/Kommentare/Es lebe die Freundschaft!

Es lebe die Freundschaft!

Mit der Pandemie und der Reduzierung sozialer Kontakte hat das Problem der Einsamkeit vieler Menschen in unserer Gesellschaft einen starken Schub bekommen. Sebastian Schoepp stellt sich dieser Entwicklung mit einem starken Plädoyer zur Rettung der Freundschaft entgegen. In einem weiten Spannungsbogen von der Antike bis in unsere Gegenwart beschreibt er die Freundschaft als soziales Konstrukt und betonstarkes Gefühl einer oft lebenslangen Verbindung mit einem hohen Stellenwert für die Gesellschaft, das soziale Leben und die psychische Gesundheit des Einzelnen. Wir sollten uns für Freundschaften bedingungslos öffnen. Ein Kommentar.

Die Freundschaft ist über jeden Zweifel erhaben, oder? Wenn man in die Geschichte blickt, stößt man jedenfalls allenthalben auf große Worte. Die alten Griechen sahen in ihr einen Pfeiler des Staates, die Philosophie pries sie als die Kraft, die den Menschen erst zum Menschen mache. Im Idealismus wurde sie, etwa von Goethe und Schiller, öffentlich zelebriert. Soziologinnen und Soziologen sprechen ihr heute die Fähigkeit zu, Triebkraft für sozialen Wandel zu sein, die Psychologie sieht in ihr ein Bollwerk gegen Depressionen. Die Feministin Marilyn Friedman schrieb: „Freundschaft stellt in unserer Kultur die unumstrittenste, beständigste und befriedigendste aller engen persönlichen Bindungen“ dar. Alles bestens also?

Mitnichten. Sieht man genauer hin, stellt man fest, dass die Freundschaft sich in einer Krise befindet, ja vielleicht der tiefsten, die sie je durchlaufen hat. Wir netzwerken bis zum Umfallen und ertrinken in Kontakten, doch gleichzeitig grassiert die Einsamkeit, viele Menschen klagen, dass sie in ihrem eng vertakteten Leben zwischen Berufs- und Familienpflichten kaum noch Zeit fänden für echte, tiefe Freundschaften, die das Herz öffnen und den ganzen Menschen erfassen. Denn Freundschaft will gepflegt werden, sie macht also Arbeit. Und haben wir nicht eh schon genug zu tun?

Social Distancing im Zuge der Corona-Pandemie hat alles noch schwieriger gemacht. Die Einsamkeit vieler Menschen in unserer Gesellschaft hat durch die erzwungene Vereinzelung einen starken Schub bekommen. Viele Freundschaften sind zudem über die Meinungsverschiedenheit über die Pandemiemaßnahmen zerbrochen. Freundschaft erhebt den Menschen über das Ziel, behauptet der Psychiater Bodo Unkelbach. Doch die gesellschaftliche Entwicklung verläuft in die entgegengesetzte Richtung: Freundschaften scheitern schon an den kleinsten Meinungsverschiedenheiten über korrekte Lebensführung und politische Sachfragen, was nicht zuletzt die Coronakrise mit Macht gezeigt hat. Wo aber die Sache über dem Menschen steht, da wird Freundschaft unmöglich. Ist sie überhaupt der Mühe wert?

Die Antwort kann nur ein schallendes Ja sein: Gerade unsere von gesellschaftlicher Spaltung, Konflikten und Krieg geprägte Epoche hat freundschaftliche Beziehungen vielleicht nötiger als jede zuvor. Und muss ich einen Freund, eine Freundin wirklich gleich „entfreunden“ oder aus der Filterblase entfernen, nur weil er oder sie zu einem umstrittenen Thema anderer Meinung ist? Oder wachsen wir nicht gerade im Austausch der Meinungen, im freundschaftlichen Widerstreit? Vielleicht kann ich ja etwas dazulernen, vielleicht kann ich die Freundin, den Freund, überzeugen? Eines ist klar: Wer innerlich aufrüstet oder sich abschottet in narzisstisch aufgeladenen „Ego-Netzwerken“, vergibt eine Chance zum inneren Wachstum.  Denn eigentlich liegt doch genau darin der Reiz der Freundschaft: voneinander zu lernen.

