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Freie Märkte und freie Unternehmer können alles?

Sie spielt in den Jahren 2001 und 2002. „Ich glaube an Gott und die freien Märkte.“ Dieses Credo deklamierte Kenneth Lay, Chief Executive Officer (CEO) des amerikanischen Energiekonzerns Enron, und sein Vorgänger Jeff Skilling sekundierte: „Wir haben die Engel auf unserer Seite.“ Nach dem luziferischen Absturz der Enron-Engel analysierte der amerikanische Journalist Tom Frank die religiösen Aspekte der bis dahin größten Pleite in der amerikanischen Geschichte. Wie ein Sektenguru hatte Lay es verstanden, in der ganzen Welt eine Gemeinde mächtiger, ihm blind ergebener Gefolgsleute um sich zu scharen; keine lächerlichen Schwärmer, sondern ausschließlich harte Machtmenschen, gnadenlose „Realpolitiker“, „Sachverständige“, „Chefredakteure“. Diese Leute waren so mächtig, dass sie Regierung, Gesetzgebung, Rechtsprechung und öffentliche Meinung, alle vier öffentlichen Gewalten mehrerer Staaten, darunter der USA, Großbritanniens und Indiens, im Sinne ihres Gurus manipulieren konnten.

Unter großem Hallo haben die Enronisten die Privatisierung und „Deregulierung“ vormals öffentlicher Dienstleistungen betrieben: der Energie- und Wasserversorgung. Sie wurden nicht müde, ihre immer gleiche Heilsbotschaft in die Welt hinauszuposaunen: Nur vollkommen freie, an kein Recht und Gesetz gebundene Unternehmer sind in der Lage, die Menschen mit dem zu versorgen, was sie brauchen. Folgsam schafften die amerikanischen Staaten alle „hemmenden“ Vorschriften und behördlichen Kontrollen ab. Die Folge waren zum Beispiel katastrophale Stromausfälle und explodierende Strompreise in Kalifornien. Nur in Los Angeles blieben die Preise stabil, denn die Stadt hatte als eine der wenigen sich der enronistischen Dampfwalze entgegengestellt und ihre kommunale Stromversorgung behalten.

Kenneth Lay hingegen steckte sich für 2001 eine Bonuszahlung von 142 Millionen Dollar in die Tasche und konnte dazu das Gefühl genießen, einer der mächtigsten Männer der Welt zu sein. Zeitungen und Zeitschriften setzten Skilling und Lay auf die Titelseite, Bücher zum Zwecke ihrer Verehrung wurden weltweit vertrieben. Sechsmal in Folge wurde Enron von amerikanischen Fachzeitschriften zum „innovativsten Unternehmen der USA“ gewählt. Anfang 2002 verschwand Lay mit seinen Millionen und lies einen riesigen Bankrott hinter sich zurück. 22000 Arbeiter und Angestellte verloren ihre Stellen und den größten Teil ihrer privaten Altersvorsorge, denn die war – echt cool, wie es der Zeitgeist befiehlt – in Enron-Aktien angelegt. Lay hat sein Aktienpaket noch rechtzeitig verkauft; der Erlös ist unbekannt.

Lay und Konsorten haben dem Begriff „Global Player“ neue Farbe geben und ihn zur Kenntlichkeit entstellt. Dass Enron letztlich mit nichts Reellem mehr gehandelt hat – weder mit Rohren noch mit Kabeln noch mit Gas oder Strom –, sondern mit abstrakten Verträgen, Derivaten, Optionen, Konditionen, wurde von der Wirtschaftspresse immer wieder als besonders genial und zeitgemäß gefeiert. Am Rande des Skandals kam heraus, dass Enron die regelmäßig anreisenden Wallstreet-Analysten mit einer perfekten Kulisse gefoppt hat: Immer wenn die Herren ins Haus kamen, strömten Mitarbeiter in einen sonst leer stehenden Saal, starteten Computer, rannten hektisch hin und her, telefonierten mit anderen Kollegen und simulierten irgendwelche geheimnisvollen Geschäfte. Das Abstraktum, mit dem Enron handelte, war buchstäblich nichts. Dass Enron trotzdem ein paar Jahre lang dicke Gewinne ausweisen konnte, lag wohl zunächst an einem gut geölten Schneeballsystem; später wurde mit Bilanzfälschungen nachgeholfen. Enron was a fake.

Also, liebe Leser, seid gewarnt: Die Globalspieler meinen das ernst mit dem Spiel! Sie spielen mit uns und der Welt, und sie organisieren das Ganze so, dass es für sie persönlich immer nur nette Gewinne gibt, aber niemals böse Folgen. Die müssen andere ausbaden.

