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Endspiel Europa

Ulrike Guérot und Hauke Ritz beleuchten in ihrem neuen Buch die Jahre der Europäischen Union seit 1992 und besinnen sich auf die ursprünglichen europäischen Werte und Ziele: ein souveränes Europa und eine kontinentale Friedensordnung. Die Entwicklungen, die dem Ukraine-Krieg vorangingen, beleuchten sie genau und bringen bisher weitgehend Unbekanntes ans Licht. Sie fordern ein Umdenken hin zu einem eigenständigen Europa, das gegenüber Amerika und Russland als gleichwertiger Partner auftritt.

Was ist Europa? Wer in den unendlich vielen Büchern stöbert, die sich über die letzten Jahrzehnte über Europa, seine Idee von sich selbst, seine Identität und sein politisches Projekt angesammelt haben, wer eintaucht in dieses fast sehnsüchtige Nachdenken oder gar Grübeln über Europa, seine Ziele, seine Wünsche, seine Selbstbeschreibungen und Selbstzuschreibungen in Jahrzehnten von philosophischem, politischem, kulturellem oder schriftstellerischem Nachdenken; wer in den konstitutiven Texten blättert, die Europa geprägt haben, vom antifaschistischen Manifest von Ventotene von 1941 bis zur Erklärung von Laeken 2001, die den europäischen Verfassungsprozess begründete; wer die Reden von Altiero Spinelli, Helmut Kohl, Francois Mitterrand oder Vaclav Havel liest; wer die akademischen Texte von Jürgen Habermas und Jacques Derrida vom Beginn des Jahrhunderts oder jüngere europäische Manifeste über den Charakter liest, den eine europäische Verfassung beziehungsweise Ordnung haben müsste, der landet immer wieder bei den gleichen Begriffen, die den Wesenskern des Europäischen beschreiben: Subsidiarität, Kultur und Diversität. Solidarität, Regionen und Bürger. Autonomie, Genossenschaft und Gemeinwohl. Laizismus und Glaube. Rebellion und Revolution. Einheit, Föderation und Republik. Ästhetik und Vernunft. Gemeinschaft. Frieden, Freiheit und Gleichheit. Das sind die europäischen Werte, die Laurent Gaudé in seinem L’Europe, Banquet des Peuples eindrucksvoll beschreibt.

Europa ist – nur kursorisch – die Überwindung der Guillotine, nicht der Todesstrafe; es ist die Mutter der Aufklärung und nicht der Sprechverbote. Europa ist die Erfindung der Republik von Platon bis Kant. In Europa wurden 1789 aus Untertanen Bürger und politische Subjekte, Europa ist antifeudal und keine Plutokratie. Europa ist das Land der kleinen Leute, der ältesten Weinreben der Welt, der regionalen Biere und der Gitanes, des seufzenden Akkordeons und der Orgel, von Warschau bis Messina. Es ist Pasolini, nicht Hollywood. Europa ist Solidarność, nicht das »Jawoll« der Gestapo. Europa ist nicht  Brzezińskis Schachbrett, es ist kein geostrategischer Akteur, aber auch kein Territorium für die geostrategischen Gelüste anderer. Fast jeder in Europa hat einen Vorfahren aus einem anderen Land und fast jede europäische Familie eine Kriegs- oder Flüchtlingsgeschichte zu erzählen. Europa ist Revolte, ja, Mutter der Revolution, von Paris bis Petersburg egalitär, nicht bourgeois. Europa ist Rebellion gegen soziale Missstände und kein Anhimmeln von »Rockefeller-Karrieren«. Europa, das sind Bauernaufstände gegen den Adel und es ist seine höfische Kultur, der Kontinent der klassischen Musik, das Land der romanischen Kirchen und der Kathedralen von Barcelona über Mailand bis Köln. Europa, das ist Malerei von Leonardo da Vinci bis Picasso. Europa, das ist freie Rede von Voltaire bis Rosa Luxemburg. Jeder, der zwischen Dublin und Athen in Europa aufgewachsen ist, egal wo, weiß, was Europa ist, hat die Einheit in Vielfalt eingeatmet und das europäische Babel genossen, das nichts, aber auch gar nichts mit der gleichförmigen Starbucks-(Un-)Kultur gemein hat, die die USA inzwischen wie Mehltau überzieht. Jeder, der in New York oder Los Angeles ist, findet es vielleicht great. Aber jeder, der in Kiew, St. Petersburg oder Moskau ist, weiß, dass er in Europa ist, denn kein Europa ohne Dostojewski, das Bolschoi-Theater oder Tschechow. Europa ist inmitten eines Kulturbruches und die Frage ist, ob das amerikanisierte Europa heute überhaupt noch in der Lage wäre, europäische Künstler-, Film und Sänger-Ikonen wie Wim Wenders, Pier Paolo Pasolini, Claude Chabrol, Edith Piaf, Jacques Brel oder Josef Beuys hervorzubringen. Sie sind Relikte eines kulturellen Europas, das sich verloren hat.

