Erziehung, die gleiche Bildung, die gleichen Informationen, die gleichen Produkte und die gleichen smarten Spielzeuge.

Wie Nutztiere grasen die Massen auf den Datenwiesen der Welt und lassen sich dabei bereitwillig von großen Technologie-Konzernen melken. Wir sind sogar noch dümmer als die Kühe, da wir für das allerneueste Melkgerät auch noch bezahlen. Die Arbeitswelt wird als alternativlos präsentiert. Obwohl jeder Mensch frei geboren ist, liegt er in Ketten, wie es bei Rousseau heißt. Das Leben wurde zwar geschenkt, muss aber trotzdem verdient werden. Schnell lernt man, dass jeder Mensch etwa 40 Jahre im Hamsterrad der Lohnarbeit laufen muss, bevor er in die Freiheit entlassen wird. Lohnarbeit ist die geschickteste Form der Sklaverei und Ausbeutung. Anders leben zu wollen, scheint sinnlos zu sein.

Willkommen in der Matrix, könnte man sagen. Diese Geschichte ist letztlich immer die gleiche, man kann unterschiedliche Bilder dafür finden, egal ob Blase, Matrix, Zwiebel, Matroschka, Schneekugel oder Schachtel – es geht immer darum, den Einzelnen in einen vorbereiteten Mikrokosmos zu zwängen und zu sagen: »Du bist toll, du hast alle Freiheiten. Aber die Wände deiner Welt bestimme ich.« Diese Erzählung ist uralt und sie funktioniert nach wie vor prächtig. Nichts anderes präsentierte bereits Platon in seinem Höhlengleichnis. Darin sind Menschen am Boden gefesselt und sehen die Realität nur als Schatten an der Wand, nicht die wahren Abläufe. Sie können sich nicht umdrehen und die Wahrheit erkennen, die der Projektion zugrunde liegt. Die Realität wird auf einen Ausschnitt verkürzt, bis alle irgendwann das Gleiche sehen, und sich denken: So ist es und nicht anders. Diese Verengung ist ein gewaltsamer Akt, es gibt kaum ein Herrschaftssystem, wo dies nicht der Fall ist. In der Demokratie wird das Bild der Wahrheit noch am »humansten« vermittelt. Statt zu Gewalt greift man zu medialer Manipulation, Softpowertechniken oder »nudged« den Bürger eben zu »vernünftigen« Entscheidungen.

Wie der Elefant im Beispiel merken wir die gefühlten Ketten des Alltags erst dann, wenn wir unseren Radius erweitern, die Grenzen nicht mehr akzeptieren, also »ungehorsam« werden. Bis dahin bewegen wir uns in einem bekannten Raum, der eine Illusion ist, der wir uns jedoch freiwillig unterwerfen. Der fiktive Radius der Außenwelt aus Bubble, Cargo Kult, Box und Loop wird jedoch erst mächtig, wenn wir ihn als Norm verinnerlicht haben. Das mächtigste Element dieses Versuchsaufbaus, der Knackpunkt sozusagen, ist demnach nicht die Außenwelt. Diese kann noch so schlimm sein und wird doch nur in seltensten Fällen eine Revolution auslösen. Der Knackpunkt ist das Bewusstsein. »Die mächtigste Tyrannei«, so Allan Bloom, »ist diejenige, die es schafft, das Bewusstsein für Alternativen auszuschalten.« Das eigentliche Gefängnis, sowohl für den Elefanten als auch für die Millennials, befindet sich im Kopf.

Wir müssen erkennen, dass wir permanent eine Brille aufhaben, die uns wie bei Platons Höhlengleichnis eine bestimmte Sicht der Dinge vermitteln will. Ansonsten gäbe es die ganze Welt der Medien, der Werbung und der PR nicht. Facebook und Google, zwei der heute erfolgreichsten Firmen, sind nicht zufällig die am stärksten werbegetriebenen Unternehmen. Denn sie wissen, wonach wir handeln. Google und Co. ziehen uns am Nasenring durch die Manege. Wir sehen nur die Geschäfte bei Google-Maps, die an Google zahlen. Facebook spielt mit unserem natürlichen Drang nach Vernetzung, Resonanz und Kommunikation. Jeder möchte gesehen werden und mit anderen in Verbindung stehen. Für dieses Bedürfnis bezahlen wir mit unseren Daten und machen uns transparent.

Diese Schwachstellen des menschlichen Geistes sind seit etwa 40 Jahren in der Psychologie als »Behavioral Economics« oder Verhaltensökonomie gut erforscht. Im Jahre 2006 bekam Daniel Kahneman dafür den Nobelpreis für Ökonomie – als Psychologe. Diese Forschungen interessieren seit jeher Regierende, Nachrichtendienste oder große Unternehmen und sollten daher auch uns interessieren. In den Jahren 2007 und 2008 unterrichtete Kahneman eine Masterclass, an welcher unter anderem Jeff Bezos von Amazon, Larry Page und Sergey Brin von Google, Elon Musk von Tesla sowie hohe Kader von Microsoft, Facebook, Twitter und Wikipedia teilnahmen. Besonders angetan waren die Herrschaften von der Technik des »Priming«. Dabei geht es darum, die Entscheidungsbasis des Menschen vorzuprägen, indem ihm immer wieder die gleiche Information zugespielt wird, zum Beispiel unbemerkt in Form von Flash-Smileys oder Nachrichten, die im Millisekunden-Tempo auf dem Bildschirm aufblitzen, um die Stimmung und das Verhalten des Nutzers zu beeinflussen. Sowohl die USA als auch Großbritannien engagierten den bekannten Verhaltensökonomen Richard Thaler, um sich erklären zu lassen, wie man die Bürger zu der (aus Staatssicht) richtigen Entscheidung »schubst«. Dieses Beispiel verdeutlicht einmal mehr, warum es so schwierig für die Generationen Y und Z ist, sich aus ihrer Situation zu befreien. Wie soll man etwas bekämpfen, was man gar nicht bemerken soll?

Milosz Matuschek

Milosz MatuschekMilosz Matuschek geboren 1980, ist Jurist, Publizist, Speaker und Entrepreneur. Er ist Autor mehrerer Bücher und Artikel für namhafte Zeitungen (u.a. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Cicero Online) sowie langjähriger Kolumnist der Neuen Zürcher Zeitung. Matuschek hat Rechts- und Sozialwissenschaften studiert und im Strafrecht promoviert. Er lebt in lebt in der Schweiz.

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