Und Freundschaft kann noch mehr: Sie kann ein subversiver, fast anarchischer Gegenpol zu dem zwanghaften Leben aus Pflichten und Verbindlichkeiten sein, in das wir uns eingemauert haben. Wer Freundschaft über Grenzen hinweg pflegt, kann zur Völkerverständigung beitragen. Sie kann gesellschaftlichen Wandel herbeiführen. Nicht umsonst war die Freundschaft Autokraten und Diktatoren stets suspekt. Freundeskreise tragen die Kraft zur politischen Veränderung in sich, sie können zu Keimzellen wichtiger Reformen heranreifen.

Von Soziologie wird der Freundschaft besondere Bedeutung für Menschen zugesprochen, die nicht in die normierten Strukturen passen – entweder weil sie nicht wollen oder weil sie aufgrund biografischer, vielleicht traumatischer Kindheits- und Familienerfahrung nicht können. Seit den 1980er Jahren wird diskutiert, ob die Wahlfamilie ein Instrument emotionaler und materieller Absicherung in Konkurrenz zur biologischen Familie sein kann. Schließlich hätten sich, so schrieb einst Ulrich Beck, freundschaftsbasierte Beziehungen im Leben vieler Menschen als die dauerhafteren erwiesen als die erotische Liebesbeziehung.

In der Antike war es normal, dass Freundinnen und Freunde im Alter oder bei Krankheit füreinander einstanden. Können sie uns auch heute wieder auffangen bei existenziellen Problemen? Lange Zeit gab es kaum eine Möglichkeit, tragfähige freundschaftlichen Beziehungen auf ein institutionelles Fundament zu stellen. Das könnte sich jetzt ändern. Im Koalitionsvertrag der Ampelregierung ist die Absicht festgehalten, das Rechtsinstrument der „Verantwortungsgemeinschaft“ zu etablieren, über das Freundschaften ähnlich rechtlich abgesichert werden könnten, wie das bisher nur über die Ehe oder die eingetragene Lebenspartnerschaft möglich ist. Zweifellos der richtige Weg, den gesellschaftlichen Verhältnissen gerecht zu werden, die uns zu ständiger Mobilität zwingen, in der tradierte Beziehungen sich auflösen und Verwandtschaftlichkeit immer seltener gelebt wird.

Eines jedoch muss auch klar sein: Freundschaft darf nicht mit Erwartungen überfrachtet werden, sie gehorcht keinem Nutzwert. Wer Freundschaft zu erzwingen sucht, wird sie verlieren. Sie ist und bleibt ihrem Wesen nach eine Beziehung unter Gleichen, die auf Freiwilligkeit beruht. Sie sei durchdrungen von Verantwortungslosigkeit, von köstlicher Willkür, warnte C.S. Lewis. Und hatte er nicht Recht? Freundschaft macht nicht reich, sie ernährt uns nicht und sorgt nicht für Nachkommen, sie ist eigentlich völlig überflüssig – so überflüssig wie die Kunst, die Kultur, die Philosophie, die Musik. Und sind es nicht zuletzt solche Dinge, die unserem Leben Leichtigkeit verleihen?

Sebastian Schoepp

Sebastian SchoeppSebastian Schoepp, geboren 1964, hat Kommunikationswissenschaften, Romanistik und Amerikanistik in München sowie Journalismus in Barcelona studiert. Er hat beim „Argentinischen Tageblatt“ in Buenos Aires volontiert und viele Jahre lang als Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ über Spanien und Lateinamerika berichtet. Außerdem war er als Dozent an der Universität Barcelona tätig. Bei Westend sind seine Bücher „Das Ende der Einsamkeit“, „Mehr Süden wagen“ und zuletzt „Seht zu, wie Ihr zurechtkommt“ erschienen, in dem es um die Pflege und den Abschied von seinen Eltern geht. Der Autor lebt im Kreise seiner Wahlfamilie in der Nähe von München.

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