/Kommentare/Eine politische Botschaft entgegen den Regeln: Krimtatarin siegte beim Eurovision Song Contest

Eine politische Botschaft entgegen den Regeln: Krimtatarin siegte beim Eurovision Song Contest

Die Krimtatarin Jamala aus Kiew, mit bürgerlichem Namen Susana Dschamaladinowa, wurde Siegerin beim Eurovision Song Contest. Mit einem Lied über „das Leiden ihrer Familie bei der Vertreibung von der Halbinsel Krim unter Sowjet-Diktator Josef Stalin“, wie Die Welt und andere Medien am 15. Mai 2016 berichteten. Dschamaladinowa wird in der Ukraine wie eine Nationalheldin gefeiert.

Präsident Petro Poroschenko ehrte die 32-jährige Sängerin mit dem Titel „Volkskünstlerin der Ukraine“ und sagte: „Du hast einen großen Beitrag dafür geleistet, dass die Frage der Krim erneut auf den ersten Zeitungsseiten auftauchte.“ Der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko schloss sich dem an: „Ich bin unglaublich stolz auf die Ukraine, und ich bin Jamala dankbar für diesen Sieg, der für uns alle heute wichtig ist“; und der in Kiew lebende Funktionär der Tataren, Refat Tschubarow (Partei „Block Petro Poroschenko“), lobte die Preisvergabe als „wichtigen Schritt für die Befreiung der Krim.“ Gebetsmühlenartig wird die „Annexion“ der Krim durch Russland ins Gespräch gebracht, die in Wirklichkeit eine Sezession war – ein gravierender Unterschied, auf den einzugehen in Politik und Medien strikt vermieden wird.¹

Dass es in den Regeln für die Teilnahme am ESC heißt: „Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur sind während des Contests untersagt“, ist offenbar ohne Bedeutung, wenn es um eine Aufwertung der Ukraine und gegen Russland geht. Ebenso wenig kümmert es, dass Dschamaladinowa ihren Song schon mal im Mai 2015 veröffentlicht hatte, was ebenfalls gegen die Regeln verstößt. Die Jury des ESC attestierte dem Song mit dem Titel „1944“, er enthalte keine politische Botschaft, obwohl sogar die Sängerin selbst betont hat, dass ihr Song ein politischer sei: „Mein Lied ist jetzt noch aktueller, leider. Ich singe für die ganze Ukraine, für die Krim. Ich möchte, dass mein Leid ein Tropfen in dem Ozean wird und hilft, die Probleme der Ukraine und der Krimtataren zu lösen.“ Auch die Vorveröffentlichung wurde als unerheblich abgetan. Offensichtlich kommt hier wieder die altbewährte Methode zum Tragen, Zwietracht zu säen, indem versucht wird, Minderheiten oder Ethnien zu instrumentalisieren.

In Russland gab es heftige, durchaus nachvollziehbare Proteste gegen die Entscheidung der Jury. Denn nach der Publikumswertung lag der russische Teilnehmer Sergey Lazarev an erster Stelle. Er wurde allerdings nach der Gesamtwertung nur Dritter, weil er von den Juroren in 20 von 41 Ländern null Punkte erhielt. Bereits vor der Austragung des Wettbewerbs hatten russische Abgeordnete zu Recht, aber vergeblich gefordert, die ukrainische Sängerin wegen des politischen Inhalts ihres Beitrags zu disqualifizieren. Die Forderung wurde von den ESC-Veranstaltern mit der fadenscheinigen Begründung zurückgewiesen, man könne nicht russischen Zensurwünschen entsprechen. Umso peinlicher, dass der ESC trotz einer politisch motivierten Fehlentscheidung, die sich bereits im Vorfeld ankündigte, in Aachen mit der Karlsmedaille für europäische Medien (Médaille Charlemagne pour les Médias Européens) bedacht wurde.

Wenn es um die Demütigung Russlands geht, ist kein Preis zu schade. Bekanntlich erhielt der Kiewer Bürgermeister und ehemalige Boxer Vitali Klitschko, ein ukrainischer Hardliner, 2014 den von einer angeblichen Elite des europäischen Journalismus vergebenen „M 100 Media Award“ für Verdienste um Demokratie, Meinungsfreiheit und Völkerverständigung; 2015 wurde ihm noch von der Stadt Köln der Konrad-Adenauer-Preis für sein „beispielloses Engagement für Frieden und Demokratie in der Ukraine“ verliehen. Und die wegen tendenziöser Berichterstattung über Russland und die Ukraine von zahlreichen Zuschauern kritisierte ARD-Korrespondentin Golineh Atai wurde von der Branchenzeitschrift medium magazin für „herausragende Berichterstattung“ über die Ukraine-Krise als Journalistin des Jahres 2014 ausgezeichnet; im Oktober 2014 erhielt sie den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für ihre „Tugenden der persönlichen Zurückhaltung, der akribischen Ernsthaftigkeit und des unbedingten Willens zur Aufklärung“.