Die europäische Kultur ist über einen mehrere Jahrhunderte dauernden Prozess von der Malerei über die Musik bis hin zur Baukunst zur Weltkultur geworden. Doch diese europäische Kultur wurde im letzten halben Jahrhundert zunehmend von den USA interpretiert. Diese amerikanische Interpretation der europäischen Weltkultur ist stark und gewährleistet die Soft Power der USA, solange sie die einzige ist. Das Potenzial, die amerikanische Interpretation der europäischen Kultur infrage zu stellen, besitzt derzeit nur Russland. Nur Russland verfügt innerhalb des europäischen Kulturraums über genügend staatliche Unabhängigkeit, um auch kulturell einen eigenen Standpunkt zu behaupten. Das daraus hervorgehende intellektuelle und kulturelle Potenzial Russlands stellt eine Vergleichbarkeit her, die die USA vielleicht noch mehr fürchten als die russischen Atomwaffen. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass die USA vor allem daran interessiert sind, Russlands staatliche Souveränität zu brechen, bevor aus der Erinnerung an eine kulturelle, russisch-europäische Verbundenheit eine politische Versuchung wird, die Europas Emanzipation beflügeln könnte.

Denn Europa ist die Republiques des Lettrès, der Hort des Geistes, des Dritten, des tertium non datur. Allein schon deswegen kann sich Europa politisch, strategisch oder ökonomisch nicht fest zuordnen, kann sich kulturell nicht auf eine Seite stellen, nicht einseitig sein. Es braucht einen Schutzraum zwischen »Chimerica«, ein »Zwischenland«, eine neue Form europäischer Staatlichkeit, die ihm genau die Entfaltung dieser Werte ermöglicht. Diese muss jetzt neu gedacht werden, wenn Europa eine andere Chance haben soll, als zum amerikanisierten Rumpf zu verkommen.

Europa hat tief in seinem Innersten eine EUtopie, die humanistisch, antifaschistisch, antimilitärisch, inter-nationalistisch und antikapitalistisch ist. Das spricht aus allen seinen konstitutiven Texten, weil es dieses Europa ist, dass immer wieder aus den Trümmern von Nationalismus und kapitalgetriebenem Militarismus entstanden ist. Europa ist mithin die Antithese zu Nationalismus, Militarismus und Kapitalismus. Aber genau diese drei Ismen finden, unter amerikanischer Führung, ihre derzeitige Apotheose im Krieg in und um die Ukraine. Nutzen tut dieser Krieg weder der Ukraine noch Europa. Auch nicht Russland, das in diesen Krieg gedrängt wurde. Dieser Krieg dient nur der Waffenindustrie und den USA. Und tendenziell China, das interessiert zuschaut und seine Schlüsse daraus zieht, während es selbst über die Seidenstraße immer tiefer in den europäischen Speckbauch vordringt, ohne dass Europa zurzeit gleichberechtigt am Seidenstraßenprojekt beteiligt wäre. Deswegen muss Europa alles tun, um diesen Krieg sofort zu beenden.

Ulrike Guérot

Ulrike GuérotUlrike Guérot studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Philosophie in Bonn, Münster und Paris. Sie ist Professorin, Autorin und Aktivistin in den Themenbereichen Europa und Demokratie, mit Stationen in Think Tanks und an Universitäten in Paris, Brüssel, London, Washington, Berlin und Wien. 2014 gründete sie das European Democracy Lab, e.V., eine Denkfabrik zum Neudenken von Europa. 2016 wurde ihr Buch „Warum Europa eine Republik werden muss. Eine politische Utopie" europaweit ein Bestseller. Im Herbst 2021 trat Ulrike Guérot ihre Professur für Europapolitik an der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms Universität Bonn an. STELUNGNAHME DES VERLAGS ZU DEN VORWÜRFEN GEGEN FRAU Dr: ULRIKE GUÉROT:: www.westendverlag.de/OA/Stellungnahme_Guerot.pdf (zum Download bitte die URL in die Adresszeile ihres Borwsers einfügen)

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