Damit das funktionierte, brauchten die CEOs ein Umfeld williger Vollstrecker, vor allem in den interessanten staatlichen Gremien. Tom Frank nennt einige Namen: Wendy Gramm, Frau des wichtigen US-Senators Phil Gramm, saß in einer Kommission über die Begrenzung von Warentermingeschäften. Sie setzte durch, dass Enron sich nicht an die 1993 beschlossenen Regeln halten musste. Lord John Wakenham, Abgeordneter der britischen Konservativen, setzte sich massiv für die Privatisierung der britischen Elektrizitätswerke und für den Einstieg von Enron in die britische Wasserwirtschaft ein. Frank Wisner, US-Botschafter in Indien, besorgte Enron Mitte der 1990er Jahre einen 3-Milliarden-Dollar-Auftrag zum Bau des Wasserkraftwerks von Dabhol. Als die betroffene Bevölkerung massiv gegen Umweltzerstörung, Landverlust und überhöhte Stromtarife protestierte und die indische Regierung einen Ausstieg erwog, da war es wieder der brave Frank Wisner, der die Regierung mit massiven Drohungen zurück auf die Enron-Spur trieb. Alle drei Genannten wurden später zum Dank in den Aufsichtsrat von Enron aufgenommen. Da war nicht viel zu tun: einmal im Jahr anreisen und Kontrolle durch die Aktionäre simulieren, dafür gab es eine nette Tantieme.

Bis zuletzt haben die Investmentbanken, darunter J. P. Morgan und die Deutsche Bank, die Enron-Tour gedeckt, alle Verluste in obskuren Tochtergesellschaften zu verstecken. Als der bekannte Wall-Street-Analyst Daniel Scotto im August 2001 als Erster seiner Branche vor dem Kauf von Enron-Aktien warnte, wurde er rasch entlassen. Seine folgsameren Kollegen stimmten noch im November, drei Tage vor Bekanntgabe des Konkurses, mit sechs zu eins für Kaufen beziehungsweise Halten des Lügenpapiers.

Das Enron-Debakel regte den damals 94-jährigen amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler und engagierten Demokraten John Kenneth Galbraith zu seinem letzten Buch an: The economics of innocent fraud (Die Ökonomie des unschuldigen Betrugs). Er hatte beobachtet, dass die meisten gläubigen Anhänger der Enron-Ökonomie nicht nur das Publikum, sondern auch sich selbst betrogen hatten; insofern waren sie unschuldige Betrüger. Galbraith geht in dem Buch einigen ihrer Glaubenssätze nach. Dazu gehört der Begriff „freier Markt“ oder „freie Marktwirtschaft“, der das Wort „Kapitalismus“ weitgehend verdrängt hat. Auch der Sektenführer und Konkursbetrüger Lay berief sich, wie zitiert, auf seinen Glauben an die freien Märkte. Auf einem „freien Markt“ bestimmen die Käufer, also die Verbraucher darüber, was produziert wird. So lehren es die volkswirtschaftlichen Lehrbücher. Die Realität sieht anders aus, weil es die Konzerne häufig schaffen, mit millionenschweren Werbe- und PR-Kampagnen die gefühlten Bedürfnisse der Verbraucher zu manipulieren. Wie Galbraith berichtet, wurden seine Hinweise auf dieses Faktum von vielen Berufskollegen regelmäßig beiseite gewischt.

Ein weiterer Betrug und Selbstbetrug, mit dem Galbraith aufräumt, ist der Glaube, es gebe einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen „freien Unternehmen“ und dem Staat. Galbraith verweist auf die starken Verflechtungen zwischen Rüstungsindustrie und Militär/Verteidigungsministerien. Inzwischen kennen wir viele weitere Beispiele, wo Privatunternehmen staatliche Aufgaben übernommen haben und dabei ganz eng mit Staatsorganen verbunden sind. Das wird meist nur dann bekannt, wenn etwas schiefgegangen ist wie die Bewachung von Flüchtlingsunterkünften in Nordrhein-Westfalen oder die Passagierkontrollen im Frankfurter Flughafen. In den USA hat das Pentagon sogar das Foltern von Kriegsgefangenen einem Privatunternehmen überlassen.

Wer glaubt, Enron sei ein Einzelfall und in Deutschland sowieso nicht möglich, der sei an die Fälle Toll Collect, Hypo Real Estate, Airbus A400M und Flughafen Berlin erinnert. Da parodieren wir einen Werbespruch: Wir können alles, nur keine Bank führen, keinen Flughafen bauen, keine Maut kassieren …

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Jens Jürgen Korff

Jens Jürgen KorffJens Jürgen Korff, geboren 1960 in Aachen, ist studierter Historiker und Politologe, Werbe- und Webtexter, Autor von Umweltlexika und aktiv im Umwelt- und Klimaschutz. Er lebt in Herford. Zusammen mit Gerd Bosbach hat er den Bestseller Lügen mit Zahlen. Wie wir mit Statistiken manipuliert werden geschrieben.

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