Inzwischen reiht sich auch außerhalb der „großen Politik“ auf den Nebenschauplätzen des Aggressions- und Informationskrieges gegen Russland eine Ungeheuerlichkeit an die andere. Der diskriminierende Umgang mit Russland im Unterhaltungssektor liegt auf derselben Linie wie der Versuch, den russischen Leichtathletikverband wegen Dopingvorwürfen von allen internationalen Wettbewerben auszuschließen und für die olympischen Sommerspiele 2016 in Brasilien zu sperren. Bereits am 26. Februar 2016 schrieb ich in den NachDenkSeiten zur Nominierung Jamalas und einer angeblichen Infiltrierung Deutschlands und Europas durch Russland unter anderem:

Moskau, die Krimtataren und die USA

Dass die Infiltrierung bereits bis in die Unterhaltungsbranche vorgedrungen ist, allerdings um die Sicht Deutschlands und der Kiewer Ukraine in die Welt zu tragen, lese ich am 23. Februar 2016 zum Frühstück auf der ersten Seite meiner Lokalzeitung. Eine Krimtatarin will nämlich für die Ukraine mit einem kritischen Lied den Eurovision Song Contest gewinnen. Der Song, mit dem die Sängerin das Land im Mai in Stockholm vertreten will, handelt von der Deportation der Krimtataren unter stalinistischer Herrschaft. „Dennoch – oder gerade deshalb – wurde sie von einer Jury und dem Fernsehpublikum auserkoren“, lese ich, und dass die Krimtataren als „Nazi-Kollaborateure“ verfolgt und 1944 nach Zentralasien zwangsumgesiedelt wurden.

Warum ich diese Informationen erhalte, wird sogleich deutlich. Ich erfahre, das Lied beschreibe genau, worunter die Ukraine heute wieder leide: „2014 hatte Russland die Krim annektiert.“ Aber die Tataren lehnten die Annexion wegen ihrer historischen Erfahrungen vehement ab. Und seither gehe Moskau „hart gegen die Minderheit vor“. Aktivisten seien festgenommen, Anführer verbannt worden. Dazu fällt mir ein, Wochen zuvor eine Meldung gelesen oder gehört zu haben, dass in der Ostukraine von Nationalisten Strommasten gesprengt wurden, um die Stromversorgung für die Krim zu unterbrechen. Mitten im Winter waren die Bewohner der Krim tagelang ohne Elektrizität.

Außerdem erinnere ich mich, eine Rede des russischen Präsidenten Wladimir Putin gelesen zu haben, in der er sagte: „Ja, es gab eine Zeit, als man den Krimtataren, wie auch anderen Völkerschaften der UdSSR gegenüber, mit Härte und Ungerechtigkeit aufgetreten ist. Ich will eines sagen: Millionen von Menschen verschiedener Nationalitäten wurden Opfer der damaligen Repressionen, vor allem natürlich auch Russen. Die Krimtataren sind inzwischen in ihre Heimat zurückgekehrt. Ich bin der Ansicht, dass es notwendig ist, alle politischen und rechtlichen Schritte dazu zu unternehmen, die Rehabilitation der Krimtataren zu vollenden und ihren guten Namen in vollem Umfang wiederherzustellen. Wir achten Vertreter aller Nationalitäten, die auf der Krim leben. Das ist ihr gemeinsames Haus …“

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¹ Zur angeblichen Annexion der Krim, mit der u.a. die Wirtschaftssanktionen und die Aufrüstung begründet werden, die aber de facto eine Sezession war (und nach meiner Recherche durchaus berechtigt), hier weitere Informationen:
„Die Eroberung Europas durch die USA“, Westend Verlag, S. 157 f.; sowie: Prof. Dr. jur. Reinhard Merkel (Mitglied des Deutschen Ethikrats) in der FAZ vom 7.4.2014

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Wolfgang Bittner

Wolfgang BittnerWolfgang Bittner lebt als Schriftsteller in Göttingen. Der promovierte Jurist verfasst Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder, erhielt mehrere Preise und Auszeichnungen und ist Mitglied im PEN. Von 1996 bis 1998 gehörte er dem Rundfunkrat des WDR an, von 1997 bis 2001 dem Bundesvorstand des Verbandes deutscher Schriftsteller. Wolfgang Bittner war freier Mitarbeiter bei Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehen und veröffentlichte mehr als 60 Bücher, zuletzt "Die Abschaffung der Demokratie".

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